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Montag, 21. August 2017

Ailefroide - Écrins Total (5c+)

Ja was, macht der jetzt etwa nur noch Plaisirrouten? So sieht's aus... Der zweite Teil unserer Sommerferien führte uns ins Haut Val Durance. Hier scheint bekanntlich fast immer die Sonne und es gibt eine unglaubliche Auswahl von Klettereien. Von alpinen Touren zu höchstklassigen MSL-Perlen über lässige Plaisirtouren bis zu einer sehr grossen Auswahl an Klettergärten in allen Gesteinsarten, Expositionen und Schwierigkeiten. Während wir uns familienbedingt vorwiegend dem Sportklettern widmeten, reichte es auch noch für eine Plaisirroute in Ailefroide.

So passierten wir auf der Anfahrt wieder einmal die Tete d'Aval und meine wehmütigen Blicke wanderten hinauf. Zu gerne wäre ich endlich einmal in die Ranxerox (18 SL, 7a) eingestiegen, welche dem Vernehmen nach zu den 100 besten MSL-Touren der Alpen gehört. Aus beinahe jeder Position im Haut Val Durance kann man die stolze Linie erkennen, aber es sollte auch dieses Mal noch nicht sein. Doch die Gelegenheit wird kommen, so viel ist sicher. Sind hingegen MSL-Routen im Plaisirbereich angesagt, so ist Ailefroide die Destination der Wahl. Erwähnt sei allerdings, dass unter dem 6a-Bereich nur eher wenig zu holen ist. Ein weiteres Hindernis stellte während unserem Aufenthalt die doch relativ sonnige Exposition der Wände dar - auf den schwarzen Granitplatten war es im Hochsommer bei direkter Einstrahlung schlicht und einfach viel zu heiss zum genüsslichen Klettern.

Der kürzeste (nicht unbedingt schnellste) Zustieg führt über den Bach, die Tyrolienne auf dem Foto knapp erkennbar.
Daher wollte ich mit meiner Tochter nach einem gemütlichen Bade-Vormittag in den Sektor Poire, wo die logische Wahl eine der beliebtesten Touren des ganzen Tals überhaupt war, nämlich die Écrins Total (5c+). Der Rest der Familie wollte sich indessen dem Bouldern widmen, wofür es in Ailefroide auch sehr gute Möglichkeiten gibt. Die Route ist nach ESE exponiert, d.h. am Vormittag sonnig, am frühen Nachmittag gibt's noch etwas Streiflicht und Mitte Nachmittag kommt dann (endlich!) der Schatten. Als Zustieg wählten wir nicht den üblichen Weg im Aufstiegssinn links vom Bach - hier müsste man vom Hauptplatz in Ailefroide etwa 1km und rund 20 Minuten ins Tal hineinwandern. Sondern wir fuhren automobil rechts des Bachs auf der Strasse nach Pré, um dann via Tyrolienne zum Einstieg zu gelangen. Zeitlich bringt das sicherlich herzlich wenig, die Ersparnis an Fussmarsch ist auch kaum der Rede wert - rein vom Erlebnis her war es aber (gerade für die Kinder) schon toll, am Seil den reissenden (und zu Fuss absolut unpassierbaren) Bergbach zu überqueren.

Und so sieht's aus, wenn man dran hängt. Ein tolles Erlebnis, das für Abwechslung sorgt!
Erwähnt sei an dieser Stelle auch noch, dass sich der Sektor allgemein und insbesondere deren zugänglichste Linie der Écrins Total einer sehr hohen Beliebtheit erfreut. In den Sommerferien wird man hier kaum auf freie Bahn treffen - es sei denn, man trete bereits frühmorgens oder erst spätabends an. Noch dazu tummelt sich hier erwartungsgemäss nicht unbedingt die geballte alpinistische Kompetenz und es sind doch allerhand unkonventionelle und ineffiziente Manöver zu betrachten. So kam es dann auch, dass ich mit meiner Tochter tatsächlich schon im kurzen Zustieg eine irre langsame Seilschaft überholen und distanzieren konnte, auf der Route passierten wir 2 weitere Seilschaften, welche sich (auf einer Plaisirroute, wo's keinen Hakenabstand >4m gibt!) ins Nirvana verkoffert hatten und beim Abseilen gab's auf der einem Ameisenhaufen gleichenden Poire ein ähnliches Bild. 

Blick ins Tal von Ailefroide. Eine schöne, alpine Gegend, im Sommer jedoch sehr stark frequentiert.
Um die Situation zu entschärfen, wurden mit Absicht 4 Abseilpisten eingerichtet, doch natürlich wird zu 99% nur jene benutzt, welcher unmittelbar neben der Route verläuft. So konnten wir auf dem Heimweg über eine der anderen Pisten mit freier Bahn gleich nochmals mehrere Partien einpacken und hätten wir uns für die übliche Variante hinten angestellt, ich glaube wir wären heute noch am Berg. Aber ich will das alles gar nicht werten. Es ist einfach ein Fakt, dass es in diesem Sektor sehr viele Leute hat und ich mir Andrang, Staus und Wartezeiten auf MSL-Touren nicht gewohnt bin. Erwähnt sei auch noch, dass in der Ecrins Total die Standplätze nicht verbunden sind (mit Absicht, damit die Leute diese nicht zum Abseilen nutzen können) und teils nur Laschen mit Platz für 1 Karabiner aufweisen. Dies sorgt bei dem grossen Andrang mit mehreren Partien an demselben Standplatz oft auch für heikle (Wechsel-)Manöver.

L1, 5b, 30m: Ziemlich flacher, plattiger Auftakt ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Am Schluss eine Linksquerung und griffig auf einen Aufschwung hinauf, dies ist die Crux.

Unterwegs im plattigen, ersten Teil von L1 (5b). Zustiegspfand und Tyrolienne (links oben) sind auch sichtbar.
L2, 4b, 30m: Ein plattiger Auftakt, für den Grad gar nicht mal so einfach, danach eher etwas rechts halten. Bevor man nach rechts in die Schlucht hält, gibt's einen Standplatz (besser diesen nutzen). Oder alternativ die 15m-Querung in die Schlucht gleich noch zurücklegen und sich am unbequem hoch an der Schluchtwand gelegenen Stand einrichten.

Die Querung in die Schlucht am Ende von L2 (4b) mit Ausblick ins Tal. An den Wänden hinten wird auch geklettert.
L3, 5c+, 20m: Die ersten Meter steil, griffig und ein bisschen schräg geschichtet aus der Schlucht hinauf. Dann folgt ein Quergang nach rechts mit einer ziemlich schwierigen, stark grössenabhängigen Reibungsstelle. Die Passage ist jedoch so gut abgesichert, dass sie für unsichere Vor- und Nachsteiger absolut problemlos ist.

L4, 5c, 30m: Sehr schöne Seillänge mit steiler, griffiger und homogener Wandkletterei in schon beinahe luftiger Position. Neben der letzten Seillänge die beste der ganzen Route.

Der Blick hinunter auf die sehr schöne L4 (5c).
L5, 5a, 20m: Knapp links der runden Plattenkante geht's an einem Riss rampenartig hinauf. Wirkt ein bisschen gesucht, auf der Kante drauf wäre es wohl einfacher?!?

Der Ausstieg aus L5 (5a).
L6, 4c, 30m: Geneigte Reibungskletterei, zu Beginn ohne Schwierigkeiten, dafür mit einem kurzen, ausgewaschenen Teilstücke, das ein bisschen an eine Badewanne erinnert (Mini-Kopie der Septumania). Am Schluss dann noch ein paar anspruchsvollere Moves nach links hinaus zum Stand unter dem letzten Aufschwung.

L7, 5b+, 40m: Mit ein paar gutgriffigen Moves ist der Aufschwung etwas linksherum rasch gemeistert. Es folgt sehr schöne Kletterei an rissigen Strukturen entlang der runden Plattenkante bis zum "Gipfel". 

Jupii, die ganze Route souverän geschafft. Kurz vor dem Ende von L7 (5b+).
Wir waren um 15.00 Uhr in die Route eingestiegen und waren (mit ein wenig Wartezeit) um 17.00 Uhr am Top. Alles war glatt und problemlos verlaufen, die Schwierigkeiten sind bestimmt nicht höher wie angegeben und selbst meine Tochter konnte alles easy klettern. Zum Abseilen wählten wir wie bereits erwähnt eine der freien, westlichen Pisten und waren nach 4 Manövern und einer knappen halben Stunde wieder am Boden, von wo es via Tyrolienne retour zur Strasse ging. Natürlich musste dann der Rest der Familie die Tyrolienne auch noch ausprobieren und so verbrachten wir eine weitere Stunde damit, ausgiebig den Bach zu überqueren. Nun sind wir parat für Patagonien oder wo auch immer, jedenfalls wird uns keine Passage eines reissenden Bergbachs mehr vor Probleme stellen ;-).

Der grösste Eispickel der Welt - vor der Mairie in Argentière, unmittelbar neben dem Carrefour.
Facts

Ailefroide - Écrins Total 5c+ (5a obl.) - 7 SL, 200m - Elichabe/Codans/Vincens 1997 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, mobiles Sicherungsmaterial nicht nötig & kaum einsetzbar

Bestens mit verzinkten Bohrhaken (Stand Sommer 2017: guter Zustand) abgesicherte Plaisirroute, welche einen interessanten Mix an Platten und steileren, meist sehr griffigen Passagen bereithält. Also eine der einfachsten Routen dieser Länge im Tal erfreut sie sich sehr grosser Beliebtheit, so dass man während der Hauptsaison und zu normalen Tageszeiten kaum je alleine sein wird. Einen Beschrieb zur Route findet man auf C2C, dort werden auch 3 Kletterführer aufgelistet, wo man ein Topo finden kann. Während diese hierzulande eher schwierig erhältlich sind, so kann man sie im Shop am Hauptplatz in Ailefroide erwerben (während der Saison täglich durchgehend geöffnet). Weiter sind in den Topguide-Führern viele Touren um Ailefroide beschrieben und während die Écrins Total fehlt, so ist die Nachbartour Bonne Poire beschrieben - da die Einstiege zudem angeschrieben sind, findet man sich damit problemlos zurecht.

Donnerstag, 17. August 2017

Äscher - Jahreszeiten (6c+)

Andere Leute gehen auf einen Sonntagsspaziergang. Wir auch. Nachdem ich mir einen Finger bei der Gartenarbeit heftig verstaucht hatte, schien ernsthaftes Sportklettern keine gute Option zu sein. Ein Besuch von granitplattigen Plaisir-MSL schien aufgrund vom frisch gefallenen Neuschnee und dem absehbaren Verkehrschaos zum Ende der Schulferien keine gute Wahl. Also wollten wir wieder einmal dem Äscher einen Besuch abstatten und den Spaziergang Richtung Schäfler, zum Gasthaus Äscher und durch die Wildkirchli-Höhle zurück noch mit einer kurzen MSL-Route aufwerten. Unsere Wahl fiel dabei auf die 4-SL-Route Jahreszeiten (6c+) an der Gelben Wand. Von der Ebenalp wäre man auf direktem Weg in einer guten Viertelstunde vor Ort.

L1, 40m, 6a+: Sehr interessante Seillänge, im oberen Teil auch bereits senkrecht und nach meinem Empfinden eher hart bewertet. In vielen anderen Gebieten gibt's für die kräftige Abschlusssequenz sicherlich bereits eine 6b+ attestiert.

Die zähen Schlusszüge von L1 (6a+) haben es in sich.
L2, 20m, 6b: In einem grosszügigen Linskbogen nähert man sich der Crux, welche in einer Querung über ein kompaktes Wandstück nach rechts besteht. Die Schwierigkeiten dieser Stelle dürfen aufgrund der grossen Griff-/Trittabstände ziemlich grössenabhängig sein. Meine Kinder könnten das jedenfalls unmöglich im Grad 6b klettern. Danach entlang von einer schönen Schuppe zu unbequemem Hängestand.

Kathrin in der Crux von L2 (6b), der Rechtsquerung. Den Henkel bereits geschnappt...
L3, 15m, 6c+: In der Kürze liegt die Würze, das ist echt eine super Seillänge mit 3 kniffligen Boulderproblemen. Dazwischen liegen nicht etwa Ruhepunkte, sondern einfach ein passabler Griff, an welchem man wieder etwas Übersicht gewinnen kann. Nach viel Tüftelei konnte ich die kleinen, scharfen Leisten, grossen Sloper und Unter-/Seitgriffe richtig in eine Sequenz einbauen, so dass mir der Onsight-Durchstieg gelang.

Super Kletterei in ästhetisch koloriertem Gestein in L3 (6c+).
L4, 15m, 6a: Kurze, steile und athletische Abschlusslänge, welche für den Grad auch nicht wirklich geschenkt ist. Der Stand dann wenige Meter unter dem oberen (ab hier brüchigen) Ende der Wand in äusserst luftiger Position.

Auch die letzte Seillänge (L4, 6a) lässt nicht lugg. Das Seil vom Ausstieg zum Einstieg frei hängend!
Als Kathrin bei mir ist, lasse ich sie am 80m-Seil umgehend zum Einstieg ab. Das geht sich gerade aus und verläuft komplett freihängend, sprich die Route ist durchgehend überhängend. Ich hatte sie als sehr lohnend empfunden, trotz ihrer Kürze kriegt man ein volles und sehr anregendes Programm geboten. Falls noch Lust auf mehr Fels vorhanden ist, könnte man in den benachbarten Touren auch gleich wieder einsteigen. Für uns war dies zwar keine Option, aber für ein anderes Mal behalte ich diese lässige Wand sicherlich im Kopf. Zuletzt stellt sich noch die Frage, warum 4 Seillängen am Stück, wenn man auch bequem vom Boden aus 4 Sportkletterrouten hätte ziehen können - ja, weil 1x4 für mich beim Klettern eben mehr ergibt als 4x1 ;-)

Facts

Äscher - Jahreszeiten 6c+ (6b obl.) - 4 SL, 90m - Renzo Ghisla 1997 - ****;xxxxx
Material: 1x80m oder 2x40m-Seil, 12 Express

Steile und sehr interessante, kurze MSL-Route mit abwechslungsreicher, luftiger Kletterei in schönem, blau-gelbem Gestein. Die Absicherung ist durchgehend klettergartenmässig ausgefallen und erlaubt vollen Angriff am Limit. Auf der Webseite der Ebenalp-Bahn findet man nebst dem Fahrplan der Bahn auch Infos zu den Klettereien und teilweise Topos. Ansonsten gibt's die beste Übersicht zum Gebiet im SAC-Kletterführer Alpstein von Werner Küng (z.B. bei Bächli Bergsport erhältlich). Ausschnitte des Gebiets sind auch in den Fildor-Führern Extrem Ost und Plaisir Ost enthalten.

Samstag, 12. August 2017

Une visite à Ceüse...

Ja, das "beste Sportklettergebiet der Welt" in Ceüse hatte ich in meinem bisherigen Kletterleben stets links liegen lassen. Gar nicht so erstaunlich eigentlich, denn früher, in noch kinderlosen Zeiten schien mir der Besuch eines Klettergartens, wo man nur bei gutem Bergwetter hin kann, wenig attraktiv - bei solchen Bedingungen ging man mindestens auf MSL oder unternahm alpine Touren. Dann, mit kleinen Kindern war vor allem der Zustieg von 500hm ein Handicap. Doch nun, während unserer Ferien im Haut Val Durance, schien mir ein Tagestrip dahin lohnenswert... Wobei, die letztere Aussage ist klares Understatement! Ich war von der Kletterei absolut begeistert und kann all die Superlative teilen, die man allenthalben hört. Ich würde mich jetzt zur Aussage hinreissen lassen, der Fels sei "fast so gut wie an den Wendenstöcken" - kein Bruch, kein Grünzeug, sondern einfach kompakte Wand mit tollen Farben und genau der richtigen Menge an Struktur. Die Kletterei an den oft sloprigen Löchern, wo man von oben die Tritte nicht mehr sieht, hat mich im Charakter tatsächlich sehr an die Wendenstöcke erinnert. Auch in Bezug auf die Absicherung ist's ähnlich fordernd - unten stecken die Bolts wohl eng, aber obenraus muss der nächste Sicherungspunkt oft ehrlich angeklettert werden und es gilt, im plattigen Gelände kühlen Kopf zu bewahren. 

Aufbruch zu neuen Ufern. Der fantastische Felsriegel markiert den Horizont.
Die 4 Routen, welche ich im Sektor "Un pont sur l'infini" onsighten konnte, boten alle mehr oder weniger senkrechte Wandkletterei mit hohem fusstechnischem Anspruch. Das war mir durchaus recht so, schliesslich waren Bizeps und Unterarme von den Klettertagen zuvor schon reichlich angezählt. Und tatsächlich verspüre ich nun im Nachhinein einen Muskelkater in den Waden - das hatte ich schon lange nicht mehr und in Ceüse auch nicht wirklich damit gerechnet. Erwähnt sei aber auch, dass es in Ceüse ein bisschen von allem gibt - stark überhängendes Jug Pulling ebenso wie heikle Platten. Da ich 4 populäre 7a's ausgewählt hatte, war ich auch nicht weiter erstaunt darüber, dass die entscheidenden Löcher und Tritte bereits ordentlich poliert waren. Nun gut, mich stört das üblicherweise nicht weiter und das Gestein ist nach wie vor sehr schön zu beklettern. Aber es ist ein Fakt, dass bereits reichliche Gebrauchsspuren sichtbar sind. Die als hart verschrienen Bewertungen konnte ich nicht wirklich nachvollziehen, mir schien das absolut in der Norm zu sein - aber vielleicht hatte ich einfach die gängigen Routen ausgewählt.

Die Aussicht in die fantastisch schöne Gegend ist top!
Zuletzt noch zum Zustieg: sucht man auf dem Netz, so findet man Angaben zwischen 30 und 90 Minuten, bzw. Einschätzungen von "gemütliches Aufwärmen" bis "nach 2x wollte ich hier nicht mehr hochlaufen". Nun, es sind rund 500hm zu bewältigen, es handelt sich um einen angenehmen, relativ flachen Pfad der über weite Strecken zumindest im Halbschatten der Bäume verläuft. Je höher man kommt, desto schöner werden die Ausblicke über die Gegend, welche überhaupt ein Bijou ist. Ein Häuschen in Sigoyer, hmm, vielleicht wäre das mal was?!? Anyway, mit den Kindern brauchten wir gerade eine Stunde bis unter die Biographie - wo wir auf dem Rückweg gerade noch einen Versuch einer der derzeit besten Frauen am Fels beobachten konnten. Wow, so flüssig, dynamisch und effizient sollte man klettern können - auch wenn's ihr nicht ganz gereicht hat, so war's doch eine sehr eindrückliche Show, die einem deutlich vor Augen führte, dass die eigenen Bewegungsmuster am Fels doch eher denen von einem Elefanten im Porzellanladen gleichen. Bevor ich noch kurz die gekletterten Routen charakterisiere, sei noch erwähnt, dass der Einstiegsbereich in den Sektoren, die ich gesehen habe (Biographie, Demi Lune, Un pont sur l'infini) praktisch eben und damit sehr kindertauglich ist. Wenn sie also hochlaufen mögen oder man sie tragen mag, ist's ein geeignetes Familiengebiet.

Die Biographie (9a+) im Profil.
Gelati Dolomiti (7a): Sehr abwechslungsreich und höchst empfehlenswert. Bouldrig-überhängender Einstieg mit einem Längenzug. Dann erst griffiges, einfacheres Gelände, gefolgt von technischen Tropflochplatten und zum Abschluss eine kleine Verschneidung, welche nochmals knifflig ist. Gut abgesichert.

La Galère (7a): Fusstechnische Gleichgewichtskletterei mit psychischem Anspruch. Der Einstieg gleich kräftig an seichten 2-Finger-Löchern, gefolgt von ein paar besseren Griffen. Im Mittelteil eine Zauberstelle nach links hinauf. Oben raus muss man gut hinstehen und die übel sloprigen Löcher bedienen, dies bei 2x weiten Abständen (8 BH auf 25m).

Reine des Pommes (7a): Sehr homogene technische Wandkletterei. Hier fällt es schwer, eine eindeutige Crux zu identifizieren. Die Route ist nie verzweifelt schwer, aber auf ihren 30m auch nie wirklich einfach. Immer wieder tauch ein taugliches Loch oder eine Rissspur auf, mit welcher man sich in die Höhe schieben kann. Gut abgesichert (12 BH auf 30m).

Vas-y Tonton (7a): Technische Wandkletterei, bei welcher der Beginn noch etwas einfacher ist. Danach ähnlich im Charakter wie die Routen nebenan - sloprige und manchmal auch etwas bessere Löcher, gute Bewegungsplanung nötig. Ebenfalls recht gut eingebohrt, doch auch hier ist der eine oder andere nichttriviale Move noch nötig, wenn der letzte Bolt bereits unter den Füssen ist. 

Montag, 7. August 2017

Rothorn / Rote Fluh - Marque Jaune (7a+)

Die Tropflochklettereien an der Roten Fluh im Färmeltal sind legendär und hochgelobt. Doch weil das Gebiet nicht eben in meinem Vorgarten liegt, hatte ich es in meiner langen Kletterkarriere noch nie bis dorthin geschafft. Nun, mit einem Kletterpartner aus dem Berner Oberland unterwegs, wollte ich diesen weissen Fleck auf meiner Kletterlandkarte endgültig tilgen. Zudem hatte es in der Höhe mitten im Sommer geschneit, heftige Gewitter hatten viele andere Wände im Land mit drückendem Wasser verunstaltet. Nicht so an der Roten Fluh, hier trafen wir auf ideale Bedingungen. 

Wandansicht, Zustieg und Routenverlauf.
Ist man einmal durch das endlos lange Simmental gekurvt und hat das Färmeltal gefunden, so gestaltet sich die Suche nach einem geeigneten Parkplatz gar nicht so trivial. In der Literatur ist der Platz bei Büel P.1407 angegeben, wo wir aber die Bauern beim Heuen behindert hätten. Etwas weiter talaufwärts, nachdem man den Bach überquert hat bei einem kleinen Waldstück auf ca. 1450m wird man dann aber fündig. Der Zustieg sieht auf den ersten Blick abschreckend steil aus, allerdings löst sich das am Ende alles tiptop auf - es ist wie schon andere vor mir geschrieben haben, tatsächlich einen Tick harmloser als beispielsweise der Wenden-Zustieg an den Pfaffenhuet. Der richtige Weg ist zu Beginn gar nicht so einfach zu finden - entweder wirft man einen Blick auf die Landeskarte (Link mit Fadenkreuz beim Parkplatz) oder man vertraut einfach seiner Intuition. 

Jedenfalls gilt es, den Pfad durch das Waldstück rechts vom Bluttligraben zu erreichen. So geht's steil und zügig hinauf zu den Alphütten. Nun verliert sich der Pfad vorerst wieder, nur um später links der markanten Geröllhalde wieder deutlich aufzutauchen. Ein präziser, verbaler Beschrieb ist jedoch nicht wirklich nötig. Wenn man einfach dort durchgeht, wo der kürzeste, logische und am einfachsten scheinende Weg zum Einstieg verläuft, dann ist man richtig. Wir waren um 7.50 Uhr losgelaufen, den Einstieg von Le Salamandre (7a), wo die einzige andere Seilschaft des Tages gerade gestartet war, hatten wir nach einer knappen Stunde erreicht. Pfadspuren führen von dort in wenigen Minuten, nun etwas exponierter und Aufmerksamkeit erheischend, in wenigen Minuten zum Einstieg der Marque Jaune. Dieser ist nicht näher bezeichnet und etwas unscheinbar einige Meter rechts neben einer kleinen Nische auf ca. 2080m. Zwei Bohrhakenlinien gehen hier gemeinsam los über die graue Platte hinauf - die rechte der beiden ist dann die richtige. Um 9.15 Uhr starteten wir mit der Kletterei.

L1, 25m, 6b: Schöne Plattenkletterei in bisweilen noch etwas glattem Fels, von der legendären Schärfe ist da noch nichts zu spüren. Eigentlich ist's gut abgesichert und mega schwierig auch nirgends, trotzdem ist schon etwas Einsatz und Aufmerksamkeit gefordert. Von den mit 6b bewerteten Seillängen fand ich diese jedenfalls deutlich die schwierigste, im Vergleich zum Rest der Route wäre der Grad 6b+ meines Erachtens angebracht.

Plattige Kletterei in L1 (6b), da wird man gleich einmal aufgeweckt!
L2, 35m, 6b+: Zuerst ein paar Meter nach rechts übers Gras, dann etwas plattig hinauf zu einem Wulst, der etwas unschönes, aber gut ausgeputztes Gestein aufweist. Griffig und leicht überhängend, aber sehr gut abgesichert geht es in die Höhe, dies an Seit- oder zumindest diagonalen Griffen und manchmal etwas schlipfrigen Tritten.

Ädu unterwegs im etwas brüchigen, aber gut ausgeputzten Wulst von L2 (6b+).
L3, 30m, 6c: Eine super Seillänge in die steile, orange Wand hinauf. Der Beginn entpuppt sich dabei als erstaunlich zahm (~6a+) in einer wenig ausgeprägten Verschneidung. Die Klimax kommt dann am Ende, wo man etwas nach links queren und einen Steilwulst überqueren muss. Ich interpretiere diese Stelle erst völlig falsch, probiere unmögliche Beta und gelange irgendwann mit heftig gepumpten Armen zur Einsicht, dass ich alles auf eine ganz andere, letzte Karte setzen muss. Nach einigen gewagten Moves am Limit und kurz vor dem Abkippen kann ich meine Griffel schliesslich ein ein extrascharfes Tropfloch krallen, uff! In Retrospekt war dies für mich die schwierigste Kletterstelle der ganzen Route. Wobei, wie erwähnt, ich habe es (zuerst) mehrmals komplett falsch angepackt und so meine Kraft unnötig verpulvert.

Das hat beinahe die Qualität von einem Gemälde! Yours truly mit falscher Beta am Fighten in L3 (6c).
L4, 25m, 6b+: Superschöne Kletterei an eigentlich durchgehend griffigen Tropflöchern, ein Traum! Etwas schwieriger ist nur eine ganz kurze Stelle, wo ein etwas entschlossener Move nötig ist. Jedoch kommen dann gleich wieder prima Tropflöcher, so dass ich diese Länge als deutlich einfacher wie L3 und auch einfacher als L1 einstufen würde.

Typischer Wandanblick von unten in L4 (6b+). Wenn man es nicht wüsste, man würde nicht glauben, dass hier eine solche, nur relativ moderat schwierige Route durch die steile und abweisend aussehende Wand führt. Dem Erschliesserteam Piola/Anker kann man nur ein Kränzchen widmen!
L5, 35m, 7a+: In dieser Seillänge klettert man ein grosses, spiegelverkehrtes S. Nach dem Stand also nach links und dann grossgriffig aufwärts, dieser Abschnitt ist noch ohne grössere Schwierigkeiten zu klettern (~6a+). Es folgt dann eine lange Traverse leicht diagonal nach rechts hinauf, in einem Gesteinsband wo der Fels ziemlich glatt und sloprig ausgefallen ist. An Seitgriffen und einigen kleinen Leisten gilt es, sich technisch und gut geplant nach rechts zu moven. Mir geht das erstaunlich gäbig von der Hand, nach 2x etwas zaubern lässt sich auf einem guten Tritt schon wieder durchschnaufen und ich kann die wiederum einfacheren, griffigen Ausstiegsmeter (~6a+) anpacken. Bei Nichtbeherrschen lässt sich die schwierigste Sequenz sicher auch mit Griff zum Haken bewältigen.

Super Tiefblick auf die kurz mal etwas glatte Quergangs-Crux der Route in L5 (7a+).
L6, 25m, 6c+: Ein fotogener Quergang über eine glatt aussehende Wand, welche aber mit ein paar idealen, scharfen kleinen Leisten bestückt ist, führt nach links aufwärts. Hier wartet erst ein Bauch, wo der glatte Fels unterhalb kaum Tritte hergibt. Die Tropflochstrukturen oberhalb sind aber gut, mit etwas Entschlossenheit ist man da rasch drüber. Nach einem Rastpunkt wartet dann eine weitere, feine Wandstelle. Man muss dabei gut an feinen Tropflochstrukturen antreten und aus den unzähligen, aber allesamt nicht ganz idealen Griffmöglichkeiten eine geeignete auswählen. 

Mit der Fernsicht passt's in dieser Route auch. Eine sehr schöne Gegend mit wunderbaren Aussichten, hier zu Beginn von L6 (6c+). Erwähnt sei aber auch, dass es im Färmeltal einen Schiessplatz gibt. Prompt wurde den ganzen Tag über geballert. Komplett unnötig, ja - aber wer würde sich an einem solchen Klettertag über sowas nerven?!? Ich jedenfalls sicher nicht.
L7, 35m, 6b: Quel Plaisir! Absolut geniale Tropflochkletterei, die bei sehr guter Absicherung etwas nach rechts hinaufführt. Ein Hochgenuss, schwierige Stellen habe ich dabei keine wahrgenommen. Aber so geht's, wenn man einmal richtig im Flow ist!

Wieder einmal Luis Trenker wie er leibt und lebt! Dieses Foto zeigt wohl sehr gut auf, dass man in solch steilen Wänden mit unglaublich viel Genuss klettern kann. L7 (6b) bietet diesen aber auch in ganzer Fülle!
L8, 30m, 6c: Eine athletische Superlänge, welche in geschickter Linienführung durch die Dächerzone hinaufführt. Beim Start ist die kurze Linksschleife (welche die Bolts suggerieren) tatsächlich deutlich einfacher. Dann unterquert man ein erstes Dach, steigt darüber hinauf und sieht sich dem grössten Runout der ganzen Route ausgesetzt (problemlos, einfache Kletterei im 5c-Bereich). Nun aber steil, ausdauernd und griffig nach rechts hinaus - wer alle seine Körner bereits verschossen hat, dem kann diese Länge noch auf die Pelle rücken! Die Position übrigens unglaublich luftig hier und die immer wieder in der Schichtfuge auftauchenden Henkel - einfach genial!

Die steile und sehr griffige L8 (6c) ist nochmals ein richtiges Highlight an Linienführung und Kletterei!
L9, 15m, 6b: Kurz und mehr oder weniger problemlos. Ein athletischer Move über ein Dächli hinauf erfordert kurz das Zupacken, zumal oberhalb ein zwar durchaus tauglicher Griff, aber halt kein Henkel kommt. Bald ist das nächste Band erreicht, wo man sich bequem ausruhen kann, oder dann gleich die Ausstiegslänge anhängt.

L10, 20m, 6b: Diese Seillänge hat nicht ganz die Qualität der vorangehenden, zudem ist sie auch gesucht in den schweren Fels gelegt worden. Rechts könnte man im schrofigen Gelände den Gipfel einfach erreichen, aber wer will das schon?!? Daher macht die Routenführung eben doch allen Sinn. Der Auftakt kurz recht athletisch (Vorsicht vor einem Sturz aufs Band, v.a. beim Verbinden der Seillängen), es hat aber super Henkelgriffe à Discretion. Danach beständig einfacher werden hinauf zum Stand, welcher sich wenige Meter unterhalb vom Rothorn-Mittelgipfel (P.2350) befindet.

Gipfelfeelings! Yours truly bereits ganz oben am Ende von L10 (6b).
Um 13.50 Uhr hatten wir nach gut 4.5 Stunden äusserst genussvoller Kletterei das Top erreicht. Mir war dabei eine komplette Onsight/Flash-Begehung gelungen und war dabei in einen richtig genialen Kletterflow gelangt. Genau das macht die Faszination von solchen MSL-Touren aus! Nachdem für den Nachmittag einige Gewitter angesagt waren und sich der Himmel in Richtung SW tatsächlich schon reichlich verdunkelte, hielten wir uns nicht lange auf, sondern traten den Weg in die Tiefe an, das Sandwich war ja sowieso auch am Einstieg geblieben. Während auf dem Internet teils deutlich vom Abseilen über die Marque Jaune abgeraten wird, so wollten wir doch diesen auch im Kletterführer angegebenen Abstieg wählen. Und das macht absolut jeden Sinn, ja gar grössten Spass - ein Wechsel zur Abseilpiste der Peter Pan ist sicherlich sehr umständlich, gefährlicher und viel zeitaufwändiger.

Die Abseilerei ist extrem steil, gleichzeitig aber auch sehr bequem und macht richtig Spass!
Es wartet erst ein kurzer Abseiler (am besten an einem Seil) aufs Band hinunter, danach folgen dann 4 ausgereizte Strecken in der durchgehend leicht überhängenden Wand. Die Seile baumeln unter einem ins Leere, aber mit etwas Pendeln sind die Standplätze problemlos erreichbar, zumal sie immer schön direkt in der Falllinie liegen. Das Einhängen von Zwischensicherungen (wie in den Topos teils angegeben) empfand ich als unnötig - dies ist ja immer eine umständliche Sache und auch nicht ganz frei von Umständen und Gefahren. Es heisst einfach richtig Abstossen und die Freiheit des Pendelschwungs geniessen! Da absolut keine Seilpflege betrieben werden muss, ist man im Nu am Einstieg zurück, wir haben nicht einmal eine halbe Stunde dafür gebraucht. So können wir uns dem Sandwich widmen und laufen dann ins Tal - 1.5 Stunden nach dem Aufbruch vom Top sind wir bereits zurück am Auto. Auf der langen Heimfahrt bleibt gut Zeit um die Gedanken zu ordnen. Das Fazit unzweifelhaft: das war ein absolut genialer Klettertag!

Oida leck, das war jetzt ein echt genialer Klettertag!
Facts

Rote Fluh - Marque Jaune 7a+ (6b obl.) - 10 SL, 275m - Piola/Anker 1994 - ****;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 13 Express, Keile/Friends nicht nötig

Die Route ist so gut wie ihr Ruf. Steile, athletische Kletterei, luftige Linie, über weite Strecken super Tropflochfels und sehr gute Absicherung. Da ist der Seilschaft Piola/Anker wirklich ein absolutes Highlight gelungen. Hingehen und Klettern, kann man da nur anraten. Ausser einem Set an Expressen braucht man dabei keine weiteren Gerätschaften mitzubringen, da diese sowieso auch kaum einzusetzen wären. Das Topo zur Route findet man im Extrem West (z.B. bei Bächli Bergsport erhältlich). Alternativ ist die Route auch im Topoguide Band II enthalten, wobei die dort angegebenen Bewertungen (z.B. 9-/9 für die Cruxlänge) mir durchgehend zu hoch erscheinen. Im Original passt's meines Erachtens ziemlich gut in den Durchschnitt von (Schweizer) Alpinbewertungen.

Freitag, 28. Juli 2017

Placche di Mese - Condotta Libera (5a)

Während man global ganz eindeutig sagen darf, dass wir uns für die Ferien eine gute Ecke der Alpen ausgesucht hatten, so scheint doch auch im Süden nicht ganz immer die Sonne. Nach einer Nacht, in der es pausenlos geschüttet hatte und die Blitze beinahe im Sekundentakt zuckten, war zuerst einmal ein Alternativprogramm zum Klettern gefragt. Weitere Schauer folgten nämlich am Vormittag und sowieso waren noch alle Felsen nass.

Die Wand über den Dächern von Mese bei Chiavenna mit dem Routenverlauf.
Doch es dauerte nicht lange, bis der Nordwind die Wolken vertrieben hatte und blauem Himmel Platz machte. Mit dem Föhn waren auch die Felsen rasch trocken und so war's für diejenigen, die das Reissen hatten problemlos möglich, noch rasch eine MSL-Tour zu begehen. Unsere Wahl fiel auch den Plattensektor von Mese, welcher sehr einfach zugänglich ist. In 2-3 Minuten ist man vom Parkplatz am Fels und vom Top dank bequemem Fussabstieg in 10 Minuten wieder retour beim Auto. Während sich die meisten Routen vor Ort im Bereich zwischen 5c-6b abspielen, wählten wir mit der Condotta Libera (5 SL, 5a) die einfachste Variante.

MSL-Kletterei in urbanem Ambiente, dafür mit sehr kurzem Zustieg.
Plattenbewertungen sind ja ein bisschen eine Sache. Nachdem ich nun einige Male im Plaisirbereich unterwegs war, fällt mir vor allem doch eine massive Inhomogenität auf. Was einerorts bei durchschnittlicher Bewertung mit 5a angeschrieben ist, kann anderswo auch nur 4b bewertet sein, während mit Soft Grades eine 5c fällig ist. Anyway, hier dünkten mich die Schwierigkeitsgrade so auf der durchschnittlich bis leicht harten Seite. Insbesondere in der ersten 3c kann man definitiv nicht einfach nur hochspazieren, in den beiden 5a musste ich definitiv sorgfältig und geplant antreten. Die gemäss Topo letzte Länge ist dann über 50m lang (Zwischenstand möglich) und enthält eine super lässige, ausgewaschene Rinne.

Facts

Placche di Mese - Condotta Libera 5a (4b obl.) - 5 SL, 150m - **; xxx
Material: 1x50m-Seil, 8 Express

Nette Plattenkletterei mit sehr kurzem Zugang und einem raschen Fussabstieg. Ideal für den kleinen "Gluscht" oder für etwas Bewegung auf der Vorbeireise. Bis auf die letzte Seillänge ist die Kletterei trotz der moderaten Bewertung nicht banal. Die Absicherung mit sinnvoll platzierten Inox-BH ist gut ausgefallen. Mit Ausnahme der enger eingebohrten L1 (die auch als Baseclimb machbar ist) scheinen mir die Abstände für einen Kindervorstieg aber doch zu fordernd. Nähere und topaktuelle Infos zu den Klettertouren vor Ort findet man am Infoboard unterhalb der Einstiege oder im sehr empfehlenswerten Führer Valchiavenna Rock Climbing von Guido Lisignoli.

Dienstag, 25. Juli 2017

Acquafraggia - Mamma Mia (6a)

Die Gegend um Chiavenna ist eine etwas alpiner ausgefallene Kopie des Tessin. Hier findet man unscheinbar und in den Wäldern versteckt zahlreiche Klettergärten in bestem Gneis, es gibt plattige Plaisir-Klettereien, steile Wände und selbst ins Bergell, das Schweizer Granit-Eldorado, ist es nicht weit. Kommt noch hinzu, dass auch das Val di Mello und die Engadiner Kalkgebiete gut erreichbar sind. Darüber hinaus überzeugen die Vorzüge des südlich geprägten Wetters und eine zwar äusserst kurvige, dafür auch staufreie Anfahrt über den Splügenpass. 

Die Wand mit dem Routenverlauf
In Acquafraggia auf dem Campingplatz von Guido Lisignoli, dem Haupterschliesser der vielen Klettereien in der Gegend, wollten wir einen ersten Teil unserer Sommerferien verbringen. Das Programm sollte aus einem guten Mix zwischen Sportklettern und MSL-Klettern mit den Kindern bestehen - natürlich nebst all den spassigen Nebenaktivitäten, welche in den Ferien sonst noch Platz haben, jedoch nicht unbedingt Teil eines Kletterblogs sind. An einem Tag, der bewölkt startete, wollten wir das Limit ausloten und stiegen in die Mamma Mia (5 SL, 6a) ein. Diese wurde erst im 2016 von Guido Lisignoli an den Wänden von Acquafraggia erschlossen, verläuft unmittelbar neben einem Wasserfall und ist vom Camping in ca. 10 Minuten zu Fuss zu erreichen.

Installation auf dem Spielplatz unterhalb der Wand. Fragen zu Ethik und Sicherheit lassen wir mal aussen vor...
L1, 35m, 5c: Noch nicht ganz so steile Kletterei ohne anhaltende Schwierigkeiten. Einige Stellen sind jedoch durchaus schon als knifflig zu bezeichnen, da der dunkle Fels  hier doch ziemlich glatt ausgefallen ist.

L2, 40m, 6a: Kurz geht's durch den Dschungel und in einem speziellen ausgewaschenen Fels mit vielen runden Mulden steil aufwärts. Das Gestein ist vom Wasser poliert, stellenweise jedoch etwas staubig, was die Kletterei glitschig und anspruchsvoll macht. Der Ausstieg über eine steile Dreckpassage (gut mit BH abgesichert) fordert dann den richtigen Alpinisten - da kam mir meine Erfahrung aus Jugendzeiten in den Wäldern des Tössberglandes sehr zu Gute.

Ein Eindruck der Gegend, aufgenommen vom Campingplatz. Die Wand mit der Route befindet sich noch etwas rechts der beiden markanten Acquafraggia-Wasserfälle und ist auf dem Bild (obwohl in nur 10 Minuten von diesem Punkt zu erreichen) nicht wirklich gut sichtbar.
L3, 30m, 6a: Eine wirklich sehr spezielle Länge! Sie beginnt leicht überhängend, der Fels ist aber total irre strukturiert. Irgendwie eine Mischung zwischen korsischer Tafoni-Kletterei und Kalymnos-Sintern, ein geniales Turnfest. 

L4, 20m, 6a: Der Auftakt beinhaltet nochmals eine ähnliche Passage wie in der Länge zuvor, wenn auch nicht ganz so steil. Dann kurz nach rechts und da ist schon der nächste Stand. Kam mir etwas weniger anspruchsvoll wie  L2 und L3 vor.

L5, 25m, 6a: Hier geht's nicht mehr ganz so steil zu und her, das Gestein ist wieder etwas weniger strukturiert und glatter, mit kniffligen Sloperproblemen. Gegen Ende hin auch wieder etwas alpin bzw. bewachsen, an einer Stelle kurz vor Schluss musste ich doch tatsächlich auf harter Erde auf Reibung antreten ;-). Nach 25m erreicht man einen Stand, von wo man über die Route abseilen könnte. Hinauf ins flachere Gelände ob der Wand sind es weitere 10m.

Der gut versicherte Abstieg ist für sich selbst sehr sehenswert.
Tatsächlich hatten wir schliesslich alle zusammen den Ausstieg erreicht - es war jedoch anspruchsvoller wie gedacht. Die Kinder mussten hier an ihre Grenzen gehen. Während dieser Schwierigkeitsgrad bei Plattenkletterei beinahe mühelos von der Hand geht, so war diese steile, athletische und auch ausgesetzte Wand doch eine neue Erfahrung, auch wenn Steilheit und Schwierigkeitsgrad aus Garten und Halle nicht komplett unbekannt waren. Wir machten uns schliesslich an den Fussabstieg. Dafür muss man noch etwa 100hm durch etwas dschungeliges Gelände ziemlich genau gerade hinaufsteigen (zu Beginn leicht rechtshaltend). Dort trifft man auf den Pfad, welcher ins alte Bergdorf Savogno hinaufführt, bzw. an den Wasserfällen vorbei zurück zum Ausgangspunkt. Die Sache ist sehenswert und würde sich auch ohne zu Klettern lohnen! Zurück in der Zivilisation kommt man als erstes gleich an der Bar vorbei, wo man kühle Getränke, etwas zum Zmittag, Gelati und Caffè erhält. Ein würdiger Abschluss von dieser Familienkletterei. Daneben kann man sich auch gleich noch in den schönen Becken des Bachs abkühlen, was will man noch mehr?!? 

Badespass gleich unterhalb der Wasserfälle, eine willkommene Erfrischung!

Facts

Acquafraggia - Mamma Mia 6a (5c obl.) - 5 SL, 160m - G. Lisignoli 2016 - **;xxxx
Material: 11 Express, fürs Abseilen oder Rückzug 1x70m oder 2x50m-Seile

Interessante Kletterei durch die steile Wand neben einer Kaskade. Sie besticht vor allem durch die teils wirklich phänomenale Felsstruktur, die einen Henkelgenuss sondergleichen ermöglicht. Die Steilheit der Linie ist für den Schwierigkeitsgrad ebenfalls aussergewöhlich. Leider ist die Wand auch etwas botanisch, hin und wieder muss man auf Dreckpodeste hinaufmanteln und teils ist der Fels auch staubig, dreckig oder brösmelig. Trotz der sehr guten Absicherung mit tadellos platzierten Inox-BH erhält die Sache doch einen etwas abenteuerlichen Anstrich, der den reinen Genusskletterer vielleicht nicht restlos zu überzeugen vermag. Ein super Topo gibt's gratis vom Erstbegeher: klick!

Donnerstag, 20. Juli 2017

Bouldern am Flüelapass

Gregor Benisowitsch ist ein Urgestein der Schweizer Sportkletterszene, bereits in den 1970er-Jahren bewältigte er schwierige Stellen in freier Kletterei, sei es an den Aiguilles de Chamonix oder am Uetliberg. Ein Highlight stellen natürlich seine Erstbegehungen im Bockmattli zusammen mit Martin Scheel dar, u.a. Supertramp, Freetrip und Andromeda. Darüber hinaus machte er sich in seiner beruflichen Karriere als Experte für die strafrechtliche Beurteilung von Bergunfällen einen Namen. Auch heute noch ist er ein aktiver Kletterer, der immer noch weiss, wie man harte Moves zieht. Er hat mir die folgenden Infos zu den Blöcken am Flüelapass zur Verfügung gestellt - er würde sich über den einen oder anderen Mitstreiter beim Putzen und Klettern sicher freuen.

Gregor in der Königstraverse (Fb 6C/7A) auf der Prado Rocco, hinten das Flüela Wisshorn.
Die Blöcke befinden sich in traumhafter Landschaft auf der Davoser Seite vom Flüelapass im Gebiet Karlimatten, unmittelbar bei den kleinen Seelein bei P.2241 (siehe Karte). Der Zustieg vollzieht sich von der Wägerhütte, wo man auch zur Skitour auf das Flüela Wisshorn aufbricht und dauert keine 30 Minuten. Gregor hat das Gebiet Prado Rocco (d.h. Felsenwiese) getauft. Der grosse Block heisst Oncha. Die markanteste Linie ist die Königstraverse, welche von rechts nach links führt und dabei immer schwieriger wird. Die Bewertung bewegt sich im Bereich Fb 6C/7A. Weiter gibt's den Block Marella, dessen überhängende Welle schwer zu knacken ist und ein noch ungeklettertes Projekt darstellt. Auch sonst gibt's noch eine Menge zu tun, Gregor plant das Gebiet nach der Schneeschmelze weiter zu bearbeiten.

Eine weitere Impression aus der Königstraverse (Fb 6C/7A).
Der Block Marella mit seiner überhängenden Welle, ein noch ungeklettertes Projekt.
Karte mit Lage der Blöcke. Quelle: map.geo.admin.ch

Mittwoch, 12. Juli 2017

Rätikon - Sunshine Reggae (5b, 3 SL, Erstbegehung)

An der Gamstrittplatte in der Sulzfluh Ostwand, die in einer sehr schönen Berggegend oberhalb von Partnun im Rätikon liegt, hatte ich bei unserem letzten Besuch das Potenzial für eine schöne, direkte und gut abgesicherte Plaisirkletterei entdeckt. Zudem war es schon lange eine Idee von mir, einmal mit und für die Familie eine Route zu erschliessen. Nachdem ein sonniger Samstag angekündigt war, ging's los - tatsächlich konnte das Projekt erfolgreich realisiert werden, auch wenn wegen der aufgebrauchten Bohrmaschinen-Akkus zum Schluss noch etwas mühselige Handarbeit vonnöten war.

Die eindrückliche Ostwand der Sulzfluh von Partnun aus gesehen - eine wunderschöne Berglandschaft.
Der Zustieg beginnt oberhalb von St. Antönien beim P6 in der Nähe von Äbi (ca. 1620m, 6 CHF/Tag, Münzen bereithalten). Zuerst geht's hinauf zum Berggasthaus Alpenrösli in Partnun. Anstelle vom direkter verlaufenden Wanderweg zur Sulzfluh oder der am Hang mäandrierenden Güterstrasse wählten wir dieses Mal den Weg am Partnunsee vorbei. Dieser dünkt mich abwechslungsreicher und schöner, er ist weniger der sengenden Morgensonne ausgesetzt und dauert zeitlich kaum länger. Mit meinem schwer bepackten Rucksack musste ich allerdings Acht geben, damit ich meinem topmotivierten, 6-Jährigen Bohrlehrling überhaupt folgen konnte. Nach einer Stunde waren wir (ich für meinen Teil ziemlich verschwitzt) am Einstieg angelangt, der Wanderweg zur Sulzfluh führt unmittelbar daran vorbei.

Bereits der Zustieg bietet ein atemberaubendes Ambiente.
Vorgesehen hatte ich, dass ich mich umgehend an die Bohrarbeit machen würde, während die Familie erst ein Picknick geniesst, die Höhlen der Umgebung erkundet und danach die ersten beiden Seillängen am Stück nachsteigt. Doch mein Sohn gab mir klar zu verstehen, dass er seinen Job darin sähe, diese Route mit mir gemeinsam einzurichten - und "gemeinsam" heisst eben nicht aus der Ferne am Wandfuss zuschauend, sondern am scharfen Seilende den Schalter des Bohrhammers bedienend. Nun denn, nachdem ich genügend und lange Seile mit im Gepäck hatte, konnte ich ihm von weit oben ein Toprope installieren. Dass er im Vorstieg mit allem Gerät herumhantiert schien mir dann doch noch etwas zu gewagt, obwohl er das natürlich "genau so gut wie Papi" gekonnt hätte. So ging es dann im Teamwork. Wir berieten über Hakenposition, ich setzte den Bohrer an, er vervollständigte das Loch, blies es aus. Für das Einschlagen des Ankers und die Endkontrolle war dann wieder ich zuständig, während er mit dem Ringschlüssel festzog.

Teamwork am ersten Haken, nachher rüsteten wir uns noch etwas besser für die gemeinsame Arbeit aus.
Tja, dumm nur, dass nach 28 Bohrlöchern dieses Mal finito mit der Akkuladung war. Ich war mir schon im Vornhinein bewusst, dass es knapp werden könnte. Schliesslich sind meine Akkus jedoch in den letzten Jahren auch gealtert. An den Wendenstöcken in der Zambo hatte ich dereinst noch deutlich über 30 Löcher zustande gebracht. So blieb mir dann nichts anderes übrig, als die 2 verbleibenden Löcher von Hand zu bohren. Die Familie schickte ich abseilend in die Tiefe, sie wurde zu einer Ruderbootsfahrt auf dem Partnunsee und dem Besuch vom Gasthaus abdetachiert. Wie erwartet war es dann eine zähe und zeitaufwändige Sache, diesen beiden Löcher von Hand zu klopfen. Meinen höchsten Respekt vor jenen, welche in den 80er-Jahren vor dem Bohrmaschinen-Zeitalter ihre Routen erschlossen haben. Noch vor dem befürchteten Gewitter und dem Einnachten wurde ich aber fertig und folgte meiner Familie. Erneut wartete die spassige, 6km lange Trottinett-Abfahrt nach St. Antönien, welche den gelungenen Tag ideal abrundete.

Am idyllischen Partnunsee hat's drei Ruderboote zur Benützung, mehrere Grillstellen und Baden kann man auch :-)
Facts

Sulzfluh Ostwand - Sunshine Reggae 5b (4c obl.) - 3 SL, 100m - Familie Dettling 2017
Material: 12 Express, 1x60m oder 2x50m-Seile

Hübsche Plaisirkletterei mit einem Schuss alpinem Ambiente, in atemberaubender Berglandschaft gelegen. Drei Seillängen von 35m/35m/30m Länge führen über die Gamstrittplatte, welche besten Rätikonfels aufweist und interessante Kletterstellen an Wasserillen und griffigen Wandstellen bietet. Die Route ist sehr gut mit goldgelben Fixé-Bohrhaken abgesichert und (zur Zeit) am Einstieg angeschrieben. Zusätzliche Sicherungsmittel sind nicht erforderlich und in diesem kompakten Fels auch kaum einsetzbar. Mit einem 60m-Einfachseil kann "tout juste" an Kettenständen über die Route abgeseilt werden, mit Doppelseil geht dies natürlich ebenso. Ein Fussabstieg vom Top ist durch Queren im exponierten Schrofengelände zum Sulzfluh-Wanderweg wohl möglich, aber zeitlich nicht schneller und ohne entsprechende Erfahrung in solchem Gelände wenig empfehlenswert. Weitere Informationen zum Gebiet und den Kletterrouten in der Umgebung findet man im Kletterführer Rätikon Süd von Panico, der bei Bächli Bergsport erhältlich ist.

Das Topo zur Route. Besten Dank an Bächli Bergsport für den Support!

Dienstag, 4. Juli 2017

Rätikon - Silbergeier (8b+)

Der Silbergeier ist eine der bekanntesten, extremen MSL-Routen der Alpen. Das hängt vor allem mit seiner Erschliessungsgeschichte zusammen. Anno 1994 wurde die sogenannte alpine Trilogie geboren. Diese bestand eben durch Beat Kammerlanders Silbergeier, der End of Silence von Thomas Huber und der Route Des Kaisers neue Kleider von Stefan Glowacz. Alle diese befanden sich im Grenzbereich zwischen zehntem und elftem UIAA-Grad und legten damit den Bereich des Möglichen im Rahmen von MSL-Touren höher. Der Silbergeier hat sich im Lauf der Zeit als die schönste und beliebteste Route dieser Trilogie entpuppt. Auch wenn nach heutigen Massstäben nicht mehr ganz Cutting Edge - die Dawn Wall am El Cap ist doch ein ganz anderes Kaliber - so reisen doch immer wieder Kletterer von Nah und Fern für einen Versuch an. Inzwischen haben sich über 20 Aspiranten den roten Punkt gesichert.

Wandbild der 4. Kirchlispitze mit dem Verlauf vom Silbergeier (8b+)
Nun denn, obwohl ich im Klettergarten bereits einmal nominell ähnlich schwer wie die Hauptschwierigkeit im Silbergeier geklettert bin, so befindet sich diese Route ziemlich offensichtlich oberhalb meiner Kragenweite. Anders für meinen Seilpartner Dani: er hat das drauf und Ambitionen auf mehr als nur ein blosses Hochkommen. Ich freute mich sehr, als sich die Gelegenheit zum Mitgehen ergab. Irgendwie ist das ja auch so cool am Klettersport. Die Meisterleistungen der Klettergötter stehen da und jedermann kann sich daran versuchen. Das ist halt in etwa so ähnlich, wie wenn ein Fussballfan einfach so mal eine Partie bei Real Madrid mitspielen könnte, der Wintersportler unter Rennbedingungen einen Lauf am Lauberhorn machen könnte oder der Motorsport-Freak sich mal in einen Formula 1 Boliden setzen könnte. Somit wollte ich dann auch probieren, möglichst weite Teile der Route freizuklettern und dabei eine gute Figur abzugeben - irgendwo im Hinterkopf mit der ganz leisen Hoffnung, dass auch für mich vielleicht dereinst noch ein paar Punkte zu holen wären. Nur nicht zu tief zielen mit den Ambitionen...

Hier beginnt die Fixseilpiste, welche in ca. 150hm über den Vorbau zum Elefantenbauch hinaufführt.
Da wir Konkurrenz befürchteten, begann unsere Tour bereits um 7.30 Uhr auf dem Melkplatz. Viele Fahrzeuge aus ganz Europa waren bereits parkiert und die Leute schälten sich eben aus ihren Zelten oder Vans - was ja gemäss den Infos in der Literatur so eigentlich nicht gerne gesehen ist. Flugs stiegen wir hinauf unter die Kirchlispitzen, hach wie schön, wieder einmal im vertrauten Rätikon unterwegs zu sein! Die Gegebenheiten mit dem Aufstieg zum Elefantenbauch an der 4. Kirchlispitze waren uns natürlich bestens bekannt, waren wir doch schon mehrfach hier, zuletzt für die Prix Garantie und Hannibals Alptraum. Da wir bereits Kunde von diesjährigen Wiederholungen ebendieser Prix Garantie und von Versuchen im Silbergeier hatten, konnten wir uns den Fixseilen hinauf zum Einstieg ein bisschen beruhigter anvertrauen. Derjenige, welcher im Frühling als Erster kommt, der soll und muss diese schon ein wenig mit Bedacht verwenden. Doch auch sonst ist die Wahrscheinlichkeit einer Beschädigung durch Steinschlag halt nicht null und sollte entsprechend einkalkuliert werden. Mit den Vorbereitungen liessen wir uns gütlich Zeit und starteten schliesslich erst etwa um 9.15 Uhr mit der Kletterei. Die Temperaturen lagen eher auf der frischen Seite und hiessen uns, einige Extraschichten an Kleidern zu montieren. Der Kletterei am extrem scharfen und kleingriffigen Gestein würde dies allerdings sicher zu Gute kommen.

L1, 35m, 8b: Ehrlich gesagt, dünkte mich dies bis auf die 7a+ fast noch die machbarste aller Seillängen. Als einzige ist sie überhängend, total etwa 4-5m und hat damit so etwas wie Klettergartencharakter. Nach einem Eintrittsboulder zum und am zweiten Haken vorbei ist die erste Hälfte bis zu dem Punkt am Beginn der kleinen Verschneidung, wo Martin Scheel das Projekt aufgegeben hatte, noch relativ gutmütig und über weite Strecken vergleichsweise griffig  (ca. 7b+/7c). Dann folgt die obligatorische, kleingriffige Wand rechts der Verschneidung. Das fordert bereits die Psyche, der nächste Bolt steckt nämlich ungünstig weit links. Dann ein Dächli, ein paar weite Moves an ordentlichen Tropflöchern und eine feine Mover-Stelle an sloprigen Strukturen. Schon bald rückt der Stand näher. Der ist allerdings kein No-Hand-Rest, es gibt nicht einmal einen Absatz für die Füsse - nur gerade ein henkliger Griff markiert hier das Ende des ersten Abschnitts. Zu erwähnen ist auch, dass diese Länge an ein paar entscheidenden Stellen bereits etwas abgeschmiert ist.

Hier geht's los! Ästhetische Wandkletterei in L1 (8b). Ab dem ersten Bolt bis zur Position, wo sich der Kletterer befindet, warten bereits einige nicht ganz triviale Moves. Ab jener Stelle geht's dann für die nächsten 10m im Vergleich zur Rest der Route noch einmal richtig gemütlich und grossgriffig daher.
L2, 25m, 7c+: Ein unglaublicher Plattenknaller. Die ersten Meter gehen mit einer Linksschleife noch relativ gut über die Bühne, am nächsten Bolt vorbei wartet dann aber eine steile Wandstelle an ein paar extrascharfen Mikrocrimpern, so gut wie trittlos. Nach dieser Crux setzt beim nächsten Bolt eine lange Querung nach links an - Steilplattenkletterei par Excellence mit ein paar kleinen, scharfen Strukturen für die Hände, es ist extrem schwierig, den Druck auf die Füsse zu bringen. Besonders spassig ist's im Nachstieg: man hat genau einen einzigen Shot, sitzt ein Move nicht, so gibt's einen Pendler und man kommt nicht mehr in die ursprüngliche Position zurück. Die Filmsequenz zeigt klar auf, wie das so vonstatten geht, wenn einer wie ich es versucht. Das Finish dann an einer rissartigen Struktur mit runden Löchern liefert bereits einen Vorgeschmack auf die nächste Seillänge.



L3, 25m, 8a+: Der Auftakt in diese Seillänge konnte auch schon oft auf Fotos in den Klettergazetten betrachtet werden. An kleinen, scharfen Strukturen will man eine Art sloprige Wasserrille rechts aussen auf Schulter nehmen und sich daran etablieren, dies bei minimalem Trittangebot. Der Abstand zum nächsten Bolt ist zwar nicht so weit, man knallt aber doch heftig in die erste Zwischensicherung rein - da gilt es dann, am Hängestand für eine ausreichend dynamische Sicherung zu sorgen, was alles andere als einfach ist. Danach geht's dann eben der Struktur entlang, welche eine Mischung zwischen Wasserrille, Riss und offenen Löchern ist. Gemäss Nina Caprez sei es extrem wichtig, diese Stelle "locker zu klettern", damit man gut durchkomme. Ich habe mein bestes versucht, aber ehrlich gesagt hätte ich im Angesicht all dieser extrem runden, abschüssigen Strukturen und der akuten Trittarmut am liebsten auch noch in den Fels gebissen, um ausreichend Halt zu finden. Somit war das sicherlich das absolute Gegenteil von "locker klettern". Das Finish der Länge dann an seichten Wasserrillen mit einem ziemlichen Runout, die Kletterei wird aber beständig einfacher.

Super Plattenkletterei an seichten Wasserrillen am Ende von L3 (8a+), einige der einfachsten Meter der Route.
L4, 20m, 7a+: Im Vergleich zum Rest beinahe eine Plaisirlänge, jedoch auch nicht zu unterschätzen. Vom Stand weg auf Spritzbeton-Fels in beinahe purer Reibung zum ersten Bolt. Der zweite folgt bald, ebenso eine knifflige Wandstelle an kleinen Leisten am Haken vorbei. Danach nimmt man eine Wasserrille auf Gegendruck und klettert den nicht allzu schweren Runout. Hinein geht's ins Geiernest, endlich ein uneingeschränkt bequemer Stand. Ähm nein, dann doch nicht, weil der Vorsteiger in der nächsten Seillänge von rechts ausserhalb der Nische gesichert sein will.

Sagenhafter Spritzbeton-Fels in L4 (7a+), welche trotz der moderaten Bewertung nicht zu unterschätzen ist.
L5, 25m, 8b+: Die Cruxlänge ist nicht einmal senkrecht, verlangt aber doch eine hohe Portion an Athletik. Zum Greifen gibt's hier nur gerade ein paar wenige, kleine Untergriffschüpplein und hier und da ein extrascharfes Tropfloch. Für die Füsse gibt's so gut wie gar nichts, bis auf die extrascharfe Raufasertapete der Wand selbst. Im wesentlichen Teil sind die Hakenabstände im Prinzip kurz, dafür die Kletterei unglaublich diffizil. Die zweite Hälfte der Seillänge mit einer grossen Querung nach links ist dann etwas einfacher, bietet dafür aber weite Abstände. Besonders zum Stand hin ist's ein heftiger Runout, wo man seine Nerven beisammen halten muss. Bis zuallerletzt will sauber auf Reibung angetreten werden - wenn hier das Blut in Wallung kommt, so kann's jederzeit zum Abgang kommen.

Ein solcher Gangstertyp muss man sein, um den Silbergeier hochzukommen. Ich bin leider etwas zu nett ;-)
L6, 40m, 7c+/8a: Auch die letzte Länge ist nochmals ein echtes Testpiece und mancher Versuch von einem Gesamtdurchstieg ist hier noch gescheitert. Die zugänglich aussehende Rampe zu Beginn ist aufgrund vom glatten, strukturarmen Gestein schon deutlich schwieriger wie erhofft. Dann folgt eine Linksquerung - der Hakenabstand ist zwar nicht weit, aber es droht ein unkontrollierter Abgang mit nachfolgendem Pendelsturz, unangenehm. Dann wird's nochmals athletisch, eine psychisch und physisch fordernde Sequenz leitet in eine Verschneidung hinein. Erst ganz zuletzt wird's dann einfacher und der Silbergeier gibt sich endgültig geschlagen.

Da wir mit einem Einfachseil geklettert sind, nahmen wir für den Runterweg den Helikopter ;-) Nein im Ernst, an diesem Tag gingen nicht alle Rätikonkletterer glücklich und unversehrt nach Hause. Im Bereich der 5. Kirchlispitze war eine Luftrettung im Gange.
Nun waren unsere Kraft-, Haut- und Zeitreserven aufgebraucht. Tja, für eine stilreine Begehung ist beiderseits noch etwas Übung notwendig ;-) Aber eigentlich ist ja eine Rotpunktbegehung sowieso einfacher, wie das was wir gemacht haben: da klettert man dann nämlich jede Stelle nur genau 1x, während wir aufgrund von Ausbouldern und Stürzen wohl mindestens das Dreifache der Klettermeter zurückgelegt haben. Schönreden kann man sich fast alles! Das Abseilen über die Route präsentiert sich ob der steilen und absatzlosen Wand natürlich ohne Schwierigkeiten, wobei man unter Umständen teilweise auch auf Fixseile zurückgreifen kann. Zum Zeitpunkt unserer Begehung war dieses nur bis zum ersten Stand installiert. Aber ich gehe davon aus, dass es im Verlauf des Sommers wie üblich bis hinauf zum Ausstieg eingezogen wird. Die unteren Fixseile über den Vorbau waren in einem guten Zustand, so dass man in wenigen Minuten retour am Wandfuss war. Einen kurzen Geröllsurf später standen wir im Grünen und konnten die Ausrüstung definitiv ablegen.

Für diese Pose hat es immerhin gereicht! Auf dem einzigen guten Tritt in der langen Linksquerung von L2 (7c+).
Auf dem Rückmarsch blieb Zeit zur Kontemplation. meine Gefühle zu dieser Silbergeier-Begehung schwanken irgendwo zwischen Begeisterung und Ernüchterung. Die Begeisterung darüber, an diesem berühmten Stück Fels Hand angelegt zu haben und es einmal erlebt zu haben. Die Ernüchterung kommt von der Erkenntnis, wie weit ich von einem stilreinen Rotpunkt-Durchstieg entfernt bin. Da fehlt es an allen Ecken und Enden: die Fingerkraft ist nicht einmal das Hauptelement, sondern vor allem Körperspannung, Koordination und Fusstechnik genügen einfach nicht. Leider Gottes, dürften sich die nötigen Fähigkeiten in diesem Leben nicht mehr ausreichend entwickeln. Aber sag niemals nie, hehe. Ein weiterer Punkt, der im Silbergeier gegenüber einer einfacheren Route auch fehlt, ist der Flow. Das tolle am Alpinklettern ist es ja gerade, einen ganzen Tag lang herausfordernde Aufgaben gestellt zu kriegen, welche man im Idealfall alle lösen kann und sich am Ende den Onsight-Durchstieg verbucht. Gut, der Silbergeier ist für kaum jemanden auf dem Planeten in diesem Stil denkbar, da kommt dann eher sportkletterorientiertes Ausbouldern ausserhalb vom Klettergarten zum Zug. Ich will das nicht werten, jedem Tierchen sein Plasirchen und der Mix ist das, was das Klettern spannend und abwechslungsreich macht.

Facts

4. Kirchlispitze - Silbergeier 8b+ (7c obl.) - 6 SL, 200m - Beat Kammerlander et al. 1993 - *****;xxx
Material: min. 40m langes Seil zum Klettern plus Tagline zum Abseilen, 10 Express

Der weltberühmte Extremklassiker mitten durch den Elefantenbauch an der 4. Kirchlispitze. Während die erste Seillänge noch durch überhängenden Fels führt, sind die folgenden kaum senkrecht. Dementsprechend technisch präsentiert sich die Kletterei. Man bedient sich oft an kleinsten, scharfen Strukturen oder dann an rätikontypischen Slopern und muss sich ständig darum kümmern, den Druck auf den Füssen in extrem trittarmem Gelände aufrecht zu erhalten. Das erfordert ein hohes Mass an Fusstechnik, Körperspannung, Koordination und auch Psyche. Die Hakenabstände sind eigentlich nie sonderlich weit - wäre die Route maximal im 6c/7a-Bereich, so würde man bei dieser Behakung von einer super Absicherung sprechen. Die hohen und anhaltenden Schwierigkeiten weit jenseits vom Komfortbereich sowie die schwer kontrollierbare Kletterei geben aber halt doch ein anderes Gefühl. Online-Topos findet man an verschiedenen Stellen, die besten Kletterführer als Übersicht zum Gebiet sind der Extrem Ost von Filidor und der Rätikon Süd von Panico, welche man bei Bächli Bergsport bestellen kann.

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