- -

Montag, 30. November 2015

Due ore e mezza da Zurigo...

Herbstliches Sauwetter mit starkem Wind, Schneefall und Regenschauer. Wer hat da nicht das Verlangen nach Sonne, Wärme und blauem Himmel? Von da her haben wir Kletterer es schon gut, haben wir doch einen echten Grund, ein Schlechtwetter-Weekend im sonnigen Süden zu verbringen. Wohl würde die Anreise an einem solchen Weekend auch für ganz gewöhnliche Touristen lohnen. Doch wer reist denn schon so weit, ohne einen genauen Plan, was er an der Destination tun soll...

"I go first and show you how it goes..." - wann ist es nicht nur im Zustieg, sondern an der Wand soweit?
Ambiente particolare... eine bequeme, sonnige Terrasse über dem See. Am Samstag mässig, am Sonntag dann vielbesucht.
Für uns gab es nach fast 4 Jahren später wieder einmal einen Besuch in Carate Urio. Nein, dieses Mal ohne Metalldetektor und wir müssen auch nicht nochmals für die Suche nach Edelmetall anreisen. Kaum zu glauben, wie schnell die Zeit seit dem letzten Besuch verflogen ist. Mussten das letzte Mal das Gear und die Kinder noch im Sherpa-Modus an den Fels gebracht werden (eine kurze Felsstufe sorgt dabei für gewisse logistische Herausforderungen), so springt die Jungmannschaft nun vorneweg, bei der kurzen Kletterpassage heisst's "soo cool, es Seili zum ufechlättere!!!" und schon wird man von oben herab begrüsst.

In Rilli (7a+), die Tupac Amaro (8a) rechts davon über die zwei Dächlein hinweg, welche je eine Crux bieten.
Senza parole...
Gut wie eh und je ist die Kletterei: superbequemer Einstiegsbereich mit genialem Panorama auf den Comersee, sintrig-athletische Kletterei, Sonne von 9.00-16.00 Uhr und ideale Absicherung. Was will man da noch mehr. Natürlich, gerne ein paar schwere Routen punkten! Dieses Mal gelang mir die am schwersten bewertete Tour im Gebiet, die Tupac Amaru (8a). Hätte ich womöglich auch schon früher gekonnt, wenn ich es denn versucht hätte. Das Selbstvertrauen, es überhaupt zu probieren und solange dranzubleiben, bis die machbare Lösung gefunden ist, macht es aus. Daneben konnte ich auch noch Inshallah (6b), Rilli (7a+), Tao Te Ching (6b), Internet (6c) und Budry (6b+) begehen. Für die nach meinem Geschmack fast ebenso schwere General Life (7c+/8a) hat es dann leider nicht mehr ganz gereicht. Maybe next time, ich freue mich schon jetzt darauf, an einem Weekend mit Sauwetter im Norden hier an der Sonne klettern zu können!


Dienstag, 24. November 2015

Schafbergwand - Galoschen des Glücks (7a, 6 SL, Sanierung)

Die Route Galoschen des Glücks an der Schafbergwand wurde 1984 von Bertram Burtscher und Wolfgang Unterlechner erstbegangen. Es war eine sehr kühne Unternehmung: die ersten beiden Seillängen (7a und 6c) erforderten schon Einsatz, so richtig krass war die Situation aber in den heute mit 6a und 6b+ bewerteten letzten beiden Seillängen. Hier gab es auf 75m Kletterstrecke gerade mal 3 NH als fixe Zwischensicherungen und Möglichkeiten um mobiles Material einzusetzen sind auf den kompakten Platten nicht wirklich vorhanden. Eine äusserst gewagte Sache also, welche ein stabiles Nervenkostüm verlangte. So erstaunt es nicht, dass es zu Zeiten der Erstbegehung nicht mehr als eine Handvoll Wiederholungen gab, die Route bald in Vergessenheit geriet und nicht mehr begangen wurde. Im 2015 setzte sich Werner Küng, Autor des SAC-Kletterführers Alpstein und Regional-Vertreter der SAC-Gruppe Sanieren und Erschliessen schliesslich für eine Renovation dieser Route ein. Einer der beiden Erstbegeher war inzwischen unfallbedingt verstorben, der zweite weit weggezogen und nur noch im Plaisirbereich als Kletterer aktiv. Über zwei, drei Ecken konnte er aber ausfindig gemacht werden und stimmte der Renovation unbedingt zu. Auch weitere Exponenten, welche sich in der Erschliessungsgeschichte der Schafbergwand verdient gemacht hatten stimmten dahingehend überein, dass man wenn, dann aus den Galoschen eine vernünftig abgesicherte alpine Sportklettertour machen solle.

Der klassische Blick auf die Platten der Schafbergwand vom Gamplüt, das man auf dem Zustieg passiert.
In ihrem ursprünglichen Zustand war die Route nämlich nicht unbedingt ein Muster für eine beispielhafte Absicherung. Die Cruxlänge (L1, 7a) war nämlich von oben eingerichtet worden, hier steckten die alten Kronenbohrhaken schon immer so, dass die Stelle A0 bewältigt werden konnte. In der folgenden L2 (6c) befanden sich zwar zahlreiche Schlaghaken, leider stark kreuz und quer hinter den Grasmutten versteckt und meist von zweifelhafter Qualität. Wie bereits erwähnt war der Ausrüstungszustand der letzten beiden Seillängen hingegen absolut lebensgefährlich. Hier mussten, sofern die Haken denn gehalten hätten, Stürze von bis gegen 50m (!!!) Länge kalkuliert werden. Auf diesen Steilplatten mit teils messerscharfen Wasserrillen ein komplett unkalkulierbares Risiko. Man kann dies nur mit Blick auf die Epoche der Erstbegehung verstehen, wo die Zeitgenossen einen Klettertag an der Schafbergwand gerne mal mit einer Solo-Begehung vom Sandührliweg (6a+) eröffneten, dann sogar die Sandi in the Moon (6b+) so bewältigten, bevor man sich schliesslich für die beiden schweren Längen der Galoschen einband, um das Schlussstück dann wiederum in faktischer Solo-Manier zu klettern.

Die östliche Südwandplatte in der Schafbergwand mit dem Verlauf der von uns renovierten Route Galoschen des Glücks (7a).
Nun denn, nachdem ich im 2014 mit Werner bereits den Garten Eden an der Schafbergwand hatte sanieren können, freute ich mich über seine Anfrage zur Mitwirkung an diesem neuerlichen Projekt. Erst recht nachdem ich gehört hatte, dass es hier darum ginge, auf dem Trassee der alten Galoschen im Vorstieg eine neue, gut abgesicherte Route anzulegen. Schliesslich muss ich sagen, dass ich hier ähnlichen Spass und vergleichbare Herausforderung wie bei einer Erstbegehung von unten hatte. Bis auf die A0-Passage in L1 war der Verlauf im Vornhinein nämlich oft unklar und die Absicherung quasi inexistent. Somit hiess es losklettern, dabei die einfachste und logische Linie wählen und die Haken aus der Kletterstellung bohren. Wie sich schliesslich zeigte, folgte ich dabei weitestgehend der originalen Route. Ein paar einzelne Abweichungen entstanden nur dort, wo man früher zwecks Absicherbarkeit nach links und rechts in grasigere Zonen ausgewichen war. Diese dank dem Einsatz von Bohrhaken möglichen Begradigungen kommen dem Klettergenuss aber sehr zu Gute, sie erhöhen Homogenität und Qualität der Linie, ohne dabei die Maximalschwierigkeiten zu erhöhen. Nachdem an zwei Bohrtagen im Herbst 2015 sämtliche BH angebracht wurden und Werner sich eine RP-Begehung im neuen Zustand schnappen konnte, ist nun folgende Routenbeschreibung aktuell.

L0, 45m, 6a: Die Galoschen des Glücks beginnen nicht am Wandfuss, sondern erst 70m weiter oben. Als Zustieg klettert man aktuell die ersten beiden Seillängen vom Sandührliweg. In der ersten dieser beiden geht's vom tiefsten Punkt der Wand über die grosse Platte hinauf. Weitgehend gutgriffig bietet diese aber auch zwei, drei knifflige Herausforderungen mit weiten Zügen, welche nicht mehr unbedingt zur heute gängigen Vorstellung vom Grad 6a passen.

Werner folgt in L1 vom Sandührliweg, klassisch mit 6a bewertet.
L0, 20m, 5c+: Geradeaus geht's weiter, vom bequemen Band über ein kleines Dächlein hinweg. Die griffige Piazschuppe oberhalb will gepackt werden, um athletisch darüber hinweg zu kommen. Danach lassen die Schwierigkeiten rasch nach und der wiederum bequeme Stand auf dem nächsten Band ist erreicht. Auch diese Seillänge gehört noch zum Sandührliweg.

Die Schlüsselstelle von L2 (5c+) im Sandührliweg, kräftig auf Gegendruck über das kleine Dächlein hinweg.
L1, 40m, 7a: Nun geht's über die auffällig glatte Platte rechts oberhalb vom Stand hinauf. Griffiger Auftakt an ein paar guten Schuppen, doch bald gilt es ernst. Mit äusserst bouldrigen Plattenmoves an der Haftungsgrenze will man sich in die Höhe gezaubert wissen. Mich dünkt das echt schwer, da man einige Male hoch antreten und sich praktisch grifflos raufschieben muss, sind lange Glieder wegen der ungünstigen Hebelverhältnisse ziemlich hinderlich. Ich hätte auch keineswegs gezögert, diese Seillänge mit 7a+ zu bewerten, zumal die Länge auch zu Zeiten der Erstbegehung offenbar mindestens teilweise bereits als 8+ gehandelt wurde. Nun denn, hier wurde ich aber überstimmt, man bilde sich selber eine Meinung! Nach 3 BH hat man das allerschwerste gemeistert, doch so rasch lässt es nicht "lugg" und es bleibt anhaltend steilplattig und kleingriffig, erst die letzten 15 Meter der Seillänge sind dann einfach. Mit etwas Einsatz lässt sich die Cruxzone A0 begehen (ca. 6b+ obligatorisch). Hier haben wir die ursprünglichen Abstände der BH und NH beibehalten.

Anspannung total in der Knallerplatte von L1 (7a) der Galoschen. Da muss man schauen, dass man Druck auf die Tritte bringt! 
L2, 40m, 6c: Schöne und sehr interessante Seillänge mit mehreren kniffligen Stellen und ein paar Ruhepunkten dazwischen. Nie extrem schwer und meist hat man etwas Zeit, um die Sache auszutüfteln. Nach meinem Geschmack könnte man hier auch nur mit 6b+ bewerten. Was die Absicherung betrifft, so steckt nun nur ein einziger Sicherungspunkt mehr als ursprünglich, und zwar am Anfang damit kein Sturz aufs Band mit dem Stand droht. Das heisst, dass auch ursprünglich gar nicht so wenig Material steckte. Allerdings oft in ziemlich ungünstiger Position, da es sich um Schlaghaken handelte, welche irgendwo hinter einem Grasbüschel versteckt werden konnten. Nachdem ich diese allesamt entfernt habe, kann ich auch definitiv sagen, dass sie in erster Linie zur Beruhigung der Psyche da waren. Allesamt waren sie kurz bis sehr kurz, von der Korrosion angegriffen und mit ein paar wenigen Hammerschlägen auch draussen. Nein, da hätte man nicht reinstürzen dürfen.

Eine kleine Auswahl der meist ultrakurzen Schlaghaken, welche ich aus den Galoschen des Glücks entfernt habe.
L3, 45m, 6a: Vom gemeinsamen Stand mit dem Sandührliweg verlaufen die beiden Routen auf kurzer Strecke gemeinsam. Dann ziehen die Galoschen sehr schön pfeifengerade hinauf, über die kompakte Platte welche mit ein paar scharfen, zerfressenen Wasserrillen garniert ist. Eine sehr genussreiche Kletterei, zumindest bei der jetzigen Absicherung. Früher waren hier schon enorm Nerven, ja eigentlich sogar Todesverachtung erforderlich, gab es doch hier nur einen einzigen NH in 30m Höhe über dem Stand und keine weiteren, wirklich brauchbaren natürlichen Sicherungen. Bezeichnend für die damalige Zeit ist auch die Geschichte, dass am Ende dieser Seillänge ursprünglich nicht einmal ein zuverlässiger Stand vorhanden war. Dies solange, bis ein Kletterer bei einem Wiederholungsversuch ob der schlechten Qualität darüber hinweg in L4 weiterkletterte, jedoch vor der nächsten Sicherungsgelegenheit stürzte. Und flupps, weg waren die Standhaken, was die Route für eine Zeit lang unbegehbar machte (später wurden dann zwei Stand-BH gesetzt). Ich hätte diese Länge eher mit 6a+ bewertet, wobei schwieriger als die Startlänge vom Sandührliweg ist es eben schon nicht unbedingt. Aber wie erwähnt, ist jene auch nicht die optimale Referenz für eine 6a.

Sehr schöne Kletterei in perfektem, rauem Fels der qualitativ jenem im Rätikon gar nichts nachsteht: L3, 6a.
L4, 30m, 6b+: Uiuiui. Jetzt muss man sich also einmal vorstellen, dass man früher vom schlechten Stand nach L3 diesen wackligen Mantle vor dem zweiten BH absolut zwingend und ohne Zwischensicherung klettern musste. Der ursprüngliche Schlaghaken steckte nämlich unmittelbar neben dem heutigen zweiten BH. Seit der Sanierung ist die Stelle nun zwar gut abgesichert und gefahrenfrei, der Mantle ist aber weiterhin nicht mit Hakenhilfe zu entschärfen (6b+ obl.). Danach in perfektem Fels etwas einfacher weiter, bevor es am Schluss nochmals gehörig anzieht, da wird einem nichts geschenkt! Nach 30m endet das Klettervergnügen auf einer schmalen Standleiste, bevor sich die Wand in weniger schönem, teils schrofigem Gelände verliert. Über eine Zusatzlänge hatten wir noch kurz nachgedacht, doch es hätte sich nicht mehr gelohnt. Anfügen möchte ich noch, dass mich diese Sequenz und vor allem der Mantle anspruchsvoller als L2 dünkte und ich deshalb mit 6c bewertet hätte. Allerdings bin ich hier bisher nur 1x hochgeklettert, und zwar mit dem ganzen Bohrkrempel, 10 Bohris und mobilem Sicherungsmaterial bestückt, was der Balance bei der wackligen Mantle-Crux nun nicht wirklich sehr förderlich ist. Somit ist meine Meinung nicht zwingend sonderlich repräsentativ.

Geniale Steilplattenkletterei in perfektem Fels in L4 (6b+). Werner folgt entlang der frisch gesetzten Haken.
Damit lassen sich die Galoschen des Glücks nun also unbeschwert mit Genuss und bei guter Absicherung klettern. Der Weg in die Tiefe lässt sich an den dafür eingerichteten Ständen bequem abseilend erledigen. Dank qualitativ hochwertigem, rostfreiem Material (A316L) wird dies auch bis in ferne Zukunft so bleiben, das Kapitel ist also abgeschlossen! Für Werner und mich hat sich unmittelbar daneben aber ein weiteres aufgetan. Die im Kletterführer mit "Altes Projekt" gekennzeichnete Linie war in Wirklichkeit nur einen einzigen Bohrhaken lang. Ein Augenschein liess aber auch dort tolle Kletterei in kompaktem Gelände mit homogenen Schwierigkeiten erwarten. Also nutzten wir am zweiten Bohrtag die verbleibende Zeit und die Rest-Kapazität der Akkus, um hier eine neue Baustelle zu beginnen. Nun kommt aber erst der Winter, so dass die griffigen Löcher, zerfressenen Wasserrillen und rauen Aufleger bis im 2016 ihrer Entdeckung harren wollen. Im Zuge der Erschliessung dieses Neutouren-Projekts werden wir aller Voraussicht nach auch einen direkten Zugang vom Wandfuss erschliessen, welcher dann auch als Einstieg für die Galoschen des Glücks benutzt werden kann. Wenn es dann soweit ist, wird sicher an dieser Stelle darüber berichtet...

Facts

Schafbergwand - Galoschen des Glücks 7a (6b+ obl.) - 6 SL, 220m - Burtscher/Unterlechner 1984 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Keile/Friends nicht nötig

Schöne alpine Sportklettertour durch die östliche Südwandplatte, welche vorwiegend Steilplattenkletterei in rauem, silbergrauen Fels mit hervorragender Reibung bietet. Nebst ein paar griffigen Löchern bedient man vor allem Wasserrillen und texturierte Aufleger, gute Fusstechnik ist notwendig. Seit der hier dokumentierten Sanierung im Herbst 2015 ist die Route nun sehr gut mit rostfreiem Material abgesichert, trotzdem ist vom Vorsteiger noch etwas Einsatz, Können und auch mal ein beherzter Schritt gefragt, d.h. es kann nicht (und soll auch nicht!) jeder Move mit Hakenhilfe erschwindelt werden. In Punkto Schönheit gefallen mir persönlich meine XL und die von uns sanierte Garten Eden noch einen Tick besser, da diese homogenere Schwierigkeiten und etwas abwechslungsreichere Kletterei bieten, doch auch die Galoschen sind im neuen Zustand absolut lohnenswert.

Topo

Das von Werner entworfene Update zum sehr empfehlenswerten SAC-Kletterführer Alpstein, in welchem man viele zusätzliche, wertvolle Informationen findet, wird euch hier gratis und franko angeboten:

Topo vom rechten Teil der östlichen Südwandplatte. Galoschen (75), Sandi in the Moon (77), Hoi Du (78), Garten Eden (79)
Links

Unmittelbar nach Abschluss der Sanierung wurden die neuen Galoschen von einigen Seilschaften wiederholt. Markus hat einen sehr schönen Bericht darüber geschrieben, welcher die Sache wie gewohnt mit wenig Text auf den Punkt bringt: klick!

Samstag, 14. November 2015

Watch your Anchor!

Über die (Un)Sicherheit von Bohrhaken in maritimem Umfeld hatte ich vor rund einem Jahr bereits berichtet. Vor rund einer Woche hat nun die UIAA, der internationale Kletter- und Bergsteiger-Verband ein Dokument veröffentlicht, welches doch schockierende Ergebnisse zutage fördert. Sollen die im Dokument ausgesprochenen Empfehlungen eingehalten werden, so sind in der Kletterszene doch ein gewaltiges Umdenken sowie einschneidende Verhaltensänderungen notwendig. Es ist sehr empfehlenswert, sich den kompletten Bericht (auf Englisch) zu Gemüte zu führen. Nachfolgend eine kurze Zusammenfassung der wesentlichsten Punkte.

Wie in meinem Blog von Dezember 2014 bereits erwähnt wurde, dreht sich das Problem um die schwer erkennbare Korrosion von sogenannt rostfreien Stählen. Leider sind alle diese Materialien im Kletterumfeld nicht zwingend beständig, sondern dem sogenannten Stress Corrosion Cracking (SCC, auf Deutsch Spannungsrisskorrosion) unterworfen. Das Problem betrifft vor allem das maritime Umfeld, d.h. Küstenregionen und bis zu 100km landeinwärts, sowie sonstwie belasteten Standorten (Industrie, Vegetation, ungünstige Mineralien im Fels, ...). Die unsichtbare Korrosion kann die Haken und Laschen so stark angreifen, dass sie bei normalen Sportkletterstürzen oder sogar nur unter Körpergewicht versagen.

Dieser Haken auf Kalymnos ist garantiert nicht mehr einwandfrei. Wie viel er wohl noch hält?
Der Bericht enthält eine Liste von Ländern, wo Hakenversagen aufgrund von SCC bereits beobachtet wurde. Die umfasst durchaus populäre Kletterdestinationen wie Thailand, Griechenland mit seinen Inseln, Italien, Sizilien, Sardinien, die balearischen Inseln, undsoweiter. Da die gefährliche Korrosion von rostfreiem Material von Auge nicht erkennbar ist, hat die UIAA eine Reihe von Empfehlungen für Kletterer verfasst. Die meisten davon sind leider zahnlos oder schwer durchzuführen, z.B. man solle das Risiko von SCC bei der Wahl einer Kletterdestination oder -route in Erwägung ziehen und Sicherungspunkte mit mobilem Material, Bäumen oder Sanduhren redundant machen. Wenn man das konkret durchdenkt, so gibt es eigentlich nur 2 mögliche Ansatzpunkte: entweder, man nimmt das Risiko bewusst in Kauf, oder verzichtet bis auf weiteres auf den Besuch von gefährdeten Gebieten.

Eine Untersuchung an einem betroffenen Fels durch Petzl habe gezeigt, dass rund 20% der Sicherungspunkte in einem (ungenannten) Sektor durch SCC dermassen angefressen seien, dass sich bereits bei einer Belastung von 1-5kN versagten (Körpergewicht bis kurzer Sportklettersturz). Ebenfalls wird der bereits von mir dokumentierte Hakenbruch beim Abseilen aus einer MSL-Route in San Vito lo Capo erwähnt. Mir persönlich erscheinen die 20% über alles eine eher hoch gegriffene Schätzung. Wären tatsächlich so viele Haken dermassen schwach, so würden aus den einschlägigen Gebieten sicherlich deutlich mehr Hakenversagen aus der Praxis bekannt. Nützen tut dies freilich wenig, denn auch wenn es nur 2% oder gar 0.2% sein sollten, ein einziger versagender Haken kann nunmal das Ende bedeuten (z.B. bei einem Sturz in den zweiten oder dritten Haken der versagt, mit Grounder in ungünstiges Gelände).

Besseres Exemplar, ebenfalls aus Kalymnos. Die Lasche ist aber auch nicht einwandfrei. Gemäss neustem Wissen ist der Fall auch hier klar, oder eben nicht. Haltekraft unbekannt, man muss davon ausgehen, dass ein solcher Bolt versagen kann.
Zündstoff beherbergen vor allem auch die neuen Empfehlungen der UIAA, da diese nun meilenweit strengere Anforderungen stellen, als sie der bisherige Gebrauch im Kletteralltag zeigen. Konkret:

  • In küstennahen Gegenden (Meeresnähe, bis 100km Inland, sonstige betroffene Standorte) sollen nur noch Materialien aus dem korrosionsbeständigen Titan oder HCR-Stähle zum Einsatz kommen. Das ist begrüssenswert, in der praktischen Umsetzung jedoch nicht einfach. Titanhaken gibt es nur als Klebehaken, HCR-Laschen bisher gar nicht, zudem kostet ein entsprechender Haken gleich ein mehrfaches wie ein "rostfreier" A4-Bohrhaken von guter Qualität.
  • In von SCC nicht betroffenen Gebieten wie z.B. den Alpen bzw. ganz Zentraleuropa soll Outdoor nur noch Material in A4-Stahlqualität (AISI 316 oder die Low-Carbon-Variante 316L) eingesetzt werden. Rostfreie Haken aus A2-Stahl oder gar verzinkte Ware sind zur Verwendung im Klettersport nicht mehr empfohlen! Der Punkt ist nur, dass sogar namhafte Hersteller von Kletter-Hardware nach wie vor kaum Produkte aus A4-Stahl anbieten. Vielerorts wird nach wie vor mit A2-Material saniert, schlimmstenfalls sogar mit noch schlechterem Material wie Zink-Inox-Gemisch wie z.B. meine Beobachtungen an der Grauen Wand von diesem Sommer zeigen.
Der Hammer kommt dann aber zum Schluss. Die UIAA benennt ganz klar, dass die Klettergemeinde hier vor einer riesigen Herausforderung steht. Aktuell stellt sich heraus, dass das in den allermeisten Kletterrouten verbaute Material den Anforderungen nicht genügt, bzw. nicht sicher ist. Dies betrifft nicht nur maritime Klettergebiete, sondern auch ganz viele andere Felsen. In einigen von meinen Reports sind z.B. die Wendenstöcke erwähnt, wo in fast allen Routen die ungünstige Zink/Inox-Mischung steckt, die nun am Ende ihrer Lebensdauer angelangt ist. 

Eine etwas andere Baustelle, aber das Problem beschränkt sich eben nicht nur auf die maritimen Gebiete, welche wir in den Ferien besuchen. In den Alpen ist zwar das Klima günstiger, d.h. SCC weniger ein Problem. Doch auch hierzulande steckt noch vielerorts komplett ungeeignetes Material wie dieser verzinkte Anker mit Inoxlasche im Simplon-Gebiet. 
Der Bericht schliesst mit der Erkenntnis, dass die Herausforderung von unsicheren Bohrhaken sicherlich nicht von einzelnen Individuen (d.h. guten Seelen) gemeistert werden kann, welche aus eigener Initiative und mit eigenen finanziellen Mitteln als Dienst an der Allgemeinheit Sicherungen warten und ersetzen. Ganz klar auf den Punkt gebracht heisst dies: "the bulk of the climbing population needs to start paying for anchors, whereas in the past most had a free ride". Es wird also nicht gehen, ohne dass sich der gemeine Kletterer finanziell beteiligt - für mich definitiv keine neue Erkenntnis. Ich bin gespannt, wie es in dieser Causa weitergeht...

Dienstag, 10. November 2015

Hinter Glatten - Wätterhäx (7a)

Die Wand am Hinter Glatten stellt ein optimales Ziel für den Herbst dar. Die Sonne scheint hier selbst bei Winterzeit ab 8.30 Uhr morgens an die Wand und bleibt bis kurz vor ihrem Untergang präsent. Der im Frühjahr oft vom Schmelzwasser überronnene Fels präsentiert sich zu dieser Jahreszeit vollständig trocken und mit 7-8 SL haben die Routen gerade die richtige Länge für die bereits kurzen Novembertage. Zudem kann man hier bei deutlich kürzerem Zustieg und Anfahrt in Bezug auf Steilheit und Absicherung ähnliche Herausforderungen wie an den berühmten Wendenstöcken finden. In Bezug auf die Qualität überzeugt das Gestein über weite Strecken mit griffigen Henkeln, rauen Auflegern und scharfen Tropflöchern. Im Gegensatz zum grossen Vorbild fehlen hier aber auch ein paar rustikale Passagen nicht.

Die steile Wand des Hinter Glatten mit dem Verlauf der Wetterhäx aus der Froschperspektive.
Es sollte nach Nirvana, Tüfelswerch und Einbahnstrasse mein vierter Besuch am Massiv werden - die Infos zu den anderen Routen finden sich in meinem Online-Kletterführer. Am Hinter Glatten gibt es für mich noch einige spannende Projekte, die Wahl fiel schliesslich auf die Wätterhäx. Vom Bohren und Sportklettern an den Tagen zuvor waren Kräfte und Haut bereits etwas geschwunden, somit sollte die Route nicht die ganz grossen Schwierigkeiten oder Hakenabstände, aber trotzdem spannende Kletterei bieten. Das war zumindest der Plan, die Route entpuppte sich schliesslich aber als anspruchsvoller wie gedacht. Am Hinter Glatten gibt es ganz generell nicht viel geschenkt, das Grading in der Wätterhäx ist stiff und die Hakenabstände sind alles andere als plaisirtauglich. Unser Tourentag begann wie üblich bei der letzten Kurve auf der Glarnerseite vom Klausenpass. Grösstenteils durch durch das ausgetrocknete Bachbett stiegen wir in einer guten halben Stunde zur Wand hinauf. Um 9.45 Uhr war alles bereit und ich konnte loslegen.

L1, 45m, 6c: Die Anspannung beginnt bereits auf den ersten Metern. Der erste BH steckt hoch, die Kletterei dahin ist nicht gänzlich trivial und der Fels etwas unsicher. Nach dem Klipp warten bald knifflige 6b/+ Moves, die richtige Griffkombi will erkannt werden und obligatorischer könnte die Sache nicht sein. Im Mittelteil fordern dann richtig weite Runouts in ziemlich anhaltendem Gelände, 7 Bolts auf 45m Kletterstrecke ist nun halt keine üppige Absicherung. Die Crux folgt dann am Ende. In senkrechter Wand an kleinen Seitleisten hinauf zum abschliessenden, athletischen Überhang. Hier an den Henkeln bietenden Blöcken am besten einfach ziehen und nicht trödeln, anklopfen und auf Festigkeit prüfen unterlässt man besser auch gleich... Alternative gibt's eh keine und sonst bekommt man nur den Bammel.

Athletische Kletterei über krass aussehende Dachzonen hinweg warten in L1 (6c). Die Henkel sind da, ziehen statt studieren heisst die Devise.
Von oben sieht's gutmütiger aus. Hans meistert das finale Dach der Auftaktlänge (L1, 6c).  
L2, 30m, 6b+: Noch moderat über den ersten Überhang drüber und gutmütige Troplochquerung nach links. Die athletische Passage danach erfordert herzhaftes Zupacken an ein paar guten Leisten und dann kühles Blut, um den weiten Runout in Richtung des nächsten Bolts durchzuziehen. Einfach dranbleiben, das Gelände wird eher einfacher und man findet sogar Gelegenheit, in einem Querschlitz einen soliden Cam zu versenken. Die klettertechnische Crux folgt dann allerdings erst nach dem dritten BH, anhaltende Tropflochkletterei die auch über dem Haken nicht sofort nachlässt. Erst die letzten Meter zum Stand hin sind dann etwas gemächlicher.

Steil, athletisch, fordernd in L2 (6b+). Hans späht nach dem dritten BH, der erst viel weiter oben steckt.
Die Felsqualität hier unübertrefflich, rau strukturierter Superfels mit Tropflöchern, Auflegern und Leisten garniert.
L3, 45m, 6c+: Nun folgt gleich eine noch krassere Seillänge. Der Blick auf die steile, mit Dächern gespickte Wand lässt schon eine harte Prüfung erahnen. So kommt es dann auch. Das rund 1m ausladende Dach nach ein paar Metern wird mit athletisch-kräftigen Bouldermoves bezwungen, super genial! Nach einer kurzen Verschnaufpause wartet dann ein massiv überhängender Wulst. Wie von Zauberhand hat die Natur hier positive Leisten geschaffen, trotz dem guten Griffangebot muss man aber echt Guzzi geben, um nicht abgeworfen zu werden. Meine Flucht nach vorne gelingt! Dort, wo sich das Gelände wieder zurücklegt, heisst es dann cool bleiben. Die Griffe bleiben gut, doch der mitgebrachte Pump und der weite Runout sind die hier zu beachtenden Faktoren. Auf den letzten 20m wird die Kletterei einfacher, es steckt aber nur noch 1 BH und die Felsqualität lässt nach. Pfff, da war ich echt froh, als die Standhaken geklippt waren!

Dachartiger Boulder zu Beginn von L3 (6c+), eine ziemlich abgefahrene Sache!
Das Finale von L3 (6c+) dann nicht mehr ganz so steil und leichter, aber mit extrem weiten Hakenabständen.
L4, 45m, 5c: Die ersten 3 Längen hatten uns bereits massiv gefordert und Zeit gekostet, der Ausstieg schien noch meilenweit entfernt. Da kam eine Verschnaufpause gerade recht. Wobei diese jedoch vor allem den Unterarmen zugute kam, die Psyche konnte nicht rasten. Zwei BH säumen hier den Weg, der Fels ist teils reichlich lottrig. Vorsichtig und überlegt muss man die Wand bis zum Querband hinauf klettern. Den kolossal rostigen Abseilstand ignorieren und übers Band weiter nach rechts zum richtigen Stand.

Hans auf dem Weg in L4 (5c), die Felsqualität in Realität eher bescheidener, wie es hier auf dem Foto aussieht.
Yours truly auf dem Querband, kurz bevor es mit der Cruxlänge wieder Ernst gilt. Hinten Chammliberg, Schärhorn, Ruchen und Gross Windgällen.
L5, 45m, 7a: Ziemlich herber Auftakt, am zweiten BH vorbei und die 3m danach ist es einfach bereits richtig schwer und obligatorisch (ca. 6c). Zudem grüsst der dritte BH in weiter Ferne. Die letzten Meter dahin sind dann zwar relativ gutgriffig - allzu weit über dem zweiten BH und erst recht beim Anklettern des dritten liegt aber definitiv kein Sturz drin, sonst kracht man aus 15m Höhe aufs Band hinunter. Endlich wieder geklippt, wird's gleich wieder knifflig, bevor dann nach dem nächsten BH die grosse Querung nach links in äusserst scharfem Tropflochgelände folgt. Anstatt dass es hier nach 30 Klettermetern einen bequemen Stand hat, muss man hier gleich noch die Crux anhängen. Das dünkt mich reichlich wenig sinnvoll: ich hatte auf dieser Länge an den jeweiligen Ecken 2x mit einer 120er-Schlinge und 2x mit einer 60er-Schlinge plus jeweils 2 Exen verlängert. Trotzdem kam ich vor lauter Seilzug im zweiten Teil der Seillänge kaum mehr vorwärts, ja es zog mir beinahe den Gurt aus. Schade, das entwertet diese an sich tolle Seillänge stark! Nach der Querung nun also die Crux: es ist unersichtlich, ob man am Bolt am Ende des Quergangs vorbei erst tief queren, oder eher über den Pfeiler hochsteigen soll... die Linie bzw. die folgenden Sicherungen sind aus der Kletterstellung nicht zu ersehen. Ich wähle die im Vorstieg angenehmere, korrekte Variante tief nach links, der durchaus logische Weg über den Pfeiler hinauf hätte hingegen in die Sackgasse geführt. Krallend an kleinen Tropflöchern und auf kleinen Rauigkeiten stehend muss man dann im Überhang die folgenden beiden Haken schön verlängern und Balance sowie Kraft haben, um gegen den extremen Zug das Seil auszuziehen und einzuhängen. Danach dranbleiben bei eigentlich genialer, überhängender Henkelkletterei an einer Sanduhr vorbei zum Stand hinauf. Wenn man nur nicht so gepumpt wäre und der Störefried nicht ständig so nach unten ziehen würde!

In der Cruxpassage der Route (L5, 7a). Eigentlich schon schwer genug, wenn nur nicht das Seil so nach rechts hinten zöge...
Hans auf den letzten Metern der Cruxlänge (L5, 7a). Die Grasbüschel sind unten auf dem Querband 40m tiefer.
L6, 30m, 6b: Beim Akku war der Power Level langsam auf ziemlich tief angelangt. Aber nix da, zwei Längen gilt es noch sauber durchzuziehen. Die hier folgende dann nun beinahe die entspannteste und bis auf die 5c auch einfachste der ganzen Route. Eine ansteigende Linkstraverse in rauem Superfels über zwei griffige Dächer hinweg. Grosser Genuss und schön luftig dazu!

Toller Fels und geniale Kletterei mit zwei Dachüberquerungen in L6 (6b).
Locals im benachbarten, lotrechten Tüfelswärch (7a), auch eine geniale Route welche ich im 2010 klettern konnte.
L7, 40m, 6c: Für die Abschlusslänge gilt es auch noch einmal, parat zu sein. Hier stecken insgesamt 6 BH, zwei davon auf den ersten 3m nach dem Stand... da muss der Rest dann entweder einfach sein, oder sonst sind die Runouts umso grösser. Nun, die klettertechnische Crux folgt tatsächlich gleich nach dem zweiten, ich empfand sie als für den Grad im Vergleich zum Rest der Route für einmal relativ gutmütig. Danach klettert man dann erst einmal für etwa 12m einer schwach angedeuteten Verschneidung entlang. Der Fels ist absolut formidabel, die Kletterei nicht megaschwer und henklig, aber doch steil und ohne beliebig viele Verschnaufpausen. Nochmals Anspannung pur, bis der folgende Bolt geklippt ist. Nach einer weitern, athletischen Stelle wird man dann auf die einfacheren Schlussplatten entlassen. Runoutig hinauf zum Stand, ein Sturz in diesem weit gesicherten, geneigten Gelände vermeidet man im Interesse des eigenen Wohlergehens definitiv besser.

Weite Hakenabstände und ungutes Sturzgelände am Ende von L7 (6c). Nicht so schwer, da kann man sogar Fotos schiessen...
Am Top angekommen: Hans meistert die letzten Meter von L7 (6c).
Die Uhr zeigt schliesslich 15.15 Uhr, bis Hans bei mir am Top angelangt ist. Somit hatte uns die Begehung rund 5:30 Stunden Kletterzeit gekostet. Das zeigt schon, dass man hier nicht einfach drübermarschiert. Die Kletterei ist über weite Strecken anspruchsvoll, die langen Hakenabstände bieten reichlich Interpretationsspielraum für die beste Linie und erfordern an manchen Stellen entsprechend Tüftelei. Und sind die Schwierigkeiten einmal etwas tiefer, so lassen meist auch Felsqualität und Absicherung nach, so dass man auch wieder vorsichtig und langsam zu klettern braucht. Wir fädeln gleich die Seile und treten den Weg in die Tiefe an. In zwei Manövern (35m/50m!!) erreicht man das Querband, der in den Topos verzeichnete Abseilstand dazwischen wurde abmontiert. Man stelle also sicher, dass man hier nicht mir gekürzten oder arg geschrumpften 50m-Seilen antritt, sonst könnte man in die Bredouillle geraten und im Freien baumelnd zurückbleiben. Vom Band sind es dann drei weitere Abseiler (35m/50m!!/40m) zurück an den Einstieg, wobei beim mittleren Abseiler das Seil auch bis zum letzten Zentimeter ausgenutzt wird. Zurück auf dem Boden vespern wir noch etwas und treten dann den kurzen Abstieg und die Heimfahrt an. Mit der Tourenwahl waren wir äusserst zufrieden, das war nun genau die richtige Herausforderung für diesen Tag gewesen und ausserdem ein Ziel, das sich wirklich ideal für einen solchen Novembertag anbietet. Die ganze Zeit über war ich in kurzen Hosen und im T-Shirt geklettert, schon ein Wahnsinn um diese Jahreszeit. 

Grösstenteils steckt verzinktes Material, der Zustand ist meist noch ok, einzelne Haken sind jedoch bereits ziemlich rostig.
Facts

Hinter Glatten - Wätterhäx 7a (6b+ obl.) - 7 SL, 280m - Fullin/Wicky 1999 - ***;xx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots 0.3-1, Helm (!!!)

Trotz vereinzelt etwas brüchiger Passagen im leichteren Geländen und ein paar hohlen Blöcken oder Schuppen die man passiert, bietet die Wätterhäx über weite Strecken tolle, athletische und gutgriffige Kletterei an grossen Auflegern, positiven Leisten und scharfen Tropflöchern. Insgesamt kann man sagen, eine für die Zone absolut typische Route mit viel genialer Kletterei und ein paar rustikalen Passagen, über alles gibt es drei Sterne. Die Absicherung ist an den Stellen >=6b+ in Ordnung (xxx). Darunter und insbesondere im einfacheren, manchmal etwas brüchigen Gelände sind die Abstände weit und ein Sturz würde wohl oftmals böse enden. Deshalb lautet die Gesamtbewertung nur xx. Von den zahlreichen Runouts lassen sich nur wenige mit Klemmgeräten entschärfen. Trotzdem gibt's ein paar Placements (insgesamt ca. 4-5 Stück), welche die Mitnahme von Camalots 0.3-1 rechtfertigen. Die Route wurde in den 16 Jahren ihres Bestehens bisher 29x begangen, im Schnitt also 1-2x pro Jahr mit zuletzt abnehmender Tendenz. Im 2014 gab es nur eine Begehung und im 2015 war unsere kurz vor Saisonende die erste. Somit wird man hier kaum auf Grossandrang stossen. Allerdings sollte man hier auch nicht hinter einer anderen Seilschaft klettern und insbesondere beim Abseilen ist Vorsicht angebracht, es geht kaum ohne Steine zu lösen. Die Eigengefährung in der steilen Wand ist überschaubar, die Fremdgefährdung wäre jedoch gefährlich hoch!

Topo

Zur Route gibt es ein frei verfügbares Topo von Paolo & Sonja, an welchem ich noch einige Aktualisierungen vorgenommen und die Sicherungssymbole eingezeichnet habe. Ansonsten ist die Route im Kletterführer GLclimbs enthalten, im Extrem Ost fehlt sie unerklärlicherweise.

Vom Autor etwas aktualisiertes Topo von Paolo & Sonja zu den Routen im zentralen Wandteil des Hinter Glatten.

Montag, 2. November 2015

Wandbuchkontrolle Jenelana

Mangels Zeit für einen längeren Ausflug in die Berge wollte ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Mir war mitgeteilt worden, dass der Wandbuchbehälter in der Jenelana am Bockmattli defekt sei. Man mag es als Irrsinn bezeichnen, wegen so etwas den Weg ins Wägital auf sich zu nehmen. Doch liess sich so eben ideal ein Konditionstraining bei schönstem Bergwetter geniessen und erst recht im Rückblick finde ich, dass es sich sehr gelohnt hat.

Impressionen vom Wägitalersee.
Von Siebnen ging es per Bike ins Wägital hinein. Ich entschloss mich wieder einmal zu einem Besuch beim Klettergarten am Fuss der Staumauer. Erst ein einziges Mal vor rund 15 Jahren war ich hier geklettert, als der Sektor eben erst eingerichtet wurde. Nun konnte ich mir wieder einmal in Erinnerung rufen warum es bei diesem einzigen Besuch geblieben war. Es gibt für mich kaum einen bedrückenderen Ort zum Klettern als hier, in feucht-düsterer Atmosphäre vor der riesigen, bedrohlichen Mauer, hinter welcher Haus, Hab und Gut meiner Urgrosseltern in den Fluten verschluckt liegen.

Geniales Streiflicht am Bockmattli, die Kamera im Handy vermag es nur unzureichend einzufangen.
Schliesslich ging es dann hinauf zur Schwarzenegg, die steile Strassse erfordert Einsatz, ist aber bei entsprechend Saft in den Beinen komplett fahrbar. Dort wurde das Bike deponiert und gegen das Bockmattli geschritten. Das nachmittägliche Streiflicht war absolut genial. Noch nie bisher hatte ich bei meinen vielen Besuchen die Struktur der Wände so eindeutig heraustreten sehen. Jeder Riss, jede Wasserrille, ja beinahe jeder gute Griff war dank der optimalen Beleuchtung sichtbar.

Fantastische Abendstimmung hoch über dem Wägitalersee.
Um zum Ausstieg der Jenelana zu kommen, muss man den untersten Teil der Brenna-Route am Schiberg erklettern. Dies ist eine sehr empfehlenswerte, klassische Kraxelei mit Schwierigkeiten um T6, III. Der Weg von oben zum Wandbuch erfordert dann auf wenigen Metern Seilhilfe. Tatsächlich hatte der Deckel meiner Büchse ein Loch. Findige Kletterer drehten die Büchse jedoch um, so dass das Buch unbehelligt blieb - vielen Dank! Ich verbrachte einige Zeit beim Studium der Einträge. Vor 4 Jahren hatten wir die Erstbegehung geschafft, 25 Teams hatten die Route bis dato komplettiert. Der lobenden Worte waren viele und auch meiner Meinung nach findet man hier, auch wenn die Route nicht allzu lang ist, ein tolles Klettervergnügen in eisenfestem Bockmattlifels. 

Zeit um aufs Bike zu steigen und heimwärts zu rollen. So steil und streng der Aufstieg ist, so angenehm ist die Abfahrt.
Die herbstlichen Tage sind kurz, und so hiess es, sich nach der Reparatur wieder auf die Socken zu machen. Auf dem Weg, auf welchem ich gekommen war, stieg ich wieder ab. Zum Abseilen oder gar Klettern der einen oder anderen Seillänge blieb keine Zeit. Auch die Kontrolle des Wandbuchs vom Prachtsexemplar musste ausbleiben, und selbst die angedachte Bike-Abfahrt via Trepsenalp und Trepsental liess ich schliesslich aus, da es schon beinahe dunkel war. Doch es galt nichts zu verzagen, das war ein toller Ausflug ins absolut menschenleere Bockmattli gewesen, bei genialem Bergwetter und einmaligen Stimmungen.