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Freitag, 28. November 2014

Bolt & Anchor Failures at San Vito / Sicily

Es ist erst 1.5 Jahre her, seit wir in San Vito auf Sizilien tolle Kletterferien verbracht hatten. Der Zustand von einigen Bohrhaken hatte mir damals schon etwas Anlass zum Stirnrunzeln gegeben. Doch in den letzten Wochen ereigneten sich zwei schockierende Zwischenfälle, deren Kenntnis mir für alle Sizilien-Reisenden unerlässlich scheint. Aber auch wenn man keine Reise auf die Insel gebucht hat, so schadet es doch nicht, dieses Posting zu lesen. Bohrhaken-Korrosion ist bei allen in Meeresnähe gelegenen Gebieten, also auch auf Kalymnos, Sardinien und Konsorten ein Major Issue, und Vorsicht ist immer angebracht.

Am 16. November 2014 kletterte Stefan Rass aus Österreich eine 8a am Salinella-Felsband. Beim Ablassen brach der Block aus, an welchem die Umlenkung befestigt war. Das Seil bremste seinen Sturz zwar noch, trotzdem zog er sich schwerste Verletzungen zu. Weitere Details dazu sowie einen Spendenaufruf für seine junge Familie findet man auf Planetmountain (auf Englisch). Ein solcher Felsausbruch am Stand ist natürlich der absolute Horror, und Sportklettern ist nun einfach beinahe unmöglich, wenn man den Umlenkungen nicht vertraut. Umso mehr stehen alle Erschliesser in der Verantwortung, diese nur in grundsoliden Fels zu versenken. Gerade am Salinella-Felsband ist das aber gar nicht immer so einfach, da der Fels am Ende der Route oft von der Vegetation durchsetzt ist und nicht mehr überaus solide.

Der ausgebrochene Block mit dem Stand. Photo by Elio Bonfanti, planetmountain.com
Glimpflicher ging ein anderer Zwischenfall im Oktober 2014 aus - ebenfalls in San Vito, und zwar am Monte Monaco. Dort brach nicht ein Felsblock aus, aber ein Bohrhaken an einem Stand ging kaputt, während ein Kletterer am Abseilen war. Eine alte Schlinge, welchen diesen mit dem zweiten Haken verband, verhinderte mirakulös die Katastrophe und rettete auch zwei weitere Kletterer, welche an demselben Stand gesichert waren. Dieser Unfall ist auf (für jedermann einsehbar, lesbar sofern man dem Italienischen und Französischen mächtig ist) auf Facebook dokumentiert. Es befindet sich dort auch ein Statement des bekannten Erschliesser Michel Piola. Sein Fazit: das Klima auf Sizilien sei ähnlich zu jenem in Thailand oder auf Madagaskar, wo es bereits bestens bekannt ist, dass selbst rostfreie Bohrhaken im tropisch-feuchten Meeresklima nicht lange der Korrosion (sogenanntes Stress Corrosion Cracking, SCC) widerstehen. Er wirft den Gedanken auf, alle Felsen um San Vito zu sperren (oder zumindest zu meiden), bis alle Routen mit zuverlässigem Material saniert seien. Logischerweise wird dieser Prozess dauern, teuer und sehr arbeitsaufwendig sein. Ebenso klar ist sein Statement, dass das Einrichten mit allen Materialien die schlechtere Stahlqualität als A316L aufweisen, fahrlässig oder gar kriminell sei. Leider aber wird in vielen Gebieten nicht nur mit minderem Material erschlossen, sondern sogar noch damit saniert. Je nach Klima und Exposition beträgt die Lebensdauer von solchem Material wenige Monate bis wenige Jahre...

Pling, aber die Schlinge hat zum Glück gehalten. BH-Bruch am Monte Monaco in Sizilien. Foto: M. Piola / facebook.com

Sonntag, 23. November 2014

Skitour Piz Medel (3210m)

Im Tessin hatte es anfangs November bei einer Südstaulage wie aus Kübeln geschüttet, so dass sogar der Lago Maggiore überlief. In den Bergen am Alpenhauptkamm waren diese Niederschläge als Schnee gefallen. So liegt denn von Zermatt bis zum Piz Bernina oberhalb von 2000m schon eine mächtige Schneedecke, worauf es sich hervorragend Skitouren lässt. Wenn man die Einträge auf den Bergportalen liest, so könnte man zwar den Eindruck erhalten, dass nur gerade in Realp genügend Schnee liegt. Auf den dortigen Rummel hatten wir eher weniger Lust und wählten ein Ziel am Lukmanier. Unsere Rechnung ging voll und ganz auf: wir genossen eine geniale Skitour bei traumhaften Bedingungen, und alleine unterwegs waren wir darüber hinaus auch noch.

Skitouring at its very best! Aufstieg über den Glatscher da Plattas zum Piz Medel (3210m).
Spurarbeit im Aufstieg bei Davos la Buora.
Unsere Tour startete um 8.40 Uhr in Curaglia (1332m), gleich oberhalb vom Dorfkern kann man gratis parkieren. Eine Betonplatten-Strasse führt von dort ins Val Plattas hinein. Sie war geräumt, so dass wir bis zu P.1520 zu Fuss aufstiegen. Eine Fahrbewilligung hätte sich im Dorfladen organisieren lassen, im Angesicht der steilen und morgens teilweise vereisten Strasse waren wir aber froh über unsere Entscheidung, es bleiben zu lassen. Auf dem Trassee des Sommerwegs profitierten wir dann ab P.1520 von der Spur, welche der Hüttenwart der Medelser Hütte am Vortag angelegt hatte. Bei der grossen Ebene der Alp Sura (1965m), wo auf 1km Distanz ohne Höhengewinn gelaufen wird, bogen wir dann ab und zogen unsere eigene Linie. Um zum Piz Medel zu gelangen, schien es uns günstiger über die nur als Abfahrtsvariante bezeichnete Route via Davos la Buora und den westlichen Plattas-Gletscher aufzusteigen. Der offizielle Aufstieg in der Nähe der Hütte vorbei und den östlichen Gletscherteil dünkte uns umwegig, weniger harmonisch und er ist vormittags auch weniger sonnig.

Das grosse Plateau des Medelser Gletschers. Landschaftlich sehr schön!
Bei uns werden keine Gels reingedrückt, da gibt's einen rechten Znüni mit belegten Broten, Nussgipfel und Konsorten!
Die Stimmung auf dem mehrere Quadratkilometer grossen Plateau des Medelsergletscher war dann einfach fantastisch. Die Sonne schien vom tiefblauen Himmel, ausser uns war keine Menschenseele zugegen und wir konnten die ersten Spuren in den gut gesetzten Pulverschnee legen. Damit hatten wir uns ein ziemliches Programm auferlegt: 1300hm Spurarbeit und sowieso, so viele Höhenmeter wie auf dieser Tour hatte ich das letzte Mal im Februar 2014 am Stotzig Muttenhorn zurückgelegt. So wurde nicht gehetzt, sondern eine vernünftige, gleichmässige Pace angeschlagen und die eine oder andere Pause eingelegt. Die Bedingungen luden ja dazu ein, und schliesslich wollten wir auch die vielversprechende Abfahrt noch geniessen können. Schliesslich waren wir nach knapp 5 Stunden Aufstieg beim Skidepot, von wo der Gipfel über einen kurzen, luftigen aber einfachen Grat erreicht wird. Unsere Entscheidung, keinen alpinen Gerätschaften wie Steigeisen und Pickel mitzuführen war richtig, ausser bei sehr ungünstigen Bedingungen wird man diese hier nicht benötigen.

Der luftige, aber einfache Gipfelgrat zum Piz Medel (3210m). Panorama totale von dort oben!
Schliesslich folgte noch die Kür mit der Abfahrt. Auf den obersten 100hm war der Schnee noch etwas windgepresst, aber ab 3100m bis hinunter auf die Ebene der Alp Sura folgten 1200hm bester Skigenuss in idealem Gelände mit fluffigem Pulver. Der Rest von dort ins Dorf hinunter gehört dann eher zum Pflichtprogramm und bietet nicht mehr ganz so lohnendes Abfahrtsgelände. Um 15.30 Uhr schloss sich für mich der Kreis, das war jetzt echt eine geniale Unternehmung gewesen, die bestimmt auch am Ende der Saison noch zu den besten 10 Touren des Jahres gehören wird!

Impressionen von der Abfahrt... 

...das Gelände ist ideal, genauso wie der fluffige, gut gesetzte Pulverschnee!
Facts

Piz Medel (3210m) von Curaglia (1332m) am Lukmanierpass
Schwierigkeit ZS, 1880hm Aufstieg, 5-6 Stunden Aufstiegszeit
Link zur Karte mit unserer Route: klick!

Montag, 17. November 2014

Ciavazes - Grosse Micheluzzi (5c+)

Die Micheluzzi am Ciavazes: unbestritten ein absoluter Dolomiten-Klassiker aus dem Jahr 1935, in welchem sich auch heute noch die Seilschaften stauen. Dies ist nicht weiter erstaunlich, denn die Kletterei über Platten, löchrige Steilzonen, entlang von Rissen und Verschneidungen sowie dem einzigartigen 90m-Quergang ist auch aus heutigen Sportkletter-Gesichtspunkten absolut lohnend. Ein weiterer Trumpf ist die Lage nur wenige Minuten neben der Strasse zum Sellapass. Dies war für uns ganz entscheidend war, denn einerseits waren wie üblich auf den Nachmittag Schauer angesagt, andererseits musste auch erst evaluiert werden, ob denn aufgrund der Regenfälle am Vortag Fels- oder Wasserfallklettern angesagt war.

Wieder einmal am Piz Ciavazes zu Gange - eindrückliche Wände mit prima Kletterei unmittelbar neben der Strasse.
In der Tat, so rosig sah die Situation am Ciavazes nicht aus. Diverse Wasserstreifen zierten die Wände und bei näherer Betrachtung schien es ausgeschlossen, dass eine der modernen Routen (z.B. die Roberta 83, die ich gerne angegangen wäre) wirklich sinnvoll machbar wäre. Da aber wetterbedingt sowieso nur ein relativ enges Zeitfenster zur Verfügung war und wir uns an den Vortagen schwierigeren Sportklettereien hingegeben hatten, entschieden wir uns ohne Groll für die Micheluzzi. Auch diese war zwar nicht einwandfrei trocken, doch traute ich mir dank der geringeren Schwierigkeiten zu, auch die eine oder andere Nässezone bewältigen zu können. Versüsst wurde das Ganze schliesslich durch die Tatsache, dass wir in dieser begeherten Tour ohne Konkurrenz agieren konnten, und die Seilschaften in den alpinen Sportkletterrouten nebenan tatsächlich wegen Nässe in ihren Routen alle früher oder später den Rückzug anzutreten hatten. Um 8.30 Uhr waren wir bereit, und stiegen ein, noch bevor die erst um etwa 9.00 Uhr den Wandfuss erreichende Sonne uns wärmte. 

Durch die heftigen Gewitter am Abend zuvor war's noch nicht ganz trocken. Trotzdem kamen wir gut durch...
L1, 30m, V-: Der Einstieg ist dank dem gut ausgetretenen Geröllplatz problemlos zu identifizieren. Stecken tun dann allerdings wirklich nur die 2 NH, welche im Topo eingetragen sind. Dies überraschte mich etwas, irgendwie hatte ich mehr erwartet. Allerdings ist die Kletterei hier auch weitgehend einfach, teilweise auch etwas grasig, aber kein Problem.

L2, 30m, V+: Hier wartete nun schon das erste nasse Teilstück, natürlich genau dort, wo im Topo die Crux eingetragen ist. Einen der drei dort steckenden Haken kann ich trotzdem klinken und den löchrigen Wulst etwas links der Ideallinie (in geschätzt ca. 6a-Kletterei) bezwingen. Danach noch eine schön zu kletternde Verschneidung, und rechts raus zum Stand.

Kathrin kurz vor der nassen Crux in L2 (V+), die aber links vom Wasserstreifen umgangen werden konnte.
L3, 30m, V: Weitgehend einfache Länge mit einer weniger steilen Plattenzone und einem 15m-Quergang zu Beginn. Die Hauptschwierigkeit besteht aus dem steilen, selber abzusichernden Abschlussboulder aus der Verschneidung hinaus und aufs Pfeilerlein rauf.

L4, 40m, VI/A0: Gleich nach dem Stand wartet nach meinem Erachten die klettertechnische Crux der Route. Diese wird sogar durch einen Klebehaken abgesichert, jedoch ist der im Topo verzeichnete NH davor nicht mehr vorhanden. Somit wird das Einhängen des (zu hoch steckenden) Klebebolts zur Crux, evtl. könnte man mit kleinen Keilen oder Mikrofriends A0 bis A1 durchkommen. Natürlich kann man hier auch gut freiklettern, allerdings ist der Fels bereits ziemlich poliert und einfache Moves sind es nun auch nicht gerade. Man muss ziemlich plattig antreten und mit einigen schlechten Seitgriffen den nötigen Druck auf die Füsse bringen. Mit einem banalen 5c+ kann man die alte Bewertung nach meiner Meinung nicht ersetzen, ich denke 6a+ muss man hier auf jeden Fall veranschlagen. Der Rest der Seillänge folgt zuerst einer Art Rampe und führt dann durch eine Verschneidung. Er ist deutlich einfacher, will aber selber abgesichert werden.

Der Autor unterwegs in L3 (V). Das Gelände übrigens ziemlich kompakt, das Gras stört kaum.
L5 & L6, 40m, V+: Der erste Teil des Quergangs bis zum BH-Stand bei Abzweig der Buhl-Variante ist banal auf einem etwas grasigen Band. Danach am besten die nächste Länge gleich anhängen: es geht ziemlich kühn in die steile Plattenwand hinaus, zuerst etwas runter, danach an diversen Löchern wieder diagonal hoch. Ein paar NH stecken, somit ist die Situation für Vor- und Nachsteiger gut erträglich.

L7, 20m, V+: Kurze Seillänge, welche erst der Lochreihe entlang weiter nach rechts führt, für den angegebenen Grad im Vergleich zu anderen Stellen eher einfach, wie ich fand. Danach kommt dann schon bald das erste Abkletterstück. Dieses ist jedoch wirklich gut griffig und banal (ca. III/IV). Auch die Nachsteigerin traute sich hier problemlos, den NH zu Beginn des Abkletterstücks auszuhängen.

Tolle und ausgesetzte Kletterei in der ersten Hälfte des grossen Quergangs. Kathrin folgt am Ende von L6 (V+).
L8 & L9, 45m, VI: Die eigentlich L8 führt horizontal oder gar leicht absteigend nach rechts. Achtung, diagonal ansteigend hat es Verhauer-Material! Es wartet eine mit V+ angegebene Stelle, die jedoch kein nennenswertes Problem darstellt. Den schlechten Stand mit 3 NH und Seilverhau nach L8 wird man auslassen wollen, und hängt L9 gleich an. Hier geht der Quergang weiter, und es warten zwei Abkletterstellen, welche mit VI angegeben sind. Diese sind nun nicht mehr ganz so banal, jedoch deutlich einfacher wie die Stelle in L4, d.h. halt einfach etwas normal für 5c+. Die erste Abkletterstelle ist nur kurz, hängt man hier eine 120er-Schlinge doppelt genommen in den NH, kann der/die NachsteigerIn nach dem Abklettern von einem guten Tritt aushängen. Das zweite Abwärtsstück ist dann etwas länger und auch etwas unübersichtlicher, hier hilft jedoch eine fix installierte Reepschnur (bzw. man könnte auch schreiben Strickleiter) der Nachsteiger-Psyche falls nötig auf die Sprünge. Zudem steckt unterhalb ein solider BH (im Topo nicht verzeichnet), so dass auch die Absicherung gut ist. Dann nochmals 7m nach rechts zu BH-Stand.

Ideales Gelände, um die Beziehung zum Nachsteiger und dessen Psyche etwas gründlicher zu erforschen. Fast 50m Quergang in L8/L9 (VI).
L10, 30m, V: Hmm, der tropfende Wasserfall ist nicht mehr weit weg von uns, und gemäss Topo führt die Route weiter nach rechts. Hatten wir die Zeichnung ursprünglich noch so interpretiert, dass die Route neben dem Wasserstreifen durchführt, so müssen wir hier unsere Meinung leicht revidieren. So schlimm geht es dann zum Glück doch nicht aus: der Quergang an einer Untergriff-Schuppe ist noch trocken, und die löchrige Wandstufe danach geht gut im Trockenen links der Ideallinie (die tatsächlich mitten durch den Wasserfall verläuft). Dann allerdings eher schwerer wie V, eher so 5c+ würde ich sagen. Danach muss man die Verschneidung hoch, durch welche der Bach entspringt. Da sie tief ist, wird man zum Glück kaum nass, und da sie nur III ist, geht sie auch problemlos. Der Stand dann auf dem Pfeilerkopf an zwei nicht allzu mächtigen SU, welche sich direkt im Wasserfall befinden. Zum Glück kann man sich selber etwas unterhalb auf dem Pfeilerkopf positionieren und bleibt trocken.

Um sich die Dusche zu ersparen, kletterten wir in L10 (V) etwas schwerer links der Ideallinie.
L11, 50m, V: Zuerst geht's links über eine löchrige Wandzone hoch, danach zeigt das Topo die Ideallinie in einer Rechtsschleife an. Ich habe aber keine Lust, in den Wasserfall hineinzuklettern, direkt die Verschneidung hoch geht's aber auch gut. Dies wird sicher oft so gemacht, es empfiehlt sich auch, um den Seilzug zu minimieren. Allerdings ist es etwas schwerer wie V (eher so 5bc). Der Rest der Seillänge führt dann in naturgegebener Linie einer Verwerfung entlang auf den Pfeiler hoch, die Absicherung dabei teils etwas spärlich. Man überklettert dann den alten Stand auf dem Pfeilerkopf, quert nach links und ächzt die Schuppe hoch, zum gut sichtbaren BH-Stand (Achtung Seilzug, mit 50m-Seilen reicht's gerade knapp).

L12, 30m, V-: Recht kühne Wandkletterei, vor allem für den tief angegebenen Grad ist's steil und auch gar nicht so einfach. Stecken tut hier nicht viel, so dass auch die Orientierung etwas Spürsinn braucht. Für mich stellt sich dann vor allem die Frage, ob man L13 gleich anhängen kann. Am Ende von L12 befinden sich nämlich keine BH, und der NH-Stand ist eher mässig. Wenn es dann doch nicht reicht, ist's allerdings auch blöd, so möble ich den Stand mit reichlich Fummelei auf...

Für den Grad recht kühne Kletterei in mehrheitlich kompaktem und steilem Gelände: L12 (V-)
L13, 27m, IV+: Etwas nach rechts haltend, dann nochmals kühn über eine löchrige Wandstufe hoch. Der Rest der Länge durch die liegende Verschneidung ist dann einfach, und bald erreicht man den BH-Stand, der sich auf dem Band befindet. Obwohl ich es natürlich nicht ausgemessen habe, so vermute ich doch, dass es selbst mit 50-Seilen knapp reicht, um L12 & L13 zu verbinden (mit 60m-Seilen reicht es garantiert). Das ist durchaus zu empfehlen, weil man so den mässigen NH-Stand nach L12 vermeidet.

Um 13.45 Uhr erreichen wir das Top am Gamsband. Wobei, eigentlich würde die Route auch noch durch den oberen Wandteil hochführen. Dieser Teil ist jedoch (trotz oder wegen geringen Schwierigkeiten) ungebräuchlich. Der Fels soll teils sehr brüchig und lehmig sein, es warten Passagen mit losen Blöcken, so dass auch für die sonst in der Zone operierenden Seilschaften eine massive Gefährdung gegeben wäre. So gibt es denn auch keinen einigermassen aktuellen Kletterführer, wo der obere Teil drin verzeichnet ist. Darüber hinaus wäre im oberen Teil dann auch definitiv Wasserfallklettern angesagt, da müsste man echt nur nach einer Trockenperiode antreten wollen. Tja, fraglos werden wir hier auf dem Gamsband die Kletterei beenden und absteigen, den Pausepunkt notieren wir uns auch so ;-)

Free Solo Ausstiegsboulder aufs Gamsband, über welches sich unser Abstieg vollzieht.
Für die Begehung hatten wir doch 5:15 Stunden gebraucht, durch den Quergang ist die Route einfach deutlich länger wie die anderen Ciavazes-Routen, es sind doch 380m und 13 Seillängen. Das Wetter sieht aber zum Glück noch einwandfrei aus, somit ist keine Eile angesagt. Wir schnüren die Schuhe und machen uns auf den Weg. Zuerst muss noch eine kleine Stufe erbouldert werden (gut seilfrei möglich), danach quert man auf dem ausgeprägten Pfad ausgesetzt Richtung Westen. Da wir hier im Vorjahr schon nach der Priz abgestiegen waren, sind uns Weg und Steg noch bekannt. Nach knapp 60 Minuten treffen wir wieder beim Parkplatz ein. Für einmal verläuft die Rückfahrt nach Gröden ohne Regentropfen, das sollte es in diesen Ferien nicht oft geben. Als wir zurück im Domizil sind, öffnet der Himmel dann aber doch seine Schleusen - Zeit zum Rückblick!

Der hier einsehbare Abstieg übers Gamsband ist weitgehend einfach und folgt einem bisweilen ziemlich exponierten Pfad.
Die Erstbegehung der Route erfolgte im Jahr 1935 durch Luigi Micheluzzi. Jetzt muss man sich einmal vorstellen, dass er wie üblich in dieser Zeit mit dem Hanfseil um den Bauch kletterte und ihm gerade mal 6 Haken zur Verfügung standen. Heute, mit um Welten besserem Material und einem Können das (bei mir) bis in den neunten Grad hinaufreicht, habe ich in dieser Route total wohl gegen 100 Sicherungspunkte (NH, BH, SU, Keile/Friends) eingehängt. Die Leistung und Kühnheit der Pioniere kann darum nicht hoch genug eingeschätzt werden, diese Typen waren echt krass drauf damals! Neben den rein quantitativen Argumenten muss man nämlich auch noch berücksichtigen, dass die Linie vergleichsweise wenig durch natürliche Strukturen vorgegeben ist, und doch über weite Strecken Wandkletterei auf Platten und durch löchrige Zonen vorherrscht. Auch der Quergang ist als sehr kühn zu werten - klar kann man hier den einfachsten Weg vermuten, offensichtlich dass man durchkommt ist es aber überhaupt nicht!

Facts

Piz Ciavazes - Grosse Micheluzzi VI/A0 (ca. 5c+ obl.) - 13 SL, 382m - Micheluzzi/Castiglioni 1935 - ***;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots 0.3-3, Keile 4-9

Ein Dolomiten-Klassiker par Excellence, der auch heute noch sehr beliebt ist. Kein Wunder, denn die Kletterei auf Platten, durch löchrige Wandzonen und entlang von Rissen und Verschneidungen ist auch aus heutigen Aspekten durchaus sehr lohnend. Zu erwähnen ist insbesondere der 90m-Horizontalquergang, welcher der Route die nötige Würze gibt. Die Felsqualität ist durchgehend gut, an wenigen Stellen leicht grasig und teils ist das Gestein schon etwas abgegriffen (mich hat das nicht weiter gestört). Während die Standplätze (wenn man die Route wie von mir beschrieben klettert) alle eingebohrt sind, stecken unterwegs (fast) nur NH. Diese, zusammen mit den regelmässigen mobilen Möglichkeiten, führen aber insgesamt zu einem Standard, den man durchaus als gute Absicherung bezeichnen kann.

Topo

Auf dem Netz und in der Literatur finden sich unzählige Topos zur Tour, welche von mehr oder weniger guter Qualität sind. Weil auf der Route selber nicht allzu viel Material steckt, und es vor allem weil es neben der Route auch welches hat und man zudem mehrere andere Führen kreuzt ist die Mitnahme eines qualitativ guten Topos sicher sinnvoll. Keine Enttäuschungen erleben wird man mit demjenigen von Mauro Bernardi aus dem Führer Klettern in Gröden und Umgebung: Band 1. Es ist auch auf dem Netz bei sentres.com verfügbar. Von dort habe ich Routenverlauf und Topo kopiert, sie sind unten dargestellt. 

Routenverlauf der Grossen Micheluzzi (Nr. 75) und der Schubert-Führe (Weg der Freundschaft, Nr. 76). Quelle: sentres.com
Bernardi-Topo der Micheluzzi (Nr. 75) und Schubert (Nr. 76). Quelle: sentres.com