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Freitag, 29. September 2017

Parete Val d'Iragna - My Darling (7a)

Eigentlich figurierte die My Darling im Val d'Iragna schon seit längerer Zeit im Tessiner SAC-Kletterführer. Leicht abschreckend wirkte da die Tatsache, dass bei der Absicherung nur zwei von vier Haken figurierten, zudem stand bei der ersten 6c-Länge ein fettes Expo. Das hielt nicht nur mich, sondern wohl auch viele andere Kletterer von einem Besuch ab, denn über die Qualität der Route hörte man nichts. Das änderte sich in den letzten Jahren, der Extrem Sud zeichnete ein neues Bild von Routenqualität und Absicherung. Bald gab's auch die ersten, sehr positiv lautenden Berichte, u.a. von meinem Kletterkollegen Jonas. Tatsächlich hat die My Darling viele Vorzüge auf ihrer Seite: sie ist von der Alpennordseite her kommend rasch und mit kurzem Zustieg zugänglich, sie liegt sehr sonnig und gibt ein ideales Ziel für die kühlere Jahreszeit her, die Absicherung mit einem Mix aus vernünftig steckenden Bolts wo nötig und selber abzusichernden Rissen ist absolut stimmig und zuletzt passt ganz einfach auch die Qualität der Kletterei. Knifflige Steilplattenstellen an den ortstypischen Slopern, athletische Wandpassagen, Risse, Verschneidungen und sogar Schrubber-Kamine, auf den 6 Seillängen gibt's das volle Programm.

Schönes, typisches Tessiner Ambiente in Citto mit seinen malerischen Hütten. Das Objekt der Begierde im Bildzentrum.
Nun denn, der September scheint als Jahreszeit fast etwas gar früh für einen Besuch im Val d'Iragna. Allerdings war auf der Alpennordseite gerade eine Unmenge an Schnee bis in mittlere Lagen gefallen, somit war dort nichts zu holen. Tatsächlich trafen wir im Tessin auf ideale Bedingungen, besser hätte es nicht sein können. Doch es sei an dieser Stelle erwähnt, dass es an dieser Wand selbst an den kürzesten Tagen um den Jahreswechsel rund 4.5 Stunden Sonnenschein von ca. 8.40-13.10 Uhr gibt, was die Route zu einem Ganzjahresziel macht. Eine gut ausgebaute Bergstrasse führt von Rodaglio (zwischen Iragna und Lodrino) hinauf nach Citto (P.739) - hier hilft es, wenn man die Farbe Rot auf weissem Grund nicht so gut wahrnehmen kann. Anscheinend aber ein Phänomen, welches unter Kletterern absolut verbreitet ist... wohl zurecht, denn der Arm der Tessiner Gesetzeshüter scheint nicht bis zu diesen Bergflanken hochzureichen. Alternativ wären es von Iragna 450 zusätzliche Höhenmeter Fussaufstieg auf markiertem Pfad, in ~40 Minuten gut zu machen.

Wandansicht mit dem Routenverlauf
Von Citto wählt man den mehr oder weniger horizontal verlaufenden Pfad, welcher ins tief eingefressene Tal des Riale d'Iragna hineinführt. Dort, wo man dem Talgrund nahe kommt, wählt man den Pfad nach unten und gelangt bald zur geländerlosen, eindrücklichen Brücke. Auf der anderen Seite geht's dann auf dem markierten Pfad wieder horizontal talauswärts, dies über ziemlich exponierte Felsbänder. Man gelangt schliesslich zu einigen Felstreppen und steigt über ein paar Kehren aufwärts, bis man die zwei gut sichtbaren, halb zerfallenen Ställe erreicht. Links am linken der beiden vorbei, kurz aufwärts und dann wieder horizontal taleinwärts. Dieser Abschnitt kann vom Farnkraut überwuchert sein, zur Zeit unserer Begehung war der Pfad allerdings prima ausgemäht und bequem begehbar. Zuletzt dann, bei einer Rinne (Steinmänner, Rinnsal) hinauf zur Wand - Achtung, nicht zu früh hinaufsteigen, der richtige Punkt ist offensichtlich. Über schwache Wegspuren gelangt man zum Wandfuss, mit Hilfe von einem Fixseil gelangt man aufs Einstiegsband. Entgegen der Angabe in den Kletterführern gibt's im September 2017 nicht nur eine, sondern bereits 3 Routen. Links ein Projekt, in der Mitte die My Darling (Routenname ist am Fels eingemeisselt) und rechts die Chiodo Sudato (mit Metalltafel markiert). Von Citto brauchten wir nur rund 40 Minuten zum Einstieg, es sind nur rund 200hm zu überwinden. Um 11:15 Uhr ging's los mit der Kletterei.

Ambiente im Zustieg, welcher sich auf gut begehbaren, aber exponierten Bändern über dem Riale d'Iragna vollzieht.
L1, 40m, 6c: Vom Einstieg hochblickend lässt sich die "Expo"-Angabe im Tessiner Führer durchaus nachvollziehen und lässt einen leer schlucken. Der erste Haken steckt auf rund 12m Höhe und die steile Wand bis dahin ist sicher kein Spaziergang. Allerdings auch nicht voll die Härte, zudem lassen sich gut Cams legen, somit sieht's schlimmer aus, als es tatsächlich ist. Nach dem Bolt geht's dann allerdings bald los mit der kniffligen Kletterei. Es warten steile Platten, immer wieder muss man sich an sloprigen Leisten bedienen, die Moves genau planen, sorgfältig hinstehen und sich gekonnt aufrichten. Die Sache ist anhaltend und lässt erst kurz vor dem Stand wieder "lugg". Die Absicherung ist gut, wenn auch zwingend und mental fordernd, einmal ist ein schwiergerer Schritt auch über einem Cam zu machen. Wer diese Länge gemeistert hat, der hat die Route im Sack. Insgesamt eine geniale Sache, danach ist man sicher warm!

Absolut hervorragende, steile und anhaltende Wandkletterei in L1 (6c).
L2, 30m, 6b: Am schwierigsten sind gleich die ersten Meter nach dem Stand. Zwar stecken die Bolts dort eng und absolut vernünftig, dennoch herrschen beim Sicherer leichte Befürchtungen, dass der da oben im Falle eines Falles der eigenen Rübe gefährlich nahe kommen könnte. Es handelt sich dabei übrigens um typische Tessiner Wandkletterei. Der zweite Teil der Seillänge spielt sich dann etwas einfacher in einer coolen Verschneidung ab, welche mit Cams und Keilen zusätzlich abgesichert werden muss (sehr gut möglich). Der finale Mantle aus der Verschneidung raus ist dann auch nochmals ein bisschen fordernd.

Auf dem Foto kommt die coole Rissverschneidung von L2 (6b) nicht so zur Geltung.
L3, 25m, 6b: Nach dem zweiten Stand müssen beide Kletterer an einem Fixseil über das horizontale Band etwa 15m nach links dislozieren. Dort will eine grosse, abstehende Schuppe gemeistert werden, was spreizend und in Kamintechnik vonstatten geht. Die Crux dann bei deren Ausstieg, entweder nach links oder gerade hinauf, beides ist nicht ganz trivial. Hier haben verschiedene Leute schon ihre Cams von den Rissen fressen lassen, also Vorsicht! Vermutlich sind ja aber die festgeklemmten noch da und die eigenen Geräte können am Gurt bleiben. Der zweite Teil führt dann kurz etwas durch den Dschungel, allerdings sind die Moves im Fels dazwischen gar nicht gänzlich trivial (und selber abzusichern).

Hier lässt sich's noch easy posieren, die nächsten Meter in L3 (6b) sind dann nicht mehr so einfach.
L4, 30m, 6b+: Eine weitere Perle von einer Seillänge! Die offensichtliche Verschneidung geht's hinauf, wobei die ersten 15-20m komplett selber abzusichern sind (sehr gut möglich). Helfend ist dabei auch der Riss in der linken Seitenwand, aber das wird dann schon jeder selber merken ;-) Im oberen Teil wird's dann noch richtig athletisch mit 3d-Kletterei. Spreizen, klemmen und schliesslich mit dem Rücken an die Wand, so richtig unkonventionelle Moves warten dort. Man kann's sich's ohne Zweifel viel schwieriger machen, wie es wirklich ist.

Impressionen aus L4 (6b+). Zuerst wird dem Riss entlang gejammt...

...nachher in exponierter Position gechillt. Das selbst abzusichernde Finale bietet die Crux (und eine gute Ruheposition).
L5, 25m, 6c: Die Seillänge beginnt gleich mit der Crux, ein unangenehm ausdrehender Piazmove auf schlechten Tritten, wo die Finger eher knapp nicht in die dünne Rissspur passen wollen. Gleich danach kann man diese dann wieder solide darin versorgen und auf Gegendruck vorwärts marschieren. Zumindest bis man in der Rissverbreiterung drin ist, weil dann gilt's in Schrubber-Technik den Kamin zu meistern (und diesen mit Cams im Grund auch selber abzusichern). Nach ein paar Metern ist dieses Intermezzo vorbei, es kommt final eine grossgriffige Wand-Steilstufe zum Stand hinauf.

Prima Ambiente hoch über der Riviera. Vis-à-vis Osogna, Cresciano und der Pizzo di Claro.
L6, 30m, 7a: Nun wartet noch die nominelle Crux! Erst einmal geht's die steile, athletische Verschneidung hinauf, welche selber abzusichern ist (sehr gut möglich). Dann der Bolt und eine athletische Passage an sloprigen Bändern und Seitgriffen, welche praktisch ohne Tritte in Campus-Manier geklettert werden muss. Ein absolut genialer Boulder, sowas kann man einfach gar nicht schrauben, und genau deswegen klettert der Homo Verticalis so gerne im Tessiner Gneis!!! Jedenfalls wird dort geprüft, wie viel Saft noch in den Armen geblieben ist. Nach ein paar einfacheren Metern folgt nochmals eine plattig-technische Stelle, welche den Zugang zur henkligen, überhängenden Abschluss-Verschneidung erlaubt. Diese hinauf und nach rechts, zum unbequemen (dafür fürs Abseilen sinnvoll platzierten) Stand.

Diese steile Verschneidung zu Beginn von L6 (7a) muss selbst abgesichert werden.
Um 15.10 Uhr hatten ich nach gerade rund 4:00 Stunden Kletterei das Top erreicht. Somit hätte es also tatsächlich rein von den Sonnenzeit her auch an einem der kürzesten Wintertage gereicht. Leider musste mein Kamerad wegen drohender Verpflichtungen im weltlichen Leben und somit aus Zeitgründen trotzdem auf den Nachstieg in der letzten Länge verzichten. Der Weg zurück wird abseilenderweise vollzogen. Obwohl die Seillängen nicht allzu lang sind, empfiehlt es sich aufgrund einer Bäume und Zacken weniger, die Stände zu überspringen. Wir haben's von Stand 5 nach Stand 3 gemacht, jedoch mit entsprechend Bammel das Seil abgezogen (was zum Glück gut ging). Bald darauf hatten wir den Wandfuss erreicht und machten uns zügigen Schrittes von dannen. Auch am Gotthard herrschte zum Glück und ausnahmsweise freie Fahrt, so dass wir trotz überzogenem Kletter-Zeitbudget rechtzeitig zurück daheim waren. Das war nun wirklich ein vergnüglicher Klettertag in einer höchst empfehlenswerten Route gewesen!

Facts

Parete Val d'Iragna - My Darling 7a (6b+ obl.) - 6 SL, 180m - Balestra/Petrini 1995 - ****;(xxxx)
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots 0.3-2 plus 1 kleinerer, Keile nicht zwingend nötig

Sehr abwechslungsreiche, typische Tessiner Kletterei in bestem Gneis. Einige Bänder mit Büschen und Bäumen durchziehen die Wand, was jedoch nur anspruchsvolle Gemüter zu stören vermag. Die Moves dazwischen sind jedenfalls von Topqualität und bieten viel Abwechslung. Von plattiger Wandkletterei zu selbstabzusichernden Rissen und Verschneidungen über Kaminpassagen bis zu athletisch-griffigen Passagen gibt's alles, was das Herz begehrt. Dort wo man kann, muss die Route selbst abgesichert werden, was mit einem Set Cams (0.3-2 plus allenfalls 1 kleinerer Cam) sehr gut möglich ist. Die nicht absicherbaren Wandpassagen sind gut mit Inoxbolts eingerichtet, wobei die erste Seillänge die forderndste ist und das xxxx-Rating höchstens knapp verdient. Die Vorzüge der Wand kommen insbesondere in der Nebensaison zum Tragen, denn auch im tiefsten Winter gibt's hier noch über 4 Stunden Sonnenschein, was für eine Begehung ausreichen sollte. Das Topo der Erstbegeher ist unten abgebildet, weitere Infos findet man im Extrem Sud oder im SAC-Kletterführer Tessin (z.B. bei Bächli Bergsport erhältlich).

Topo der My Darling. Quelle: scoiattoli.ch


Donnerstag, 21. September 2017

Placche di Sant' Andrea - Fontana di Giovinezza (5b)

Zu Routen, welche unmittelbar neben (oder in) einem Wasserfall verlaufen, scheine ich eine besondere Affinität zu haben siehe (1,2,3,4). Kommt vielleicht vom Eisklettern, wer weiss!?! Jedenfalls, die hier beschriebene, im März 2017 eröffnete Route hat mich im Kletterführer sofort angesprochen. Flache Reibungskletterei in sauberem Fels in einer speziellen Umgebung wurde versprochen. Das schien mir ideal für einen Familienausflug.

Schöne, flache Reibungskletterei in L1 (5c).

Das Ambiente auf den sauber gewaschenen Platten neben dem Wasserlauf ist top! Hier in L2 (5b).
Die Route befindet sich zwischen Chiavenna und dem Lago di Mezzola, an der östlich exponierten Flanke des Tals und bildet somit auch ein ideales Ziel, falls man auf dem Vorbeiweg Richtung Süden ist. Man begibt sich nach Era und muss dann in den verwinkelten Gassen die Bergstrasse aufspüren, welche zum aufgegebenen Kloster von Sant' Andrea führt. Tipp: bei der Kirche in Era wird man fündig. Unterhalb vom Kloster in der Strassenkehre wird parkiert, die Platten sind von dort schon zu sehen. Über die mit Barriere abgesperrte Fuhre geht's kurz abwärts, über den Bach und dann bald steil den Hang hinauf (im Juli 2017 mit einer Holztafel ausgeschildert). Pfadspuren und Steinmänner waren vorhanden, über ein paar Stufen erreicht man so in 10-15 Minuten den Einstieg (zuletzt an offensichtlicher Stelle ins Bachbett abklettern, insgesamt T4). Die Route hat man dann quasi "vor der Nase", so dass wir um 11:15 Uhr losklettern konnten.

Während den "Pausen" am Stand lässt sich für die Kinder sogar ideal am Bach spielen...

Das sind bereits die letzten Meter zum Top der Route (L5, 5c).
In der ersten Seillänge gibt's zwei Varianten (beide 5c), wobei die linke sich etwas gar nahe dem Wasserlauf befand und kaum vollständig trocken zu bewältigen gewesen wäre. Aber darum gibt's ja die Variante rechts. Die Kletterei auf Reibung, der Fels ist tatsächlich vom Wasser sauber ausgewaschen. Gemütlich und interessant, dazu gut abgesichert und aufgrund der Neigung für die Kinder mehr als ideal. In der zweiten und der dritten Seillänge (beide 5b) geht's in genau demselben Stil weiter. Mal ein Aufschwung, sofort sind die Griffe da, dann wieder schöne Platten. Die vierte Seillänge (4a) quert dann in den Kessel hinein zum Bach zurück. In der fünften Seillänge kommt eine unerwartete Crux (5c, sehr gut abgesichert), wo fein angetreten werden will. Schon bald darauf erreicht man eine bequeme Terrasse, wo die Route endet.

Die Aussicht vom Top der Route auf die Piano di Chiavenna.

Das ist dann wohl der Jungbrunnen ("Fontana di Giovinezza"). Willkommene Erfrischung nach dem Klettern!
Schon um 12:30 Uhr hatten wir am Top angelangt. Im Schatten eines Baum genossen wir die tolle Aussicht übers Tal und machten uns dann an den Abstieg. Die Route wäre tiptop zum Abseilen eingerichtet, was jedoch herzlich wenig Sinn macht. Problemlos kann man in den Wald hineinqueren und erreicht dort über Pfadspuren problemlos wieder den Ausgangspunkt. Das Teilstück, wo man neben der Route absteigt, bietet sogar geringere Schwierigkeiten wie der eigentliche Zustieg. Auf dem Rückweg war's dann fast Pflicht, noch den Jungbrunnen zu benützen. Der neben der Route verlaufende Bach bietet nämlich superschöne Badegumpen, welche eine Erfrischung! Danach ging's zum Après-Climb mit Caffè und Gelati am Lido di Mezzola (schöner Sandstrand). Am späteren Nachmittag blieb dann sogar noch Zeit, um am Sasso del Drago sportklettermässig einen Angriff zu starten. Dort konnte das Onsight-Täschchen noch mit einer 7a und einer 7b gefüllt werden, so dass wir beim Nachtessen auf einen weiteren, sehr gelungenen Ferientag zurückblicken konnten.

Après-Climbing am Lago di Mezzola - schööön!

Facts

Placche di Sant'Andrea - Fontana di Giovinezza 5c (5a obl.) - 5 SL, 180m - **;xxxx
Material: 1x50m-Seil, 9 Express, Keile/Friends nicht nötig/einsetzbar

Nette Reibungskletterei über flache, vom Wasser sauber gewaschene Platten neben einem Wasserfall. Pluspunkte gibt's für die ungewöhnliche, schöne Umgebung, den kurzen Zustieg und die gute Absicherung. Die Inoxbolts stecken sehr vernünftig und der Schwierigkeit angepasst, für einen Vorstieg von jüngeren Kindern ist's jedoch ziemlich ambitioniert. Alles in allem aber doch eine ideale Anfänger- und Familientour. Es sei erwähnt, dass ich die Plattenbewertungen im grossräumigen Vergleich als ziemlich gutmütig empfand. Unten gibt's das Originaltopo, weitere Infos finden sich im prima Kletterbüchlein Chiavenna Rock Climbs, welches derzeit wohl nur in lokalen Sportgeschäften, dem Campingplatz Acquafraggia und beim Autor Guido Lisignoli erhältlich ist.

Originaltopo der Erstbegeher. Quelle: Andrea Savonitto auf facebook.com


Freitag, 15. September 2017

Rätikon - Gruobenbutz (7a)

Die Ostwand der Sulzfluh im Raum Partnun, mit ihren bekannten Routen wie Rialto, Kathedrale und Abraxas, bildet ein sehr beliebtes Kletterziel. Der Gruobenbutz steht dabei weniger im Fokus, wobei dieser wie man vernimmt (und es auch meiner persönlichen Erfahrung entspricht) mutmasslich die beste Route der Wand ist. Schon lange hatte ich ihn auf der Liste. Dass es nur zur Realisierung kam, lag dann aber doch an der wegen Unterhaltsarbeiten gesperrten Strasse von Schuders zum Grüscher Älpli. Unerwartet waren wir da angebrannt und mussten mit dem Gruobenbutz den Plan B zu Rate ziehen.

Der Blick vom Partnunsee auf die Sulzfluh Ostwand mit dem ungefähren Verlauf vom Gruobenbutz (12 SL, 7a).
Ein weiteres Mal diesen Sommer (nach der Miss Partnun, der Baluga und der Sunshine Reggae) starteten wir also vom P6 bei Äbi (Parkgebühr 6 CHF/Tag, ausreichend Kleingeld mitführen). Nach dem Hin und Her war es inzwischen beinahe 10.00 Uhr geworden, bis wir aufbrachen. Zügigen Schrittes ging’s am Gasthaus Alpenrösli und am Partnunsee vorbei, schon nach knapp 45 Minuten standen wir unter der Wand des Chli Venedig. Wir richteten unten am Wanderweg (wo uns später der Abstieg vorbeiführen sollte) ein Depot ein. Von da erreicht man den nicht näher bezeichneten, aber unmittelbar rechts der schluchtähnlichen Verschneidung beim vorgelagerten Block gelegenen Einstieg in ein paar wenigen Minuten. Um ca. 11.00 Uhr ging’s los mit der Kletterei.

L1, 5b, 30m: Gar nicht so trivial geht’s los, zudem steckt der erste Haken reichlich hoch. Das Gestein ist nicht von allerbester Qualität, zudem staubig, da häufig vom Wasser überronnen. Tatsächlich waren denn auch zum Zeitpunkt unserer Begehung noch einige Griffe feucht und schmierig. Der obere Teil dann etwas einfacher mit ein paar Stemm-Moves in einem Winkel.

Ein bisschen ein rustikaler Ausstieg aus der sowieso eher rustikalen und für den Grad zähen L1 (5b).
L2, 6a, 40m: Eine schon deutlich schönere Seillänge, die aber durchaus sorgfältiges Treten verlangt. Der Fels ist zuerst gar nicht so üppig strukturiert, etwas abwärtsgeschichtet und ein bisschen glatt. Der zweite Teil der Seillänge dann ein bisschen einfacher.

L3, 5c+, 45m: Schöne und abwechslungsreiche Kletterei mit steilen, griffigen Aufschwüngen und einfacheren, wasserrilligen Passagen. Im oberen Teil muss einmal links um die Kante geklettert werden.

Die Route beinhaltet auch immer wieder einfachere Passagen, bis auf die letzte Seillänge sind die Schwierigkeiten wenig anhaltend. Bei solcher Gesteinsqualität kann man jedoch auf keinen Fall sagen, die Route sei in diesen Passagen langweilig.
L4, 5c+, 40m: Eine wirklich fantastische Seillänge, welche mitten durch eine kompakte Platte führt. Dort gibt’s aber auch eine vom Wasser zerfressene Rinne, welche willkommene Griffe und Tritte bietet.

Auch diese Seillänge ist eine echte Perle (L4, 5c+).
L5, Grasband: Nun muss etwa 120m über das Grasband zum oberen Wandteil aufgestiegen werden. Das  Gelände ist problemlos begehbar, Seilsicherung absolut unnötig. Am schnellsten und bequemsten geht sowas, wenn sich einer aus der Seilschaft ausbindet und der andere das Seil hinterherzieht. Die Fortsetzung auf der hellen Platte bei den tiefsten Fels links der gelben Nische ist mit dem Originaltopo gut aufzufinden.

Ausblick vom grossen Grasband auf den oberen Wandteil. Die Fortsetzung beginnt leicht rechts der Bildmitte bei der hellen Platte (dort, wo der Felsriegel im Grasband am tiefsten hinabreicht).
L6, 6a, 45m: Erst gemächliche Plattenkletterei, welche in der Mitte mit einer zupfigen Stelle aufwartet, die in einem weiten Move zu bewältigen ist. Die zweite Hälfte dann einfacher und am Schluss etwas grasig. Der Stand ist deutlich rechts zu suchen.

L7, 6c, 40m: Gemäss Topo scheint’s nun das erste Mal ernst zu gelten. Rechtsrum über die steile Stufe, dann sehr schön die griffig-steile Wand hinauf. Beim Ausstieg dann etwas knifflig nach rechts, hier muss man auf Reibung antreten und auch mal einen Sloper halten. Für eine 6c geht das aber tiptop.

Griffig-steile Kletterei mit einer etwas sloprigen Reibungsstelle am Schluss in L7 (6c).
L8, 5b, 40m: Quergang nach rechts und dann aufwärts, dies entlang einer Verschneidung. Schöne und ziemlich gemütliche Kletterei.

L9, 6a, 50m: Vom Standplatz aus sieht das erste Wändchen banal aus, aber es täuscht. Klar, allzu mega schwierig ist das nicht, aber irgendwie doch kniffliger wie man für eine 6a erwarten könnte. Dafür bietet der Rest in schrofigem Gelände dann keine Schwierigkeiten mehr.

Am Ende von L9 (6a) überquert man erneut ein Schrofenband. Die Fortsetzung in L10 führt vom Kletterer diagonal nach rechts oben zur rechten Bildecke, die Crux jener 6c-Länge befindet sich am gut sichtbaren Dachwulst.
L10, 6c, 45m: Erst eine schöne Wand, die aber von einem fetten Wasserstreifen durchzogen ist. Wir haben aber Glück und kommen gerade so ums schmierige Bad herum. An der (gar nicht so brüchigen) Schuppe geht’s hinauf auf ein Band. Sich mit einem Mantle an einem Kleingriff in der Platte oberhalb zu etablieren ist die Crux. Original mit 6c+ bewertet, dafür m.E. gutmütig, 6c dürfte reichen. In der Platte dann tiptope Moves zum Stand.

Rückblick auf die schöne Abschlussplatte von L10 (6c).
L11, 5b, 50m: Erst noch ein paar Schrofen, dann steilt das Gelände auf und bietet schöne, plattige Kletterei in rauem Fels.

L12, 7a, 45m: Nun folgt noch das Pièce de Résistance. Während man bis hier von einer anregend-gemütlichen Route sprechen konnte, wo nur 2 kurze Stellen den Grad 6c verlangten, warten hier nun anhaltende Schwierigkeiten (die man jedoch notfalls grösstenteils vermutlich auch A0 bewältigen kann). Und gleichzeitig mit der Route änderten auch die Bedingungen ihren Charakter. Waren wir bisher im T-Shirt bei angenehmer Wärme geklettert, so versteckte sich die Sonne nun hinter einer Quellwolke, dazu ging eine zügige Brise. So waren klamme Finger und taube Füsse das Thema. Schon die ersten Meter aus dem Stand hinaus schienen mir recht knifflig, nach ein paar gängigeren Moves kommt man zur Crux. Hier stecken 3 BH zwar sehr nahe, wobei der dritte aus der Kletterstellung jedoch nur sehr schwer zu klippen ist. An etwas dubiosen Seitgriffen geht man erst mit schlechten Füssen auf Gegendruck. Sich nach Auslaufen der Seitgriffe in der plattigen Wand zu etablieren ist die Herausforderung – ein bisschen eine Zauberstelle (feingriffig, gutes Antreten nötig). Ziemlich anhaltend geht’s weiter, erst die letzten Meter bieten dann griffigen Henkelgenuss. Im Originaltopo war diese Seillänge mit 6c A0 bewertet. In den Kletterführern ist daraus eine Freikletterbewertung von 6c+ geworden. Meines Erachtens ist das zu tief und vor allem ein zu kleiner Unterschied gegenüber den deutlich einfacheren L7 und L10. Laut Lektüre im Wandbuch schlagen denn soweit ich gesehen habe auch alle, welche eine freie Begehung angeben, einen Grad zwischen 7a und 7b vor. Nachdem ich ein bisschen konservativ sein will, dünkt mich 7a durchaus passend.

Der Rückblick auf die anhaltende L12 (7a) ist mässig fotogen. Man erkennt aber doch den kompakten Fels.
Die Uhr war inzwischen auf 15.00 Uhr vorgerückt, somit hatte uns die Route rund 4:00 Stunden beschäftigt. Am Ende von L12 befindet sich das Wandbuch in einer Gamelle. Von dort geht’s erst durch eine grasige Rinne hinauf – noch relativ steil, jedoch gut seilfrei möglich, am Ende der Rinne am Grat befindet sich nochmals ein BH zum Nachnehmen. Aber dort gilt es noch, rund 150m über den einfachen und kaum exponierten Grat aufs grosse Plateau der Sulzfluh-Nordabdachung aufzusteigen. Wir hielten uns nicht lange auf und machten uns gleich rechterhand auf den Abstieg. Dort gilt es kurz Acht zu geben, dass man nicht fälschlicherweise das Gruobenflüeli überschreitet, sondern direkt aus dem Sattel hinabsteigt. Der Beginn ist dort nicht so offensichtlich, während man danach auf eine gute und markierte Wegspur trifft, welche an den Höhlen vorbei retour zum Depot führt. Rund 50 Minuten nach Ankunft beim Wandbuch waren wir dort. Nun konnten wir es rollen lassen, zuerst im übertragenen Sinn am Partnunsee vorbei. Mit dem Erreichen der Strasse aber dann auch im eigentlichen Sinn – den Trottinettspass retour zum Parkplatz, bzw. sogar bis nach St. Antönien liessen wir uns natürlich nicht entgehen.

Facts
Sulzfluh – Gruobenbutz 7a (6b obl.) – 12 SL, 470m + 300m Gehgelände – Eggenberger/Stecker 2003 - ***;xxx
Material: 1x50m-Seil, 12 Express, Keile/Friends nicht nötig

Anregende und gemütliche Kletterei, die viele schöne Passagen in bestem Rätikon-Kalk bereithält. Wie bei allen Routen dieser Zone gilt es unterwegs einige grasig-schrofige Zonen und Schuttbänder zu passieren. Das geht in jedem Fall problemlos und stört (je nach persönlicher Einstellung) den Genuss kaum. Hingegen kommt so natürlich kein richtiges, ausgesetztes Wandfeeling auf. Die letzte Seillänge stellt mit deutlichem Abstand den höchsten klettertechnischen Anspruch und befindet sich im 7a-Bereich, dürfte aber notfalls mit Hakenhilfe deutlich zu entschärfen sein. Der ganze Rest der Route spielt sich (bis auf die Bänderzonen) recht homogen im 5c/6a-Bereich ab, mit zwei kurzen Stellen im Bereich von 6c. Die Absicherung an diesen schwierigen Stellen ist tadellos (xxxx), die einfacheren Stellen sind ebenfalls gut, wenn auch etwas weiter abgesichert (xxx). Es stecken verzinkte Bolts, meist noch in sehr gutem Zustand, punktuell jedoch korrodiert aber derzeit (2017) alles safe. Mobile Sicherungsmittel empfand ich nicht als notwendig, wer möchte könnte jedoch an den einfacheren Passagen sicher noch ein paar kleinere bis mittlere Cams (z.B. Camalot 0.3-1) unterbringen. Beschrieben sind Route und Gebiet in den Führern Rätikon Süd von Panico und im SAC-Führer Graubünden (z.B. bei Bächli Bergsport erhältlich).

Sonntag, 10. September 2017

Nordgalerie News

Der Klettergarten auf der Nordgalerie am Walensee ist dank seiner tagsüber schattigen Lage, dem bequemen Zugang und den lässigen, bis zu 40m langen Routen der beliebteste Sommersektor in der Region Weesen geworden. Anno 2013 wurde das Gebiet im Extrem Ost das erste Mal publiziert. Seither haben sich im Routennetz noch einige Änderungen ergeben, welche an dieser Stelle nun publiziert werden.

Das Topo aus dem Extrem Ost vom Filidor-Verlag mit allen Updates.


Clessidra 6b+ (FA: Anna Enrich)

Lange Route mit meist grossgriffiger Kletterei und luftiger Linie. Benützt denselben Einstieg wie Odi et Amo und Corazon Negro, quert dann ganz nach links. Ganz direkt über die Haken geklettert sicher deutlich schwieriger wie 6b+, man finde den einfachsten Weg.

Odi et Amo 7c (FA: Anna Enrich)

Die Hauptschwierigkeiten konzentrieren sich auf das erste Drittel, wobei die Crux aus einer trittarmen Gegendruck-Passage an kleinen, diagonalen Leisten besteht, wo man danach noch über ein paar Meter dranbleiben muss. Im oberen Teil griffige Genusskletterei im 6c/7a-Bereich

Corazon Negro 7b (FA: Anna Enrich)

Schon bald nach dem Einstieg warten knifflige Züge, welche in einen einfacheren Mittelteil überleiten. Gegen oben hin folgt nochmals eine steile Wandpassage mit ein paar kleinen Leisten und dem charakteristischen, herzförmigen Griff. Dieser ist natürlich, musste aber dereinst in einer chirurgischen Operation wieder eingefügt werden.

Das Ambiente auf der Nordgalerie, gleich gegenüber am Walensee die klassischen Galerie-Sektoren.

Bubak Verlängerung 6c (FA: Mike Schwitter)

Die absolut logische, linke Fortsetzung von Bubak, welche weiter die Verschneidung hinaufführt. Unterwegs passiert man auch noch den Stand der Zahir. Gegen oben hin wird's athletischer, mit ein paar kniffligen Moves um die Ecke am Schluss.

Dea Dia 7a (FA: Mike Schwitter)

Ebenfalls eine Fortsetzung von Bubak. Die beiden Verlängerungen verlaufen erst gemeinsam, Dea Dia zieht dann direkt gerade hoch durch die steile Wand. Erst wartet athletische Kletterei an grossen Griffen, bevor zum Schluss einige kleine Leisten geriegelt werden wollen.

Unerwartete Reise 7c (FA: Th. Götz (?))

Diese Route zweigt nach ca. 10m von der unendlichen Reise nach rechts ab. Ich habe diese Route noch nicht ausprobiert, sie soll jedoch bei 7c oder 7c+ einchecken. Sie ist teilweise sehr nahe an die Azasch (7b) gebohrt. Je nachdem wie eigenständig man die Route klettert, soll der Grad variieren.

Lindberg  7c+ (FA: Th. Götz (?))

Die Route über die steile Nase war lange Zeit ein ungeklettertes Projekt mit dem Namen Chain Reaction. Inzwischen ist (mindestens) ein Rotpunkt-Gorilla vorbeigekommen. Heikle Moves direkt an der Nase verlangen den Grad 7c+.

Diese Baustelle ist keine mehr! Bei der Erstbegehung der Cristallina konnte ich dabei sein.


Luftschiff 7b (FA: Anna Enrich)

Die ganze rechte Wand wurde früher vernachlässigt, aber nach dem für die Nordgalerie typischen Putzaufwand sind auch hier  sehr schöne Routen entstanden. Das Luftschiff überzeugt dabei mit abwechslungsreicher Kletterei, schwierigere Sequenzen und Ruhepositionen wechseln sich ab. Die Crux ein weiter Move oder Dynamo am Beginn der Schlusswand.

Cristallina 7c (FA: Anna Enrich)

Kurz, kleingriffig und knackig - so lässt sich die Route gut umschreiben. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich v.a. eine dazu auch noch trittarme Passage in der Mitte als grosse Herausforderung. Kleingriff-Spezialistin Anna hat die Route vorerst vorsichtig mit 7c bewertet - nach meinem Empfinden könnte da man eventuell auch ein + hinzufügen.

Radix Magica L1 6c, L1 & L2 7b+ (FA: Anna Enrich)

Start an einem unerwartet kniffligen Riss, danach die grossgriffige Verschneidung hinauf. Bis zum Stand unter dem Dach ist's 6c. Danach steile, athletische Moves zuerst an guten, dann an sloprigen und zuletzt an Unter- bzw. Seitgriffen.   

Mittwoch, 6. September 2017

Familienklettern am Bettlerstock

Der Bettlerstock, am Sonnenhang vom Brunni oberhalb von Engelberg gelegen, ist nicht einfach ein Stock. Sondern im Prinzip ein ganzes und bei näherem Hinsehen ziemlich komplexes System von Türmen. Hier hatten die lokalen Bergführer zwei Übungstouren eingerichtet, welche überschaubar sind, kurze Seillängen sowie gute Absicherung aufweisen und damit ein ideales Ziel für Familien und Einsteiger hergeben. Eine weitere Attraktion gerade für Kinder sind die zahlreichen Spielplätze und Animationen im Gebiet, aus dem Globibuch alles bestens bekannt. Somit war es immer Projekt, hier einmal zu klettern und sich in Engelberg nicht nur dem Schlänggen oder den alpinen MSL-Hämmern hinzugeben. An einem Tag, wo mein Körper nach diversen MSL-Eskapaden und dem Boulderwettkampf etwas aktive Erholung brauchte, war es dann soweit.

Der Bettlerstock prominent von SE gesehen. Die hier beschriebenen Klettereien spielen sich auf der Rückseite ab.
Per Gondel und Sessellift geht’s für 60 CHF bequem zur Brunnihütte (retour mit Halbtax für die ganze Familie). Nach einem Shakehands mit Globi persönlich geht’s auf den auf dem Papier nicht allzu langen Zustieg. Das trifft mit rund 200 Höhenmetern global schon zu, allerdings ist der Rücken vom Rosenbold hinauf weglos und für die Kleinen nicht ganz so angenehm zu gehen. Aufgrund der sengenden Sonne waren einige Trinkpausen nötig, wir brauchten länger als die veranschlagten 30 Minuten und würde man die Kinder fragen, so würden sie die Länge des Zustiegs bestimmt als «megaweit» bezeichnen. Vor Ort gibt’s dann so viele Türme, dass kurz die Frage aufkam, wo denn überhaupt eingestiegen werden muss. Ganz westseitig ist dies der Fall, die Seillängen am ersten Turm verlaufen sogar komplett nordseitig. Dies gibt auch vor, dass die Routen sich eher für den Sommer und Herbst eignen.

Auf diesem Bild sind die schnuckeligen 3 Türme sichtbar (von Turm 1 jedoch nur der Gipfelbereich).
Angenehm im Schatten konnten wir uns aufschirren und es stellte sich die Frage, wie wir denn die Route angehen würden. Bisher waren wir als Familie stets in einer einzigen Seilschaft geklettert, mit Papa im Vorstieg und 3 NachsteigerInnen. Diese beiden parallel verlaufenden Routen sollten nun aber in 2 Seilschaften angegangen werden – fragte sich nur noch, wer mit wem klettert. Die Kinder hatten dafür eine eindeutige Antwort parat. Die Tochter steigt bei Papa nach, während der Sohn vorsteigen «muss», damit Mama ebenfalls nachsteigen kann. Jedem Gender Equality Freak werden wohl die Haare zu Berge stehen, aber offenbar ist der Vorstieg Männersache, das ist schon für die Kleinen glasklar. Der Vorstieg in der mit 4c bewerteten Route schien mir rein nach Papierform noch eine ziemliche Herausforderung. Aber mit der derart wichtigen Aufgabe der Seilschaftsführung betraut, gab es weder Zögern noch Zaudern – es gab ja auch «keine Alternative» für ihn. Erwähnt sei an dieser Stelle, dass die Routen mit Hakenabständen von 1-2m wirklich bestens eingebohrt sind. Die Standplätze liegen immer direkt nebeneinander, die Seillängen teilweise auch, so dass eine überwachende und helfende Hand aus der Nachbarroute wenn nötig präsent ist.

Team Vorstieg am Werk am Fuss von Turm 2.
So anfängertauglich das Setup ist, für die Gesamtunternehmen trifft dies nicht ganz uneingeschränkt zu. Der Fels an den Türmen ist grossblockig-steil-griffiger Kalksandstein, mit allen Vor- und Nachteilen welche das für Einsteiger und Kinder mit sich bringt. Die Felsqualität ist gut aber nicht überragend, loses Material wurde jedoch beim Einrichten weitestgehend ausgeräumt. Zu berücksichtigen ist, dass die Kletterei eine Mischung zwischen Wand und Grat präsentiert. So muss von Turm 2 sogar etwas abgeklettert werden und auch der Wechsel von Turm 3 an den Bettlerstock ist etwas alpin. Während man die Kletterei von den Türmen 1-3 zu Fuss wieder verlassen kann, so muss vom Bettlerstock dann zwingend exponiert über die Südwand und damit abseits der Aufstiegsroute abgeseilt werden. Achtung, hierfür ist 1x50m-Seil und Bereitschaft dieses voll auszunutzen das absolute Minimum (besser 1x60m). Somit ist es meines Erachtens sehr zu empfehlen, wenn hier eine in Bezug auf Seilhandling und alpiner Strategie kompetente Begleitperson dabei ist, auch wenn die Kletterei an sich tauglich für Einsteiger und Kinder ist – die Komplexität dünkt mich einfach deutlich grösser, als beispielsweise einer Plattenroute in Ponte Brolla.

Proud alpinist with a very important task!
Nun denn, wir konnten das ganze Unternehmen erfolgreich und mit grossem Spass bestreiten. Wieder zurück zu den Attraktionen im Brunnigebiet, hiess danach die Devise. Vom Kitzelpfad zum Badespass bis zum Melken einer Kuh-Attrappe wird da auch fast alles geboten. So konnten wir uns dann am nächsten Tag wieder dem Runterfallen in unseren Schlänggen-Projekten widmen. Während es für die Eltern ausser heissen Fingern und müden Armen wieder einmal nichts zu ernten gab, so fiel bei den Kindern der erste stilreine (Toprope-)Durchstieg einer Schlänggen-Route. Einerseits die nichttriviale 6a durchgezogen und andererseits ein Vorstieg für Mama, wo wird das bloss noch hinführen?!?

Wenige Meter vor dem Hauptgipfel am Bettlerstock. Hinten in der rechten Bildhälfte sind die Türme sichtbar.
Facts 

Bettlerstock - Kletter Lernpfad & Mungg 4c (4a obl.) - 6 SL, 150m - Krummenacher/Perret 2016
Material: 1x50m oder besser 1x60m-Seil, 8 Express

Familien- und Ausbildungstouren mit überschaubaren, kurzen Seillängen und sehr guter BH-Absicherung bei Abständen von 1-2m. Die Kletterei führt durch griffig-steilen Kalksandstein, dazwischen gibt's einige grasige Verbindungsstücke. Während man die Route an den Türmen 1-3 jederzeit zu Fuss verlassen kann, erreicht man zuletzt mit dem Bettlerstock einen richtigen Gipfel, wo man nur noch per Abseilen nach unten gelangt. Trotz der ziemlich einfachen Kletterei und der guten Absicherung ist daher und wegen dem teilweise gratartigen Charakter der Kletterei anzuraten, dass mindestens eine Person mit einer gewissen Erfahrung im Seilhandling mit von der Partie ist. Ein Topo und nähere Information findet man hier.