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Freitag, 28. November 2014

Bolt & Anchor Failures at San Vito / Sicily

Es ist erst 1.5 Jahre her, seit wir in San Vito auf Sizilien tolle Kletterferien verbracht hatten. Der Zustand von einigen Bohrhaken hatte mir damals schon etwas Anlass zum Stirnrunzeln gegeben. Doch in den letzten Wochen ereigneten sich zwei schockierende Zwischenfälle, deren Kenntnis mir für alle Sizilien-Reisenden unerlässlich scheint. Aber auch wenn man keine Reise auf die Insel gebucht hat, so schadet es doch nicht, dieses Posting zu lesen. Bohrhaken-Korrosion ist bei allen in Meeresnähe gelegenen Gebieten, also auch auf Kalymnos, Sardinien und Konsorten ein Major Issue, und Vorsicht ist immer angebracht.

Am 16. November 2014 kletterte Stefan Rass aus Österreich die 8a mit dem Namen Pocahontas Loveline im Pipeline-Sektor am Salinella-Felsband. Beim Ablassen brach der Block aus, an welchem die Umlenkung befestigt war. Das Seil bremste seinen Sturz zwar noch, trotzdem zog er sich schwerste Verletzungen zu. Weitere Details dazu sowie einen Spendenaufruf für seine junge Familie findet man auf Planetmountain (auf Englisch). Ein solcher Felsausbruch am Stand ist natürlich der absolute Horror, und Sportklettern ist nun einfach beinahe unmöglich, wenn man den Umlenkungen nicht vertraut. Umso mehr stehen alle Erschliesser in der Verantwortung, diese nur in grundsoliden Fels zu versenken. Gerade am Salinella-Felsband ist das aber gar nicht immer so einfach, da der Fels am Ende der Route oft blockig wird und von der Vegetation durchsetzt ist. Nachtrag: bei der Recherche nach dem Namen der Unfallroute griff ich zu meinem Topo des Gebiets. Als ich die Seite mit dem Pipeline-Sektor aufblättere, schaudert es mich plötzlich gewaltig. "Achtung, Umlenker in hohlem Fels" hatte ich mir bei dieser 8a notiert - ein Kollege hatte dies beim Klettern bemerkt, denjenigen der Nebenroute benützt und mich gewarnt. Da ich die Route nie probiert hatte, war mir dieser Umstand beim ersten Lesen der Unfallmeldung und beim Schreiben des Postings gar nicht mehr bewusst.

Der ausgebrochene Block mit dem Stand. Photo by Elio Bonfanti, planetmountain.com
Glimpflicher ging ein anderer Zwischenfall im Oktober 2014 aus - ebenfalls in San Vito, und zwar am Monte Monaco in der Route La Collina dei Conigli (6b+). Dort brach nicht ein Felsblock aus, aber ein Bohrhaken an einem Stand ging kaputt, während ein Kletterer am Abseilen war. Eine alte Schlinge, welchen diesen mit dem zweiten Haken verband, verhinderte mirakulös die Katastrophe und rettete auch zwei weitere Kletterer, welche an demselben Stand gesichert waren. Dieser Unfall ist auf (für jedermann einsehbar, lesbar sofern man dem Italienischen und Französischen mächtig ist) auf Facebook dokumentiert. Es befindet sich dort auch ein Statement des bekannten Erschliesser Michel Piola. Sein Fazit: das Klima auf Sizilien sei ähnlich zu jenem in Thailand oder auf Madagaskar, wo es bereits bestens bekannt ist, dass selbst rostfreie Bohrhaken im tropisch-feuchten Meeresklima nicht lange der Korrosion (sogenanntes Stress Corrosion Cracking, SCC) widerstehen. Er wirft den Gedanken auf, alle Felsen um San Vito zu sperren (oder zumindest zu meiden), bis alle Routen mit zuverlässigem Material saniert seien. Logischerweise wird dieser Prozess dauern, teuer und sehr arbeitsaufwendig sein. Ebenso klar ist sein Statement, dass das Einrichten mit allen Materialien die schlechtere Stahlqualität als A316L aufweisen, fahrlässig oder gar kriminell sei. Leider aber wird in vielen Gebieten nicht nur mit minderem Material erschlossen, sondern sogar noch damit saniert. Je nach Klima und Exposition beträgt die Lebensdauer von solchem Material wenige Monate bis wenige Jahre...

Pling, aber die Schlinge hat zum Glück gehalten. BH-Bruch am Monte Monaco in Sizilien. Foto: M. Piola / facebook.com
Nachtrag II: Ich wurde nun bereits einige Male gefragt, ob man denn eine Kletterreise nach Sizilien noch empfehlen könne und wie man die erwähnten Gefahren minimieren könne. Zum ersten Punkt meine ich ja - mit dem Wissen, dass Bohrhaken keine 100%-Sicherheit bieten, weder auf Sizilien noch sonstwo. Die Sache mit dem Umlenker stufe ich als tragischen Einzelfall ein, das bedeutet nicht, dass die Kletterei am Salinella-Felsband per se gefährlich ist. In schlechtem Fels platzierte Umlenker sind zum Glück selten, derjenige in der Pocahontas Loveline ist aber bestimmt auch nicht der einzige. Ich erinnere mich an Routen in der Schweiz, in Italien, in Spanien und in Kalymnos, wo ich dem Fels in dem der Umlenker steckte nicht vertraut habe, und darum die Route (oft mühsam) irgendwie anders abgebaut habe. Die Gefahr ist heimtückisch und nicht einfach zu erkennen. Ein relativ simpler Test ist es, rasch mit einem Karabiner auf den Fels neben dem Haken zu klopfen. Das identifiziert zwar nicht jede Gefahrensituation, falls es aber auf diese Weise schon hohl tönt, dann ist höchste Vorsicht angezeigt. Der Test ist an neuralgischen Punkten (Umlenker und entscheidende Zwischenhaken) durchaus zu empfehlen... sicher aber auch exotisch. Mich hat die Erfahrung von ein paar Tausend eigenhändig und sorgfältig versenkten Bolts aber eben gelehrt, dass der Fels längst nicht überall gut genug für ein BH-Placement ist.

Der zweite Punkt mit den Haken und dem Klima, das schon etwas systematischeres. Allerdings betrifft das wie erwähnt nicht nur Sizilien, sondern im Prinzip alle Klettergebiete in Meeresnähe. Auch auf Sardinien und in Kalymnos gab es schon Bolt Failures, und es werden nicht die letzten gewesen sein. Vorsicht ist vor allem dort angezeigt, wo die BH nur aus A2-Stahl gefertigt sind, was leider generell sehr verbreitet der Fall ist. Die Qualität ist übrigens in der Regel auf der Schraubenmutter eingeprägt. In der Gegend um San Vito sind mir qualitativ schlechte Haken vor allem an der Crown of Aragorn, an der Never Sleeping Wall und am Monte Monaco aufgefallen. Am Salinella-Felsband waren hingegen die meisten Routen mit A4-Haken eingerichtet.

Nachtrag III: mein Folgeposting befindet sich hier.

Sonntag, 23. November 2014

Skitour Piz Medel (3210m)

Im Tessin hatte es anfangs November bei einer Südstaulage wie aus Kübeln geschüttet, so dass sogar der Lago Maggiore überlief. In den Bergen am Alpenhauptkamm waren diese Niederschläge als Schnee gefallen. So liegt denn von Zermatt bis zum Piz Bernina oberhalb von 2000m schon eine mächtige Schneedecke, worauf es sich hervorragend Skitouren lässt. Wenn man die Einträge auf den Bergportalen liest, so könnte man zwar den Eindruck erhalten, dass nur gerade in Realp genügend Schnee liegt. Auf den dortigen Rummel hatten wir eher weniger Lust und wählten ein Ziel am Lukmanier. Unsere Rechnung ging voll und ganz auf: wir genossen eine geniale Skitour bei traumhaften Bedingungen, und alleine unterwegs waren wir darüber hinaus auch noch.

Skitouring at its very best! Aufstieg über den Glatscher da Plattas zum Piz Medel (3210m).
Spurarbeit im Aufstieg bei Davos la Buora.
Unsere Tour startete um 8.40 Uhr in Curaglia (1332m), gleich oberhalb vom Dorfkern kann man gratis parkieren. Eine Betonplatten-Strasse führt von dort ins Val Plattas hinein. Sie war geräumt, so dass wir bis zu P.1520 zu Fuss aufstiegen. Eine Fahrbewilligung hätte sich im Dorfladen organisieren lassen, im Angesicht der steilen und morgens teilweise vereisten Strasse waren wir aber froh über unsere Entscheidung, es bleiben zu lassen. Auf dem Trassee des Sommerwegs profitierten wir dann ab P.1520 von der Spur, welche der Hüttenwart der Medelser Hütte am Vortag angelegt hatte. Bei der grossen Ebene der Alp Sura (1965m), wo auf 1km Distanz ohne Höhengewinn gelaufen wird, bogen wir dann ab und zogen unsere eigene Linie. Um zum Piz Medel zu gelangen, schien es uns günstiger über die nur als Abfahrtsvariante bezeichnete Route via Davos la Buora und den westlichen Plattas-Gletscher aufzusteigen. Der offizielle Aufstieg in der Nähe der Hütte vorbei und den östlichen Gletscherteil dünkte uns umwegig, weniger harmonisch und er ist vormittags auch weniger sonnig.

Das grosse Plateau des Medelser Gletschers. Landschaftlich sehr schön!
Bei uns werden keine Gels reingedrückt, da gibt's einen rechten Znüni mit belegten Broten, Nussgipfel und Konsorten!
Die Stimmung auf dem mehrere Quadratkilometer grossen Plateau des Medelsergletscher war dann einfach fantastisch. Die Sonne schien vom tiefblauen Himmel, ausser uns war keine Menschenseele zugegen und wir konnten die ersten Spuren in den gut gesetzten Pulverschnee legen. Damit hatten wir uns ein ziemliches Programm auferlegt: 1300hm Spurarbeit und sowieso, so viele Höhenmeter wie auf dieser Tour hatte ich das letzte Mal im Februar 2014 am Stotzig Muttenhorn zurückgelegt. So wurde nicht gehetzt, sondern eine vernünftige, gleichmässige Pace angeschlagen und die eine oder andere Pause eingelegt. Die Bedingungen luden ja dazu ein, und schliesslich wollten wir auch die vielversprechende Abfahrt noch geniessen können. Schliesslich waren wir nach knapp 5 Stunden Aufstieg beim Skidepot, von wo der Gipfel über einen kurzen, luftigen aber einfachen Grat erreicht wird. Unsere Entscheidung, keinen alpinen Gerätschaften wie Steigeisen und Pickel mitzuführen war richtig, ausser bei sehr ungünstigen Bedingungen wird man diese hier nicht benötigen.

Der luftige, aber einfache Gipfelgrat zum Piz Medel (3210m). Panorama totale von dort oben!
Schliesslich folgte noch die Kür mit der Abfahrt. Auf den obersten 100hm war der Schnee noch etwas windgepresst, aber ab 3100m bis hinunter auf die Ebene der Alp Sura folgten 1200hm bester Skigenuss in idealem Gelände mit fluffigem Pulver. Der Rest von dort ins Dorf hinunter gehört dann eher zum Pflichtprogramm und bietet nicht mehr ganz so lohnendes Abfahrtsgelände. Um 15.30 Uhr schloss sich für mich der Kreis, das war jetzt echt eine geniale Unternehmung gewesen, die bestimmt auch am Ende der Saison noch zu den besten 10 Touren des Jahres gehören wird!

Impressionen von der Abfahrt... 

...das Gelände ist ideal, genauso wie der fluffige, gut gesetzte Pulverschnee!
Facts

Piz Medel (3210m) von Curaglia (1332m) am Lukmanierpass
Schwierigkeit ZS, 1880hm Aufstieg, 5-6 Stunden Aufstiegszeit
Link zur Karte mit unserer Route: klick!

Montag, 17. November 2014

Ciavazes - Grosse Micheluzzi (VI/A0 oder ca. 6a+)

Die Micheluzzi am Ciavazes: unbestritten ein absoluter Dolomiten-Klassiker aus dem Jahr 1935, in welchem sich auch heute noch die Seilschaften stauen. Dies ist nicht weiter erstaunlich, denn die Kletterei über Platten, löchrige Steilzonen, entlang von Rissen und Verschneidungen sowie dem einzigartigen 90m-Quergang ist auch aus heutigen Sportkletter-Gesichtspunkten absolut lohnend. Ein weiterer Trumpf ist die Lage nur wenige Minuten neben der Strasse zum Sellapass. Dies war für uns ganz entscheidend war, denn einerseits waren wie üblich auf den Nachmittag Schauer angesagt, andererseits musste auch erst evaluiert werden, ob denn aufgrund der Regenfälle am Vortag Fels- oder Wasserfallklettern angesagt war.

Wieder einmal am Piz Ciavazes zu Gange - eindrückliche Wände mit prima Kletterei unmittelbar neben der Strasse.
In der Tat, so rosig sah die Situation am Ciavazes nicht aus. Diverse Wasserstreifen zierten die Wände und bei näherer Betrachtung schien es ausgeschlossen, dass eine der modernen Routen (z.B. die Roberta 83, die ich gerne angegangen wäre) wirklich sinnvoll machbar wäre. Da aber wetterbedingt sowieso nur ein relativ enges Zeitfenster zur Verfügung war und wir uns an den Vortagen schwierigeren Sportklettereien hingegeben hatten, entschieden wir uns ohne Groll für die Micheluzzi. Auch diese war zwar nicht einwandfrei trocken, doch traute ich mir dank der geringeren Schwierigkeiten zu, auch die eine oder andere Nässezone bewältigen zu können. Versüsst wurde das Ganze schliesslich durch die Tatsache, dass wir in dieser begeherten Tour ohne Konkurrenz agieren konnten, und die Seilschaften in den alpinen Sportkletterrouten nebenan tatsächlich wegen Nässe in ihren Routen alle früher oder später den Rückzug anzutreten hatten. Um 8.30 Uhr waren wir bereit, und stiegen ein, noch bevor die erst um etwa 9.00 Uhr den Wandfuss erreichende Sonne uns wärmte. 

Durch die heftigen Gewitter am Abend zuvor war's noch nicht ganz trocken. Trotzdem kamen wir gut durch...
L1, 30m, V-: Der Einstieg ist dank dem gut ausgetretenen Geröllplatz problemlos zu identifizieren. Stecken tun dann allerdings wirklich nur die 2 NH, welche im Topo eingetragen sind. Dies überraschte mich etwas, irgendwie hatte ich mehr erwartet. Allerdings ist die Kletterei hier auch weitgehend einfach, teilweise auch etwas grasig, aber kein Problem.

L2, 30m, V+: Hier wartete nun schon das erste nasse Teilstück, natürlich genau dort, wo im Topo die Crux eingetragen ist. Einen der drei dort steckenden Haken kann ich trotzdem klinken und den löchrigen Wulst etwas links der Ideallinie (in geschätzt ca. 6a-Kletterei) bezwingen. Danach noch eine schön zu kletternde Verschneidung, und rechts raus zum Stand.

Kathrin kurz vor der nassen Crux in L2 (V+), die aber links vom Wasserstreifen umgangen werden konnte.
L3, 30m, V: Weitgehend einfache Länge mit einer weniger steilen Plattenzone und einem 15m-Quergang zu Beginn. Die Hauptschwierigkeit besteht aus dem steilen, selber abzusichernden Abschlussboulder aus der Verschneidung hinaus und aufs Pfeilerlein rauf.

L4, 40m, VI/A0: Gleich nach dem Stand wartet nach meinem Erachten die klettertechnische Crux der Route. Diese wird sogar durch einen Klebehaken abgesichert, jedoch ist der im Topo verzeichnete NH davor nicht mehr vorhanden. Somit wird das Einhängen des (zu hoch steckenden) Klebebolts zur Crux, evtl. könnte man mit kleinen Keilen oder Mikrofriends A0 bis A1 durchkommen. Natürlich kann man hier auch gut freiklettern, allerdings ist der Fels bereits ziemlich poliert und einfache Moves sind es nun auch nicht gerade. Man muss ziemlich plattig antreten und mit einigen schlechten Seitgriffen den nötigen Druck auf die Füsse bringen. Mit einem banalen 5c+ kann man die alte Bewertung nach meiner Meinung nicht ersetzen, ich denke 6a+ muss man hier auf jeden Fall veranschlagen. Der Rest der Seillänge folgt zuerst einer Art Rampe und führt dann durch eine Verschneidung. Er ist deutlich einfacher, will aber selber abgesichert werden.

Der Autor unterwegs in L3 (V). Das Gelände übrigens ziemlich kompakt, das Gras stört kaum.
L5 & L6, 40m, V+: Der erste Teil des Quergangs bis zum BH-Stand bei Abzweig der Buhl-Variante ist banal auf einem etwas grasigen Band. Danach am besten die nächste Länge gleich anhängen: es geht ziemlich kühn in die steile Plattenwand hinaus, zuerst etwas runter, danach an diversen Löchern wieder diagonal hoch. Ein paar NH stecken, somit ist die Situation für Vor- und Nachsteiger gut erträglich.

L7, 20m, V+: Kurze Seillänge, welche erst der Lochreihe entlang weiter nach rechts führt, für den angegebenen Grad im Vergleich zu anderen Stellen eher einfach, wie ich fand. Danach kommt dann schon bald das erste Abkletterstück. Dieses ist jedoch wirklich gut griffig und banal (ca. III/IV). Auch die Nachsteigerin traute sich hier problemlos, den NH zu Beginn des Abkletterstücks auszuhängen.

Tolle und ausgesetzte Kletterei in der ersten Hälfte des grossen Quergangs. Kathrin folgt am Ende von L6 (V+).
L8 & L9, 45m, VI: Die eigentlich L8 führt horizontal oder gar leicht absteigend nach rechts. Achtung, diagonal ansteigend hat es Verhauer-Material! Es wartet eine mit V+ angegebene Stelle, die jedoch kein nennenswertes Problem darstellt. Den schlechten Stand mit 3 NH und Seilverhau nach L8 wird man auslassen wollen, und hängt L9 gleich an. Hier geht der Quergang weiter, und es warten zwei Abkletterstellen, welche mit VI angegeben sind. Diese sind nun nicht mehr ganz so banal, jedoch deutlich einfacher wie die Stelle in L4, d.h. halt einfach etwas normal für 5c+. Die erste Abkletterstelle ist nur kurz, hängt man hier eine 120er-Schlinge doppelt genommen in den NH, kann der/die NachsteigerIn nach dem Abklettern von einem guten Tritt aushängen. Das zweite Abwärtsstück ist dann etwas länger und auch etwas unübersichtlicher, hier hilft jedoch eine fix installierte Reepschnur (bzw. man könnte auch schreiben Strickleiter) der Nachsteiger-Psyche falls nötig auf die Sprünge. Zudem steckt unterhalb ein solider BH (im Topo nicht verzeichnet), so dass auch die Absicherung gut ist. Dann nochmals 7m nach rechts zu BH-Stand.

Ideales Gelände, um die Beziehung zum Nachsteiger und dessen Psyche etwas gründlicher zu erforschen. Fast 50m Quergang in L8/L9 (VI).
L10, 30m, V: Hmm, der tropfende Wasserfall ist nicht mehr weit weg von uns, und gemäss Topo führt die Route weiter nach rechts. Hatten wir die Zeichnung ursprünglich noch so interpretiert, dass die Route neben dem Wasserstreifen durchführt, so müssen wir hier unsere Meinung leicht revidieren. So schlimm geht es dann zum Glück doch nicht aus: der Quergang an einer Untergriff-Schuppe ist noch trocken, und die löchrige Wandstufe danach geht gut im Trockenen links der Ideallinie (die tatsächlich mitten durch den Wasserfall verläuft). Dann allerdings eher schwerer wie V, eher so 5c+ würde ich sagen. Danach muss man die Verschneidung hoch, durch welche der Bach entspringt. Da sie tief ist, wird man zum Glück kaum nass, und da sie nur III ist, geht sie auch problemlos. Der Stand dann auf dem Pfeilerkopf an zwei nicht allzu mächtigen SU, welche sich direkt im Wasserfall befinden. Zum Glück kann man sich selber etwas unterhalb auf dem Pfeilerkopf positionieren und bleibt trocken.

Um sich die Dusche zu ersparen, kletterten wir in L10 (V) etwas schwerer links der Ideallinie.
L11, 50m, V: Zuerst geht's links über eine löchrige Wandzone hoch, danach zeigt das Topo die Ideallinie in einer Rechtsschleife an. Ich habe aber keine Lust, in den Wasserfall hineinzuklettern, direkt die Verschneidung hoch geht's aber auch gut. Dies wird sicher oft so gemacht, es empfiehlt sich auch, um den Seilzug zu minimieren. Allerdings ist es etwas schwerer wie V (eher so 5bc). Der Rest der Seillänge führt dann in naturgegebener Linie einer Verwerfung entlang auf den Pfeiler hoch, die Absicherung dabei teils etwas spärlich. Man überklettert dann den alten Stand auf dem Pfeilerkopf, quert nach links und ächzt die Schuppe hoch, zum gut sichtbaren BH-Stand (Achtung Seilzug, mit 50m-Seilen reicht's gerade knapp).

L12, 30m, V-: Recht kühne Wandkletterei, vor allem für den tief angegebenen Grad ist's steil und auch gar nicht so einfach. Stecken tut hier nicht viel, so dass auch die Orientierung etwas Spürsinn braucht. Für mich stellt sich dann vor allem die Frage, ob man L13 gleich anhängen kann. Am Ende von L12 befinden sich nämlich keine BH, und der NH-Stand ist eher mässig. Wenn es dann doch nicht reicht, ist's allerdings auch blöd, so möble ich den Stand mit reichlich Fummelei auf...

Für den Grad recht kühne Kletterei in mehrheitlich kompaktem und steilem Gelände: L12 (V-)
L13, 27m, IV+: Etwas nach rechts haltend, dann nochmals kühn über eine löchrige Wandstufe hoch. Der Rest der Länge durch die liegende Verschneidung ist dann einfach, und bald erreicht man den BH-Stand, der sich auf dem Band befindet. Obwohl ich es natürlich nicht ausgemessen habe, so vermute ich doch, dass es selbst mit 50-Seilen knapp reicht, um L12 & L13 zu verbinden (mit 60m-Seilen reicht es garantiert). Das ist durchaus zu empfehlen, weil man so den mässigen NH-Stand nach L12 vermeidet.

Um 13.45 Uhr erreichen wir das Top am Gamsband. Wobei, eigentlich würde die Route auch noch durch den oberen Wandteil hochführen. Dieser Teil ist jedoch (trotz oder wegen geringen Schwierigkeiten) ungebräuchlich. Der Fels soll teils sehr brüchig und lehmig sein, es warten Passagen mit losen Blöcken, so dass auch für die sonst in der Zone operierenden Seilschaften eine massive Gefährdung gegeben wäre. So gibt es denn auch keinen einigermassen aktuellen Kletterführer, wo der obere Teil drin verzeichnet ist. Darüber hinaus wäre im oberen Teil dann auch definitiv Wasserfallklettern angesagt, da müsste man echt nur nach einer Trockenperiode antreten wollen. Tja, fraglos werden wir hier auf dem Gamsband die Kletterei beenden und absteigen, den Pausepunkt notieren wir uns auch so ;-)

Free Solo Ausstiegsboulder aufs Gamsband, über welches sich unser Abstieg vollzieht.
Für die Begehung hatten wir doch 5:15 Stunden gebraucht, durch den Quergang ist die Route einfach deutlich länger wie die anderen Ciavazes-Routen, es sind doch 380m und 13 Seillängen. Das Wetter sieht aber zum Glück noch einwandfrei aus, somit ist keine Eile angesagt. Wir schnüren die Schuhe und machen uns auf den Weg. Zuerst muss noch eine kleine Stufe erbouldert werden (gut seilfrei möglich), danach quert man auf dem ausgeprägten Pfad ausgesetzt Richtung Westen. Da wir hier im Vorjahr schon nach der Priz abgestiegen waren, sind uns Weg und Steg noch bekannt. Nach knapp 60 Minuten treffen wir wieder beim Parkplatz ein. Für einmal verläuft die Rückfahrt nach Gröden ohne Regentropfen, das sollte es in diesen Ferien nicht oft geben. Als wir zurück im Domizil sind, öffnet der Himmel dann aber doch seine Schleusen - Zeit zum Rückblick!

Der hier einsehbare Abstieg übers Gamsband ist weitgehend einfach und folgt einem bisweilen ziemlich exponierten Pfad.
Die Erstbegehung der Route erfolgte im Jahr 1935 durch Luigi Micheluzzi. Jetzt muss man sich einmal vorstellen, dass er wie üblich in dieser Zeit mit dem Hanfseil um den Bauch kletterte und ihm gerade mal 6 Haken zur Verfügung standen. Heute, mit um Welten besserem Material und einem Können das (bei mir) bis in den neunten Grad hinaufreicht, habe ich in dieser Route total wohl gegen 100 Sicherungspunkte (NH, BH, SU, Keile/Friends) eingehängt. Die Leistung und Kühnheit der Pioniere kann darum nicht hoch genug eingeschätzt werden, diese Typen waren echt krass drauf damals! Neben den rein quantitativen Argumenten muss man nämlich auch noch berücksichtigen, dass die Linie vergleichsweise wenig durch natürliche Strukturen vorgegeben ist, und doch über weite Strecken Wandkletterei auf Platten und durch löchrige Zonen vorherrscht. Auch der Quergang ist als sehr kühn zu werten - klar kann man hier den einfachsten Weg vermuten, offensichtlich dass man durchkommt ist es aber überhaupt nicht!

Facts

Piz Ciavazes - Grosse Micheluzzi VI/A0 (ca. 5c+ obl.) - 13 SL, 382m - Micheluzzi/Castiglioni 1935 - ***;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots 0.3-3, Keile 4-9

Ein Dolomiten-Klassiker par Excellence, der auch heute noch sehr beliebt ist. Kein Wunder, denn die Kletterei auf Platten, durch löchrige Wandzonen und entlang von Rissen und Verschneidungen ist auch aus heutigen Aspekten durchaus sehr lohnend. Zu erwähnen ist insbesondere der 90m-Horizontalquergang, welcher der Route die nötige Würze gibt. Die Felsqualität ist durchgehend gut, an wenigen Stellen leicht grasig und teils ist das Gestein schon etwas abgegriffen (mich hat das nicht weiter gestört). Während die Standplätze (wenn man die Route wie von mir beschrieben klettert) alle eingebohrt sind, stecken unterwegs (fast) nur NH. Diese, zusammen mit den regelmässigen mobilen Möglichkeiten, führen aber insgesamt zu einem Standard, den man durchaus als gute Absicherung bezeichnen kann.

Topo

Auf dem Netz und in der Literatur finden sich unzählige Topos zur Tour, welche von mehr oder weniger guter Qualität sind. Weil auf der Route selber nicht allzu viel Material steckt, und es vor allem weil es neben der Route auch welches hat und man zudem mehrere andere Führen kreuzt ist die Mitnahme eines qualitativ guten Topos sicher sinnvoll. Keine Enttäuschungen erleben wird man mit demjenigen von Mauro Bernardi aus dem Führer Klettern in Gröden und Umgebung: Band 1. Es ist auch auf dem Netz bei sentres.com verfügbar. Von dort habe ich Routenverlauf und Topo kopiert, sie sind unten dargestellt. 

Routenverlauf der Grossen Micheluzzi (Nr. 75) und der Schubert-Führe (Weg der Freundschaft, Nr. 76). Quelle: sentres.com
Bernardi-Topo der Micheluzzi (Nr. 75) und Schubert (Nr. 76). Quelle: sentres.com

Freitag, 7. November 2014

Matterhorn Nordwand - Schmid-Route

Matterhorn Nordwand, ein Traum und ein Mythos! Den Gipfel des Toblerone-Berges hatte ich bereits an einem Traumtag im August 2001 zusammen mit Peter über den Hörnligrat erreicht. Für einen echten Schweizer Alpinisten gehört das unverrückbar zum Curriculum, und entsprechend glücklich waren wir auch über diese Tour. Die Route durch die kalte Nordseite, bereits 1931 von den Gebrüdern Franz und Toni Schmid in kühner Manier nach einer Velo-Anfahrt von München erstbegangen war aber natürlich ebenso anziehend. Irgendwie aber auch sehr fern, da die Schwierigkeiten nicht unerheblich sind, der Nimbus gewaltig ist und die Gerüchte der schlechten Absicherbarkeit des Geländes ziemlich abschreckend. Nach dem extrem feuchten Sommer 2014 stellten sich jedoch in der Nordwand hervorragende Verhältnisse mit idealer Vereisung der Route ein. Auf den Social Media wurden immer wieder Appetithäppchen präsentiert, denen schlussendlich manche nicht widerstehen konnten - so auch ich nicht.


Unsere Route durch die Matterhorn Nordwand - ein gewaltiges Erlebnis!
Letztlich waren für mich ein paar Dinge entscheidend, damit es mit der Begehung klappte: die konkrete Anfrage von Torsten, der Eintrag von Rufus mit der Aussage "Fantastic conditions! The route probably never gets easier than it is at the moment. Get on it before the weather changes.", das zu 100% sonnig, windarm, mild oder schlicht perfekt angesagte Wetter und zuletzt konnte ich mir selber auch ein Fenster von 3 Tagen schaffen, wo ich von weiteren Verpflichtungen frei war. Der einzig negative Punkt war, dass mich mit Torsten zwar eine elektronische Freundschaft verband, wir aber noch nie zusammen in den Bergen unterwegs gewesen waren. Dies sollte jedoch kein Stopper sein: ich traute mir zu, die ganze Route im Vorstieg zu begehen und war von daher weniger zwingend von den Fähigkeiten meines Partner abhängig. Ebenso sinnierte ich darüber, dass sich in der Summe aller Gegebenheiten (Verhältnisse, Wetter, Partner, Zeit) über die nächsten Jahre bis Jahrzehnte wohl nicht so rasch wieder ein ähnlich optimales Paket einstellen würde. Und sowieso, mit genauer und ehrlicher Kommunikation kann man die potenziell negativen Auswirkungen einer ersten gemeinsamen Tour stark abmildern und in der Tat lief dann auch alles wie am Schnürchen, oder eben bei einer eingespielten Seilschaft ab, so wie ich es erwartet hatte. Zuletzt sei noch gesagt, dass ich natürlich nicht einfach so mir nix dir nix mit einem Unbekannten in eine grosse Wand einsteige. Das Feeling dabei muss schon passen, was es eben tat und dies auch völlig zurecht.

Bei der Station Trockener Steg (2939m), wo die Ski-Nationalmannschaften schon fleissig trainieren. Hier geht's los!
Am Freitag rief dann erst noch die Arbeit, doch schliesslich konnte ich am späten Vormittag aufbrechen, so dass es noch vor der Dunkelheit bis zur Hörnlihütte reichen sollte. Dort würde ich dann auch auf Torsten treffen, der bereits zuvor in den Bergen unterwegs war und den Hüttenweg schon früher am Tag unter die Füsse nehmen konnte. Weil die Bahn via Schwarzsee nicht in Betrieb war, musste der Zustieg entweder von Zermatt/Furi oder dann vom Trockenen Steg aus erfolgen. Ich dachte mir, lieber ein paar Fränkli mehr investieren und etwas Kräfte sparen und nahm somit die Bahn. Wie auf der Karte ersichtlich, geht's vom Trockenen Steg im Gegenuhrzeigersinn um den Theodulsee herum, dann über das Seenplateau im Vorfeld des Theodulgletschers weiter und schliesslich nach NE zu P.2775 beim Hirli, wo man auf den normalen, von Schwarzsee kommenden Weg zur Hörnlihütte trifft. Das Schlussstück zur Hütte wurde bereits deutlich bequemer mit den Steigeisen an den Füssen passiert und gab einen ersten Vorgeschmack auf die Tour. Kurz vor 17.00 Uhr traf ich schliesslich ein. Torsten hatte mich schon unterwegs über einen gewissen Andrang vorgewarnt, mit mir waren auch nochmals 3 Seilschaften aufgestiegen und so waren total dann etwa 25 Leute vor Ort. Ich hatte nie damit gerechnet, alleine zu sein, auf so viele Anwärter hätte ich dann aber doch auch wieder nicht geschätzt. Aber tant pis, das würde schon gut kommen. Vorerst galt es noch, sich einen Platz zu suchen. Die Hörnlihütte war geschlossen, offen war nur ein feucht-kaltes Kellerverlies, mit einem unebenen Boden und bereits richtig vollgestopft. Für mich war bald klar, dass ich dort drin sicher nicht nächtigen wollte. Auf der Veranda unter freiem Himmel sagte es mir schon deutlich mehr zu, Matte und Schlafsack hatte ich selbstverständlich dabei.

Der Blick zurück beim Hüttenzustieg auf dem Vorfeld des Theodulgletschers: Monte Rosa, Liskamm, Breithorn & Klein Matterhorn.
Das ist der Blick in die andere Richtung, mit bester Aussicht auf die Matterhorn Ostwand.
Vor der Nachtruhe galt es noch, die richtige Taktik und den Zeitplan zu finden. Für den Aufstieg zum Gipfel kalkulierten wir mit einer Zeit von 8-10 Stunden, und für den Abstieg über den bereits stark verschneiten Hörnligrat wären dann nochmals 5-6 Stunden einzuplanen. Mit einer ordentlichen Pause auf dem Gipfel musste man also durchaus mit einem Zeitaufwand von 15-16 Stunden von Hütte zu Hütte rechnen. So weit so gut, nur ist es anfangs November pro Tag nur noch gute 11 Stunden hell, somit musste also ein nicht unwesentlicher Teil der Tour in Dunkelheit stattfinden. Dass es deutlich angenehmer ist, wenn dies am Anfang statt am Schluss ist, versteht sich von selbst. Zumal man mit einem frühen Aufbruch auch mehr Reserven hat und sich in der Perlenkette der Nordwand-Seilschaften entsprechend weiter vorne einreihen kann. So kam es schliesslich, dass 1.30 Uhr als Aufbruchszeit bestimmt wurde, das würde dann gemäss Plan gerade reichen, um noch bei Tageslicht zur Hütte absteigen zu können. Nach einer letzten kleinen Mahlzeit krochen wir schon bald in die Schlafsäcke, denn um 18.00 Uhr war es bereits zappenduster und trotz den für die Jahreszeit sehr milden Temperaturen war es auf 3270m doch nicht wirklich gemütlich, um noch länger im Freien zu bleiben. Mit meiner Neuanschaffung von diesem Jahr für genau solche Touren, einem hochwertigen 800g Daunen-Schlafsack war ich zwar sehr zufrieden und mir war schön warm, seinen Job als Schlafsack erfüllte er hingegen nicht wirklich. Wer ist denn an einem Vorabend schon schläfrig, insbesondere wenn es demnächst mit einer der grössten Touren im Leben losgeht. Anyway, ein bisschen dösen und mich ausruhen konnte ich trotzdem, bevor wir dann etwas nach 1.00 Uhr in den Tag starteten. Guten Mutes, voller Energie und mit dem richtigen Mindset stand ich auf, ich fühlte mich auch ohne richtigen Schlaf hellwach und freute mich auf die bevorstehende Aufgabe.

Ankunft bei der geschlossenen Hörnlihütte. Wo schläft man lieber - auf der feinen Holzterrasse, oder...
...im dunkeln, kalten und feuchten Kellerverlies, das sich hinter dieser Türe versteckt. Für mich war's keine Frage.
Wir klaubten unsere Biwakausrüstung zusammen und verstauten sie in den Rucksäcken, denn sie sollte auf die Tour mitkommen. Es vermittelt einfach ein gutes Gefühl, wenn man weiss, dass man auf solch langen Touren an solch kurzen Tagen notfalls am Berg übernachten kann, ohne frieren zu müssen. Das war das eine Kilogramm Zusatzgepäck durchaus wert. Bei meinem letzten Biwak im Abstieg von der Grandes Jorasses Nordwand hatte ich nur meine Daunenjacke und einen Folien-Notbiwaksack dabei. Das wiegt zusammen auch 800g, bringt aber massiv weniger Wärmeleistung und dementsprechend gefröstelt hatte ich damals. Das Frühstück beschränkte sich dann auf ein paar Schluck Tee, zum Essen war weder Appetit, noch Zeit und Lust vorhanden. Aber kein Problem, ich weiss dass ich bei solchen Leistungen nicht auf Nahrungsaufnahme angewiesen bin und daher im Zweifelsfall auch lieber darauf verzichte. Als wir um Punkt 1.30 Uhr aufbrachen, lagen die meisten Anwärter noch in ihren Schlafsäcken. Nur ein ortskundiges Schweizer Duo und ein Walliser Führer mit Gast waren kurz vor uns aufgebrochen und markierten mit ihren Lampen ideal die zu wählende Grobrichtung, für die Feinorientierung war die bestens ausgetretene Spur perfekt. Bis jetzt war unsere Taktik also voll und ganz aufgegangen :-)

Die kurze Stufe, welche aufs obere Plateau des Matterhorngletschers führt, war absolut problemlos. High life um 2.00 Uhr morgens!
Die Tour startet mit einem kurzen Aufstieg zu P.3279, wo sich der Einstieg zum Hörnligrat mit einem an Fixseilen zu überwindenden Felsriegel befindet. Für uns indessen hiess es rechts abbiegen, um den untersten Felsen der Nordwand entlang etwa 400m nach Westen abzusteigen. Rund 60hm werden dabei vernichtet, danach steht man vor einem kurzen Riegel, welcher den Aufstieg zum oberen Plateau des Matterhorngletschers erlaubt. Von einem Fixseil und felsigen Passagen erzählen einem viele Beschreibungen, gesehen habe ich bei den aktuellen Verhältnissen weder das eine noch das andere. Nach ein paar Metern wird's schon bald wieder weniger steil, und schliesslich hält man sich weitere 500m horizontal nach Westen. Bald führten uns die Spuren zum Bergschrund, den wir um 2.30 Uhr also einer knappen Stunde ab der Hütte erreichten. Zu überwinden war er ohne grössere Probleme, und bald darauf stapften wir in gut ausgetretener Spur in perfektem Trittfirn in die Höhe. Die Steilheit zu Beginn wohl knappe 50 Grad, die zunehmende Tiefe konnten wir nur erahnen. Anzuseilen war vorerst komplett unnötig, doch mit der Zeit tauchten die ersten Passagen auf, wo die Schneeauflage dünn bis inexistent wurde und man einige Meter im Eis klettern musste, das bisweilen dünn und felsdurchsetzt war.

Sieht fast gleich aus wie zuvor, ist nun aber der Bergschrund. Es ist 2.30 Uhr morgens, 1h nach Aufbruch bei der Hütte.
Als dann der Bergführer vor uns seinen Gast deponierte und nicht mehr gemeinsam mit ihm am kurzen Seil weiterstieg, nahmen wir dies als Zeichen nun ebenfalls das Seil anzulegen. Ich machte mich an den Vorstieg, diagonal nach rechts oben ging es weiter, wie bis anhin natürlich in Dunkelheit. Als das Seil aus war, stiegen wir gemeinsam am langen Seil weiter, ab und an eine Eisschraube platzierend. Schliesslich war alles Material ausgeschossen, und Torsten übernahm für eine weitere Sequenz, welche an einem NH-Stand im Fels endete. Wir konnten nur erahnen, dass dies das obere Ende des Einstiegseisfelds und quasi die Eintrittspforte in den mittleren Wandteil mit der Naht sei. Ich war wieder dran und tatsächlich entpuppten sich die nächsten, felsigen Meter als das mit M4 bewertete Teilstück, also nominell eine der ersten Schlüsselstellen der Wand. Danach wurde das Seil noch ausgeklettert, bis zu einem NH-Stand rechts im Fels am Eingang der Naht. Dieser folgten wir in drei Seillängen à 50m, dazwischen waren jeweils Stände an NH. Das Gelände in diesen drei Naht-Längen ist nicht extrem steil (so zwischen 50 und 75 Grad), meist traf man trittigen Styroporschnee, Eis und manchmal über einige Meter auch felsdurchsetztes, aber einfaches Mixedgelände (M2/M3).

Typisches Gelände in der Rampe, Eis und easy Mixed. Yours truly im Vorstieg...
So kamen wir rasch vorwärts, langsam begann es zu tagen und wir standen schliesslich unter einem steilen, verschneidungsähnlichen Kamin. Ich war mit dem Vorstieg dran und erinnerte mich an Beschreibungen, welche hier eine Traverse nach rechts vorschlugen, vom mit M5 angegebenen Kamin wurde hingegen abgeraten. Der Punkt war nur, dass rechts hinaus keine Spuren führten, das Gelände nicht einladend aussah und mir somit auch nicht viel anderes übrig blieb, als gerade hinauf anzupacken. Die steile Zone liess sich in gut strukturiertem Fels in Drytool-Manier sauber bewältigen, bevor es rechts raus ging und man in etwas undefiniertem Mixed-Gelände höher stieg. Hier musste ich an einer Stelle auch einen 10m-Runout vergegenwärtigen, wo jetzt echt nichts unterzubringen war. Zum Schluss dieser ausgewachsenen 50m-Länge geht's dann wieder etwas nach links, man klettert dabei in sehr schönem, dicker gewachsenem Eis. Der NH-Stand befindet sich geradeaus am Fels, ebenso waren 3 Biwak-Plattformen herausgehauen. Nun wurde ich endgültig mit Tageslicht beglückt und konnte mir beim Nachsichern endlich so richtig bewusst werden, wo wir uns eigentlich befanden. Was ich zu diesem Zeitpunkt hingegen noch nicht richtig erfassen konnte war die Tatsache, dass ich eben die Cruxlänge geklettert war.

Tiefblick von Torsten im Nachstieg auf die Cruxlänge (M5), hinten folgt bereits der Vorsteiger der nächsten Seilschaft.
Die letzten Meter dieser M5-Crux dann gäbig im Eis, nur über die gelben und braunen Streifen der Biwakierer muss man noch hinweg.
Nach einer Weile war Torsten da, inzwischen hatten uns drei Sologänger passiert und einige weitere Seilschaften waren uns ebenfalls auf den Fersen. Wo ging es denn weiter? Links hinauf zog ein wunderbares Eiscouloir, welches aber eine falsche Fährte darstellt und irgendwo auf Höhe der Schulter zum Hörnligrat führt. Wir mussten hart nach rechts traversieren, nach etwa 10m geht's leicht aufsteigend um die Ecke und ein 30m-Quergang über vereiste Platten folgt. Bei (zu) wenig Eis ist das sicher total eierig und kaum zu sichern, bei uns war es einfach zu gehen und an einer Stelle konnte man eine Schraube auch rund 6cm eindrehen. Zum Schluss steigt man nochmals etwas auf, bevor man in einer letzten Querung den schönen 80-Grad-Eisfall (WI4+) erreicht. Dieser führte über ca. 20-30m in genussreicher, gut ausgehackter Eiskletterei zum NH-Stand rechts auf einer Kanzel. Auch wenn der Eisfall (steiler werdend) noch weiter nach oben führt, so macht die Route hier eine weitere Traverse nach rechts, die ohne Kenntnis der genauen Gegebenheiten wenig offensichtlich ist. Es handelt sich hier um eine weitere Cruxpassage (erst Mixed, dann Tooly-Gelände im Fels, Bewertung M4) zu einem NH-Stand kurz bevor es ums nächste Eck geht.

Screenshot aus dem Video, das über den neuen Speed-Rekord (1:46h) von Dani Arnold im April 2015 berichtet. Man sieht hier sehr schön das oben im Text erwähnte Eiscouloir, das vom Ende der Schlüsselstelle am Ende der Naht nach links hochzieht und eine falsche Fährte darstellt. Stattdessen muss man wie erwähnt hart nach rechts traversieren, kombiniert um die Ecke hochsteigen, um in einem Quergang die vereisten Platten zu erreichen. Etwas rechts ausserhalb vom Bildausschnitt befindet dann der Eisfall (WI4+). 

Der Autor im Nachstieg am 80 Grad Eisfall etwas nach der Wandmitte.
Torsten folgt in der Querung danach (M4). Hinten Seilschaften im Eisfall bzw. dem Stand auf der Felskanzel danach.
An dieser Stelle enden die Hauptschwierigkeiten der Wand. In zwei langen Seillängen klettert man leicht ansteigend nach rechts hinaus, um eine etwas weniger steile Eis-/Firnflanke zu erreichen, welche zum obersten Zmuttgrat hinaufführt. In diesem letzten Teil lässt es sich gut wieder gemeinsam am langen Seil aufsteigen. Allerdings hatten wir die 4000er-Grenze inzwischen schon deutlich überschritten, so ganz ohne Akklimatisation machten sich die Anstrengungen langsam bemerkbar und die Leichtfüssigkeit kam uns abhanden. Schritt für Schritt gewannen wir aber doch an Höhe, wobei die letzten ca. 50m auf den Grat hinauf dann nochmals etwas heikler waren. Schnee und Eis bedecken dort sehr lose Felsen. Obwohl sich alle Vorgänger vorbildlich verhielten, kam doch dann und wann etwas Ungutes von oben. Zudem wird an jener Stelle auch die Absicherung schwieriger, und das Gelände ist etwas unangenehm, wenn auch nicht steil oder schwierig. Folgte man aber etwas mäandrierend den Stellen mit guter Schnee- oder Eisauflage, so ging es doch ganz vernünftig. Um 10.15 Uhr erreichte ich schliesslich den Zmuttgrat auf rund 4340m. Noch fehlten 140hm zum Gipfel und es war klar, dass dies auch nicht bloss Gehgelände wäre. Begeht man den Zmuttgrat, so kommt man an dieser Stelle nämlich gar nicht vorbei, sondern quert schon davor über die Galerie Carrel zum Italienergrat hinüber. Auf jeden Fall, diesen letzten Aufschwung mit einer Stelle III+ im Fels bewältigten wir auch gut, um dann über letzte 45-50 Grad steile Schneehänge zum Gipfel zu streben. Um 11.30 Uhr traten wir ziemlich genau 10 Stunden nach unserem Aufbruch in der Hütte immens glücklich auf dem Gipfel ein.

Schlussstück zum Zmuttgrat hoch, easy Mixedkletterei über etwas lose, nicht so gut abzusichernde Felsen.
Den Zmuttgrat auf ca. 4340m erreicht, geht's jetzt diesem entlang mit Abweichungen in der Nordflanke zum Gipfel.
Auf dem Italienergipfel war südseitig ein schön flacher Platz vorhanden (man könnte auch ideal biwakieren), es war windstill und die Sonne lachte uneingeschränkt vom Himmel. Die Temperaturen waren äusserst mild und die Fernsicht perfekt, so dass man es richtig geniessen konnte. Wir kochten uns je einen halben Liter Tee und ja genau, an Essen und Tranksame hatten wir an diesem Tag bisher noch wenig bis nix zu uns genommen! Irgendwie waren wir die ganze Zeit so beschäftigt und aufs zügige Fortkommen fixiert, dass uns der Gedanke an eine Pause gar nicht erst in den Sinn kam. So schön die Gipfelrast auf 4478m auch war, so leicht unrelaxt ist sie auf dem Matterhorn eben doch. Der Abstieg ist noch sehr lang und führt über 1200hm nonstop durch Absturzgelände, wo die Konzentration keine Sekunde nachlassen darf. Im Gegensatz zu einer normalen Matterhorn-Besteigung hatten wir auf dem Gipfel vielleicht nicht nur die Hälfte, sondern bereits zwei Drittel des Pensums absolviert, dennoch wartete noch ein happiger Brocken. So brachen wir denn auch nach einer halben Stunde wieder auf und querten zum Schweizer Gipfel hinüber. Auf dem Dach lag eine formidable Spur und was mir 12 Jahre zuvor noch wahnwitzig steil vorgekommen war, liess sich jetzt gut im Vorwärtsgang absteigen. Die senkrechte Passage an den Fixseilen seilten wir in 2x25m ab, um dann weiteren Tauen entlang auf die Schulter abzusteigen.

The place to be... Matterhorn Italienergipfel P.4476.4
Blick zum Kreuz und in die grandiose Bergwelt. Dort oben ist man dem Himmel näher als der Erde!
Ziemlich balancy geht's über den Grat oberhalb der Schulter, ist man einmal im Schneefeld darunter, so kann man wieder an Stangen abseilen. Wir hatten wegen einer polnischen 3er-Seilschaft eine Wartezeit zu überbrücken - kam mir gerade recht, an dieser Stelle holte mich auch eine kleine Krise ein und ich war froh, mich ein paar Minuten hinsetzen zu können. Die Polen übrigens, auch ein total krasses Trio: zwei Männer und ein Frau, alle Mitte 20, waren sie bereits 24 Stunden vor uns aufgebrochen und hatten unter dem Gipfel biwakieren müssen. Am heutigen Tag waren sie schwer in die Gänge gekommen und hatten noch nicht viel an Weg zurückgelegt. Nachdem wir sie überholen konnten, waren sie auch schon bald wieder aus dem Blickfeld verschwunden. In der Tat war es dann so, dass sie eine dritte Nacht am Matterhorn verbrachten, und erst am folgenden Morgen bei der Hörnlihütte eintrafen. Nur, um dann ihren Klettermarathon sofort mit einem Fussabstieg nach Zermatt zu ergänzen und mit dem Auto unverzüglich in ca. 18h nach Polen retour fahren zu müssen, weil am Montagmorgen wieder die Arbeit rief. Tja, die Bergsteigerei ist eine Leidenschaft, die Leiden schafft!

Im langen Abstieg über den Hörnligrat, irgendwo zwischen Schulter und Solvayhütte beim Seilhandling.
Wir indessen erreichten mit einer etwas mühsamen Abfolge von 10m abseilen - Seil aufnehmen - etwas absteigen - 10m abseilen - ... nach gefühlten zwei Dutzend Wiederholungen die Solvayhütte etwa 2h nach dem Aufbruch vom Gipfel. Hier gönnten wir uns nochmals eine Pause, schmolzen Schnee und kochten uns einen weiteren Tee. Nun waren wir zuversichtlich, es noch bei Tageslicht vom Berg zu schaffen, und so kam es dann auch. Zwar war das Gelände im Vergleich zum Sommer stark verschneit und dadurch deutlich schwieriger zu begehen. Trotzdem wurde die Notwendigkeit von Abseilmanövern seltener und man konnte immer längere Teilstücke ohne zu sichern absteigen. Fehler sind aber trotzdem keine erlaubt, erst nach der letzten Fixseilpassage zu P.3279 endet die Absturzgefahr, so dass Handshake und Selfie angebracht waren. In wenigen Minuten erreichten wir die Hörnlihütte und nun war ein Entscheid gefragt: verbringen wir hier nochmals eine Nacht, oder wird noch zu Fuss in ca. 3.5h nach Zermatt abgestiegen?!? Irgendwie hatte ich schon Sehnsucht nach einer Dusche und einem richtigen Bett, mit einigen Nachtzügen hätte ich es bis um 2 Uhr morgens sogar ganz nach Hause schaffen können. Allerdings, wir waren auch ziemlich platt und nun noch durch die Dunkelheit zu watscheln war alles andere als attraktiv. Also kochten wir uns nochmals einen Tee, zum Essen verspürte ich absolut keine Lust. Als dieser getrunken war, zogen wir Matte und Penntüte aus meinem Rucksack und ich legte mich erneut auf der Veranda hin. Dieses Mal ging es nicht lange, bis ich eingeschlafen war!

Im Abstieg unterhalb der Solvayhütte. Es ist einfacher dort, aber immer noch Absturzgelände.
Die Stimmung ist aber prima, denn bald haben wir es geschafft. Es wird noch bei Tageslicht zur Hörnlihütte runter reichen.
Am nächsten Morgen standen wir dann beim Hellwerden gemütlich auf, verstauten die Ausrüstung in den Säcken und machten uns an den Abstieg. Dieser hatte nur bis zum Schwarzsee zu erfolgen, von dort gelangten wir bequem mit der Bahn nach Zermatt. Gemütlich konnten wir durchs Dorf schlendern, kauften frische Backwaren und Kaffee. Genüsslich in der Sonne sitzend konnten wir das Mahl aufs Äusserste geniessen, das war jetzt ein absolut genialer Tourenabschluss! Danach trennten sich unsere Wege auch schon wieder, Torsten wollte für einen Versuch am Breithorn-Younggrat vor Ort bleiben. Ich setzte mich in den Zug und fuhr höchst zufrieden in freudiger Erwartung auf Familie, Dusche, dem warmen Wohnzimmer und dem gemütlichen Bett nach Hause.

Beim Erwachen am Morgen nach der Tour. Not a bad place to be...
Modellvorstellung meiner Tochter daheim. Papi, Schlafsack, Matte und Zelt. Extra für mich gebastelt, auch wenn ich 2x nacheinander weggeblieben bin um ihr die Gutenacht-Geschichte zu erzählen. Wurde aber aufgrund besonderer Umstände verziehen ;-)
Facts

Matterhorn - Schmid-Route (TD/+, WI4+, M5) - 1100m, V - Franz und Toni Schmid 1931

Klassisches Nordwandabenteuer am bekanntesten Berg der Alpen, ein unvergessliches Erlebnis! Die Erstbegeher wurden für ihre Leistung sogar mit einer olympischen Goldmedaille ausgezeichnet und trotz dem technischen Fortschritt ist es nach wie vor eine grosse Tour. Nach einem noch nicht allzu schweren Einstiegseisfeld warten ca. 10 Seillängen in kombinierter Kletterei, wobei man beständig diagonal nach rechts oben traversiert. Danach folgt ein wiederum etwas einfacheres Ausstiegs-Eisfeld, etwas Kraxelei über den Zmuttgrat und ein langer Abstieg über den Hörnligrat. Der Fels in der Nordwand ist eher plattig und generell nicht über jeden Zweifel erhaben, die Tour ist als schlecht abzusichernder Bruchhaufen verschrien. Bei idealer Vereisung, wie sie bei unserer Begehung anzutreffen war, ist dies jedoch nicht akut. Die Kletterei empfand ich als genussreich, kaum brüchig und mit Eisschrauben, Cams und den vorhandenen NH konnte bei entsprechendem Können und Erfahrung vernünftig gesichert werden - ich musste mich jedenfalls an keiner Stelle fürchten.

Die Route ist je nach Quelle mit einer Gesamtbewertung von TD  oder TD+ (d.h. SS oder SS+) eingestuft. Bei guten Verhältnissen mag dies passen, bei schlechten Bedingungen kann es sehr wohl massiv schwerer erscheinen und heikel sein. Man lasse sich nicht durch den Vergleich zu mit TD bewerteten, kurzen Alpinsportrouten wie beispielsweise der Modica-Noury am Tacul einlullen. Diese ist vielleicht technisch sogar etwas schwerer, aber auch viel weniger ernsthaft. Im Eis wird maximal WI4+ veranschlagt, was im Vergleich zum den Chamonix-Eisbewertungen nach dem Damilano-Führer durchaus passt. Bei der Schweizer Eisfall-Bewertung wird aber normalerweise ein viel strengerer Massstab angelegt, so gesehen würde auch WI3+ reichen. Was die Mixed-Bewertung von M5 angeht, das passt meines Erachtens ebenfalls vernünftig, wenn ich den Quervergleich nach Chamonix oder ans Rubihorn ziehe. Eine weitere Schwierigkeit ist die Orientierung: wenn keine Spur liegt, dann kann man es vergessen, im Dunkeln zu klettern, der Weg ist +/- unmöglich zu finden. In diesem Fall sollte man so planen, dass es spätestens am Bergschrund hell ist. Und auch dann benötigt man noch eine gute Spürnase.

Die normale Begehungszeit (Hütte-Gipfel) bei guten Verhältnissen und vorhandener Spur liegt bei rund 8-10 Stunden. Um dies zu erreichen, muss im Einstiegs- und Ausstiegseisfeld seilfrei oder gemeinsam am langen Seil gestiegen werden, von Stand zu Stand zu sichern liegt nur im schweren Mittelteil drin. Für den Abstieg über den Hörnligrat muss man dann auch nochmals 5-6 Stunden kalkulieren. Ansonsten spricht die Aufstiegs-Rekordzeit von 1:56h von Ueli Steck für sich, allerdings gibt es auch bei den aktuellen Verhältnissen Seilschaften, welche 2 Biwaks für die Tour benötigen. Den besten Biwakplatz unterwegs findet man vor der Rechtsquerung nach der Naht, d.h. ungefähr in der Hälfte. Ebenso kann man am Zmuttgrat vernünftig biwakieren, und am Italienergipfel sogar ziemlich gut. Im Abstieg gibt's dann natürlich die Solvayhütte. Ein Rückzug ist bis zum besten Biwakplatz (d.h. den Stand nach der M5-Länge am Ende der Naht) zumindest denkbar. Mit 2x50m-Seilen sollte man an den NH-Ständen zum Einstiegs-Eisfeld abseilen können, von dort muss dann abgeklettert werden oder man seilt an Abalakovs ab. Aus dem zweiten Routenteil ist ein Rückzug nahezu unmöglich. Helikopter-Rettungen aus der Nordwand sind durchaus nicht selten, hier findet man einen Beschrieb dazu. Handy-Empfang ist in der ganzen Wand übrigens gewährleistet.

Goodbye! Auf dem Weg nach Zermatt... ständiges Umdrehen und wieder Hochschauen natürlich inklusive.
Material

Wir hatten uns auf 4 Exen, 6 Schrauben und 1x50m-Seil beschränkt. Das mit dem Seil würde ich wieder so machen, ansonsten aber eher etwas mehr mitnehmen. Eine Schraube trat bald einmal den Weg in die Tiefe an, eine weitere war nach einem Felstreffer dermassen stumpf, dass sie nicht mehr zu gebrauchen war. So waren wir beim gemeinsamen Steigen zu eher "kurzen" Seillängen gezwungen, mit mehr Material hätten wir vermutlich nochmals eine halbe bis ganze Stunde an Begehungszeit einsparen können. Meine Empfehlung ist also wie folgt:

Seil: 1x50m
Exen: 4 kurze und 6 vorbereitete, lange (60-120cm)
Schrauben: ca. 8 Stück, sinnvoll sind 4x10cm und 4x13cm
Keile/Cams: 1-2 Microcams, darüber Camalots C4 0.3-1, evtl. kleines Keilset
Normalhaken: 3 Stück - nicht zwingend nötig, aber auf einer solchen Tour nie falsch
Biwakmaterial: Matte, Schlafsack, Jetboil-Kocher. Oder bist du mit Sicherheit schnell genug?

Die Seilschaft vor uns (Bergführer mit Gast) verwendete kleine PMR-Funkgeräte zur Kommunikation untereinander beim Steigen am langen Seil. Das dünkte mich ideal, ansonsten ist es im Dunkeln meist gar nicht so einfach mitzukriegen, was der Partner 50m weiter oben oder unten genau macht. Zum gemeinsamen Steigen am langen Seil sind dann natürlich auch 2-3 Ropeman- oder Tibloc-Sicherungen anzuraten. Ein weiterer, vielleicht sehr hilfreicher Tipp ist es, ein Bike auf Schwarzsee zu deponieren. Man kann es mit der Bahn nach oben bringen und es erspart einem vielleicht eine weitere Nacht bei der Hörnlihütte. Von dieser erreicht man Schwarzsee und das Bikedepot in einer guten Stunde und rauscht dann zügig nach Zermatt runter, während man zu Fuss sicher nochmals 2-2.5h läuft.

Topo

Ich habe mir die Zeit genommen, um eine genaue Routenbeschreibung in Worten zu verfassen. Man kann diese als PDF-File downloaden. Aufgrund des internationalen Publikums in dieser Route habe ich entschieden, diese in englischer Sprache zu schreiben. Ebenso habe ich auf zwei Wandfotos den Routenverlauf, die eingerichteten Standplätze sowie diverse Zusatzinformationen eingezeichnet. Diese mögen ebenfalls hilfreich sein, sind unten aufgeführt und stehen aber ebenfalls zum Download zur Verfügung (1,2).

Matterhorn Nordwand: Routenverlauf
Matterhorn Nordwand: Routenverlauf
Epilog

Seit der Tour ist inzwischen eine Woche vergangen. Vor erst 7 Tagen hielten wir noch leicht bekleidet in angenehmer Wärme auf beinahe 4500m eine gemütliche Gipfelrast. Inzwischen ist es aber kalt und garstig geworden, sogar bei mir zuhause liegt schon Schnee. Einfach genial, dass wir die gebotene Chance packen konnten! Seither habe ich mich viele weitere Stunden mit dem Verfassen des Berichts, dem Studium von Wandfotos, dem Aufbereiten der Fotos und dem Zeichnen der Topos verbracht, und dabei die Route nochmals in allen Details und Facetten zu erfassen versucht. Die Begehung und die Beschäftigung danach haben mir sehr grosse Freude gemacht!

Back on safe terrain... nach einer meiner besten Touren bisher!
Klar, solch herausragende Erlebnisse können nicht alltäglich sein. Trotzdem rufen erreichte Ziele nach neuen Herausforderungen. Von den 6 grossen Alpen-Nordwänden sind mir bis jetzt 5 Stück, nämlich jene von Grosser Zinne, Piz Badile, Eiger, Matterhorn und Grandes Jorasses von eigenen Touren bekannt. Fehlen tut mir noch die Petit Dru Nordwand und natürlich die 1938er-Route der Erstbegeher in der Eiger Nordwand. Ebenfalls ganz hoch auf meiner Wunschliste ist die Nordwand der Droites (4000m) bei Chamonix. Oder die Lauperroute am Mönch. Vielleicht klappt's ja in diesen gut vereisten Zeiten mit der einen oder anderen Route. Alles was ich tun kann ist beobachten, bereit sein und auf eine günstige Konstellation hoffen. Die Motivation ist auf jeden Fall da!