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Mittwoch, 15. April 2015

Les Courtes (3856m) - Schweizerführe (IV TD- WI3)

Wer Nordwand möchte, der tut gut daran, in den Argentière-Kessel zu reisen. Denn dort stehen sie grandios gleich reihenweise rum. Aiguille Verte, Droites, Courtes, Aiguille de Triolet, die Wände im Talschluss und der Mont Dolent. Seit meinem ersten Besuch vor 3 Jahren (1,2) hatte ich nur darauf gewartet, hierhin zurückzukehren. Nachdem sich ein Fenster mit perfekten Wetterbedingungen angekündigt hatte und auch die Verhältnisse optimal waren, zogen wir kurzfristig los. Herausgekommen ist eine absolute Traumtour durch die Nordwand der Courtes.

Schon ein toller Berg! Die Courtes (3856m) mit ihrer Nordwand. Die Schweizerführe verläuft zentral durch den Eisschlauch zum Gipfel.
Das nicht unübliche Hindernis dabei war, dass das Refuge Argentière bereits durch Skitouren-Aspiranten für die Haute Route komplett ausgebucht war. Somit gab es keine andere Option, als die Tour mit einem Biwak zu bestreiten. Will man dabei noch ein Dach über dem Kopf, so bietet sich der charmante Betonbunker der Bergstation Grandes Montets (3295m) an. Wobei man so dann allerdings im Zustieg zur Courtes-Nordwand in den Genuss einer nächtlichen Skiabfahrt mit anschliessendem Wiederaufstieg kommt und schliesslich doch fast 2h bis zum Einstieg braucht. Das schien mir zu umständlich und auch ungemütlich, weshalb eine andere Strategie zum Zug kam.

Diese bestand daraus, auf dem Argentière-Gletscher unter der Courtes-Nordwand zu zelten. Das lässt sich dort sehr bequem machen, denn einerseits gibt es mehr als genug flachen Platz, und auch ewig weit zu schleppen braucht man den Plunder dazu nicht. Eine schwerbepackte Abfahrt von Grandes Montets über 650hm und ein Aufstieg von rund 200hm über den Gletscher, das ist alles. Da mag man also auch noch die Komfortausrüstung mit in den Rucksack packen. Unsere Tour startete um 16.00 Uhr mit der letzten Bahn nach Grandes Montets. Das schöne Wetter hatte gerade eine Pause eingelegt, es war neblig und windig. In der Bergstation lungerten gegen 20 Alpinisten herum, alle mit dem Plan, dort die Nacht zu verbringen und am nächsten Tag ihren Traumzielen entgegenzustreben.

Unser Biwakplatz auf dem Argentière-Gletscher. Hinten der Mont Dolent und die Nordwände im Talschluss.
Gemütlich erreichten wir schliesslich unseren Biwakplatz auf rund 2740m und richteten uns ein. Aus Spass an der Freude, zum Zeitvertrieb und natürlich auch als Schutz vor potenziell aufkommendem Wind schaufelte ich uns eine prima Vertiefung fürs Zelt, mit Mauern drumherum. Schon toll, so etwas erleben zu können, das volle alpine Ambiente, und nicht mal weit weg von daheim! Das Wetter klarte schon am Abend wieder auf, der Blick auf die Courtes-Nordwand war frei und so legten wir uns guten Mutes für die Tour am nächsten Tag aufs Ohr. Einige weitere Zelte standen in der Gegend, ganz alleine würden wir also vermutlich nicht sein. Schliesslich waren es dann mit uns drei Seilschaften, welche durch die Wand stiegen. Für die vorherrschenden, perfekten Verhältnisse eigentlich sogar erstaunlich wenig.

Im Vorfeld hatten wir uns einige Gedanken zur Aufstehenszeit gemacht. Durch die Tatsache, dass wir dank perfektem Platz und dem warmen Schlafsack sehr geruhsam und tief schliefen, liess uns leider den Wecker überhören. Um 4.15 Uhr rüttelte mich Ovidiu aus dem Schlaf und wies mich an, sofort aufzustehen, wir hätten schon eine Stunde Rückstand auf den Zeitplan. Etwas amateurhaft, ich weiss. Wobei man im Nachhinein sagen muss, dass ein früherer Aufbruch nicht nötig, bzw. sogar hinderlich gewesen wäre. Manchmal läuft's nicht so wie geplant, aber doch perfekt. Nach einem Frühstück und dem eher umständlichen Anlegen der Ausrüstung - vom Pijama zur Nordwandausrüstung ohne stehen zu können und mit Schnee rundherum dauert es eine Weile - waren wir um etwas nach 5.00 Uhr bereit zum Aufbruch. Oben am Wandfuss war bereits eine Seilschaft am Werke, zwei weitere Teams zogen auf dem Gletscher gegen die Wand hin.

Das erste Mal genug Licht zum Fotografieren hatte es gerade, als ich die Cruxlänge kletterte.
Ziemlich gleichzeitig trafen wir alle am Bergschrund ein, erstaunlicherweise auch die Seilschaft, die schon weiter oben engagiert gewesen war. Sie waren im Dunkeln auf Abwege geraten, in eine felsige Zone mit schlechter Schneeauflage, und hatten deswegen den Rückzug angetreten. Davon liessen wir uns aber nicht abhalten, links aussen ging es problemlos übere eine Art Schneebrücke über den Schrund hinweg. Mit einer Traverse ging es zurück in den zentralen Wandteil, wo ein weiterer Schrund überklettert werden musste. Ein kurzer, steiler Schritt war es, mit gutem Eis oberhalb aber problemlos. Nun kletterten wir am langen Seil weiter, erfreut nahmen wir die perfekten Verhältnisse wahr. Es lag "squeaky neve", "neige couic" oder einfach ein absolut genialer Firn. Die Pickel liessen sich mit einem Schlag stets bis zum Ansatz der Haue versenken und sassen mit dem typischen Geräusch bombensolide, ebenso war es für die Steigeisen optimal griffig. Tritte gab es allerdings keine, so dass die Wadenmuskulatur schwere Arbeit zu leisten hatte.

Von unserem Lager aus, bzw. auf Wandfotos scheint die Route eigentlich super offensichtlich. Doch ich muss sagen, dass gerade im unteren Wandteil, v.a. bei Dunkelheit, die Wegfindung doch deutlich anspruchsvoller ist wie gedacht! Das Gelände leitet einen gerne zu weit nach rechts, bis man eben in das ungute Plattengelände kommt. Wir profitierten hier jedoch davon, bereits über etwas Tageslicht zu verfügen, und konnten über eine steilere Stufe etwas unlogisch wieder auf die korrekte Fährte kommen. Nach einer Weile des gemeinsamen Steigens kam schliesslich die Cruxlänge ins Blickfeld, und bald darauf waren wir da. Weil die meisten Teams dort 1-2 Längen  effektiv sichern, kommt es hier gerne zu einer Massierung - so auch bei unserer Begehung, interessanterweise waren alle drei Teams trotz des sehr internationalen Verkehrs in Chamonix in der Schweiz ansässig. 

Yours truly auf dem Weiterweg nach der Cruxlänge. Links einer der drei einzigen NH-Stände, die wir in der ganzen Wand angetroffen haben. Der Weiterweg führt leicht links hinauf, über den beiden als kleine Punkte sichtbaren Kletterern über den Eishubel.
Das war aber kein Problem, ohne Wartezeit konnte es weitergehen. Die Kletterei war ein grosser Genuss. Die Steilstufe war solide vereist und prima mit Schrauben abzusichern. Weil das Eis schön strukturiert und auch überhaupt nicht spröde war, brauchte es aber auch gar nicht so viele Sicherungen. Die Steilheit wird hier mit 75 Grad angegeben und die Passage gilt als WI3. Das würde ich nach Wasserfall-Massstäben so unterschreiben, für Chamonix-Verhältnisse dünkte mich die Bewertung eher etwas tiefgestapelt. Was jetzt z.B. am Chère Couloir (WI4) schwieriger sein soll, erschliesst sich mir überhaupt nicht. Und auch die Modica Noury (WI5+) war jetzt vielleicht noch etwas steiler in der Cruxlänge, aber auch nicht um Welten schwerer. Aber was soll's, das ist ja nun nicht das Wichtigste.

In dieser Cruxlänge bot sich rechts an der Seitenwand auch einmal ein Placement für einen Cam ab. Ansonsten hing mein Set über die ganze Wand hinauf unbenutzt am Gurt, dieses Gewicht hätte ich mir auch gut sparen können. Ich fand, dass es im Fels kaum Möglichkeiten zum Sichern gibt, bei weniger Eis und Firn sieht's aber womöglich anders aus. Auch fixes Material sucht man so gut wie vergebens, drei windige NH-Stände im Bereich der etwa 80m langen Cruxpassage waren das einzige, was wir angetroffen haben. Anyway, die Crux war gemeistert und erste Sonnenstrahlen erreichten uns.

Fantastischer Tiefblick, als wir im mittleren Wandteil unterwegs sind.
Der Weiterweg führt erst über eine kurze, etwas flachere Passage (immer noch 50 Grad!), bevor dann zwei Optionen offen stehen. Entweder geht man am rechten, oberen Ende der "Flachpassage" durch eine Goulotte, oder man zieht schon vorher über eine vereiste Steilstufe direkt nach links hinauf. Dies schien mir die richtige Wahl, es war dort nochmals schön vereist und gut zu klettern. Hat man dieses Stück mit nochmals 70 Grad Neigung gemeistert, so geht es dann eigentlich schon gegen den Gipfel hin. Allerdings ist der Weg noch weit, ja sehr weit sogar! Ein Ausstieg nach rechts zum Grat hin wird von dieser Stelle manchmal auch praktiziert. Er ist aber sicherlich weniger ästhetisch, und war wie ich inzwischen gelesen habe, auch in schlechten Verhältnissen.

Der Autor unterwegs in der Nordwand, fotografiert von unserer Vorgänger-Seilschaft.
Etwas Kopfzerbrechen bereitete mir erst der Fakt, dass die Situation zum Sichern mehr und mehr ungünstig wurde. Bis anhin hatte man immer hier und da solides Eis zum Eindrehen von Eisschrauben gefunden, doch nun gab es nur noch Styroporschnee. Die Steilheit dort oben beträgt sicher immer noch gute 55-60 Grad, auf der harten Rutschbahn - es gab keine Fusstritte, man stand nur auf den Frontzacken! - kam durchaus ein Gefühl von Exposition auf. Von Ovidiu kam der zündende Tipp, doch einfach nach Eis zu graben. Hm ja, warum nicht!? Tatsächlich kam ca. 20cm unter der Firnschicht solides Eis zum Vorschein, an welchem es sich perfekt sichern liess. So konnten wir auch den langen Weg im Gipfeleisfeld effizient erledigen. Am langen Seil gemeinsam gehend platzierte ich alle 30m eine Schraube, so dass wir immer an mindestens zwei soliden Punkten gesichert waren. Damit diese Taktik aufgeht, ist es natürlich entscheidend, eine vernünftige Anzahl an Schrauben mitzuführen, sonst muss man ja doch immer wieder anhalten. Unser Arsenal von 10 Stück empfand ich auf jeden Fall als zweckmässig.

Wieder unterwegs in eine lange Seillänge. Wir kletterten jeweils ca. 240m am Stück, bevor wieder ein Schraubentransfer stattfand.
Um 11.30 Uhr, nach rund 5.5 Stunden in der Wand, stieg ich unmittelbar neben der eindrücklichen Gipfelwächte aus. Windstill, warm, super Panorama und alles perfekt gelaufen, einfach Wow!!! Trotz all diesen Hochgefühlen durfte die Anspannung jedoch noch nicht zu fest abfallen, da der Abstieg über die NE-Flanke durchaus auch nochmals seriöses Gelände bietet. So hielten wir uns nach einer halbstündigen Rast dann auch nicht länger auf, und traten den Abstieg an. Unsere Vorgänger-Seilschaft entdeckte ich bereits weit unten in der NE-Flanke, was mich weiter beruhigte. Die beiden hatten weniger als 1h Vorsprung auf uns und bereits den wesentlichen Teil des Abstiegs gemeistert, also mussten die Verhältnisse gut sein. Gesagt sei an dieser Stelle, dass der Abstieg über die knapp 50 Grad steile NE-Flanke bei ungünstigen, eisigen Verhältnissen eine sehr mühsame Geschichte sein kann. Für uns blieb es zum Glück beim Konjunktiv.

Der Gipfel der Courtes in Sicht, markiert durch den grossen Champignon. Hinten Panorama total!
Happy Times on top! Yours truly flankiert von Grandes Jorasses und Mont Blanc. Welch eine tolle Gegend!
Der Abstieg verläuft erst über den luftigen SE-Grat. Schöne Kraxelei in atemberaubender Position mit fantastischen Tiefblicken in blockigem Gelände, so beschreibt man das wohl am besten. Hat man die Einschartung dann erreicht, geht's direkt die NE-Flanke hinunter. Das oberste Stück ist am steilsten, auch war dort der Schnee am härtesten. Wer will, kann hier aber an improvisierten Abseilverankerungen ein paar Manöver ziehen. Mir erschien dies unnötig, und sowieso wurde der Schnee schon wenig weiter unten pulvrig und ideal trittig. Für einen Abstieg vorwärts ist's grad einen Tick zu steil, so arbeitete ich mich in bester Ueli-Steck-Manier im Rückwärtsgang zügig nach unten. Schon nach weniger als einer Stunde hatte ich den Schrund erreicht, der sich auch problemlos überwinden liess. Beim Warten auf meinen Kollegen, der sich etwas mehr Zeit gelassen hatte, konnte ich auch noch zwei Skifahrer beim wilden Ritt über die Flanke beobachten.

Im obersten Teil wird über den sehr schönen, luftigen SE-Grat abgestiegen. Vor uns zwei deutsche Bergsteiger.
Danach geht's rückwärts die grosse Rutschbahn der NE-Flanke hinunter.
Das ist auch noch was... Skiabfahrt über die NE-Flanke (ca. 48 Grad, 5.2 bewertet). Fehler sind da nicht erlaubt. Zeitlich lohnt es sich hingegen bei einem Nordwanddurchstieg kaum. Die beiden brachen ca. 5 Minuten vor mir auf dem Gipfel auf, und ich war schliesslich vor ihnen aus der Flanke draussen. 
Für uns war der Kreis schon bald geschlossen. Wegen Spaltengefahr hiess es nun wieder anseilen, und zum Basislager zurückmarschieren. Bei einer Affenhitze und einer unglaublichen Sonneneinstrahlung trafen wir um 14.00 Uhr happy dort ein. Nach einem Imbiss musste noch das ganze Gear gepackt und wieder effizient in die Rucksäcke verfrachtet werden, was auch nochmals seine Zeit in Anspruch nahm. Irgendwann war es dann aber soweit, wir konnten die Bretter anschnallen und auf dem flachen Gletscher talwärts flitzen. Unterwegs war natürlich der eine oder andere Stopp fällig, zahlreiche Eislinien an Droites und Verte wollten bestaunt werden, denn dort wollen wir ja schliesslich auch bald einmal hin. Schliesslich gelangten wir erst auf die Freeride-Piste dem Gletscherrand entlang, um dann auf dem offiziellen Kunstschnee-Band zusammen mit Horden von Touristen noch bis zum Parkplatz nach Argentière (1230m) abzufahren.

Back at home, sozusagen!
Welche Wohltat war es, die schwere Ausrüstung ablegen zu können, die viel zu warmen Alpinkleider gegen Shorts und T-Shirt zu tauschen und ein eisgekühltes Getränk zu öffnen! Auch wenn Wetter und Bedingungen in den folgenden Tagen weiterhin top gewesen wären und es uns an weiteren Tourenideen natürlich nicht mangelte, so riefen uns Familie und Arbeit trotzdem nach Hause. Ohne grosse Verzögerungen gelang die Rückfahrt, Zeit zur Reflexion blieb dennoch. Das war nun echt ein total geniales, alpines Erlebnis gewesen! Mit Biwak auf dem Gletscher und einem eindrücklichen Nordwand-Durchstieg. Natürlich, das Renommee dieser Route mag nicht an die Nordwände von Grandes Jorasses oder Matterhorn heranreichen - nicht jedoch, dass mir das irgendwie eine Rolle gespielt hätte. In der Liste meiner schönsten Alpintouren reiht sich diese Route auf jeden Fall weit vorne ein.

Da gehen wir dann das nächste Mal hin... die Droites (4000m) mit ihrer Nordwand.

Facts

Les Courtes (3856m) - Schweizerführe (IV TD- WI3, 900m) - Cornaz/Mathey 1938
Material: 10 Eisschrauben, 40-60m Einfachseil, evtl. kleiner Totem Cam und Camalots 0.3-0.5

Bei guten Verhältnissen reine Eis- bzw. Firntour mit grossartiger Ambiance durch die fast 900m hohe Nordwand der Courtes. Dabei werden nur 600m Horizontaldistanz gemeistert, was eine Durchschnittsneigung von ziemlich steilen 57-58 Grad ergibt. Flachstücke sucht man jedenfalls komplett vergeblich, und gerade kurz ist die Tour auch nicht. Die Schlüssellänge und einige weitere Teilstücke bieten schöne, moderate Eiskletterei. Bei guten Verhältnissen gibt es kaum Felskontakt und die Schwierigkeiten sind zwar anhaltend, aber nie extrem. Sind die Bedingungen schlecht, wird die Tour ziemlich sicher zu einem heiklen Unterfangen, die Sicherungsmöglichkeiten im Fels habe ich als marginal wahrgenommen und ein Rückzug ist ausser durch Abklettern auch kaum zu bewerkstelligen. Somit kann man auch getrost mit einem Einfachseil anrücken und wer viel gemeinsam steigen will, wählt dieses besser nicht zu lang. Der Abstieg kann über die Normalroute in der SW-Flanke (PD, 40 Grad) erfolgen. Leider befindet man sich danach auf der hinteren Seite des Berges und hat keine Möglichkeit, allenfalls zurückgelassene Ausrüstung abzuholen. Daher wird bevorzugt über die NE-Flanke (AD, 50 Grad) abgestiegen. Ist diese in guten Bedingungen, so geht das gut und zügig. Ist diese Flanke hingegen blank, so wird das auch eine mühsame Geschichte und Abseilmanöver dürften unumgänglich sein. Dann ist man sicher auch froh, wenn man ein 60m-Doppelseil mitgenommen hat. Selbstverständlich kann bei diesem Abstieg auch die Lawinengefahr ein Thema sein. Ebenfalls noch zu erwähnen ist, dass sowohl die Wand wie auch der Abstieg morgens in der Sonne stehen. Ein früher Aufbruch ist daher sehr anzuraten, wobei die Orientierung in der Wand im Dunkeln auch nicht trivial ist. Am besten geht man im ersten Dämmerlicht über den Schrund, und ist dann einfach schnell beim Klettern.  

Dienstag, 31. März 2015

Skitour Piz Forbesch (3262m)

Auf Sonntag war schon wieder Schlechtwetter und Sturm angesagt, so konnten wir uns die Pläne im Hochgebirge in die Kappe schreiben. Das Zwischenhoch am Samstag liess aber eine alpine Skitour bei einwandfreien Bedingungen zu. Nachdem am Vortag noch etwas Neuschnee gefallen war, durfte die Tourenwahl nicht allzu offensiv ausfallen. Wir entschieden uns schliesslich für den Piz Forbesch, einen tollen Gipfel im Oberhalbstein. Im Kindes- und Jugendalter war ich oft auf den Pisten im benachbarten Savognin unterwegs. Schon damals lockten mich die markanten Scherenspitzen, eine Besteigung war dannzumal aber noch unrealistisch. Heute hat es geklappt!

So kennt man den Piz Forbesch aus dem Skigebiet von Savognin. Die Nordwand direkt zum Gipfel ist wohl noch unbegangen?! Bild: 560 @ hikr.org
Unsere Tour startet in Mulegns, durch das Val Faller geht es erst nach Tga. Hat es noch Schnee, oder müssen wir die Skier zuerst buckeln? Der Poker geht auf, das Strässchen ist aktuell noch eingeschneit und wir kommen durch, ohne auch nur 1x abschnallen zu müssen. Allzu lange wird das aber nicht mehr so bleiben, maximal 1-2 Wochen schätze ich. Zügig steigen wir auf und biegen kurz vor Tga hinauf zu den Maiensässen von Arnoz. Die eindrückliche Berggegend zieht uns in ihren Bann: die Nordwand des Piz Platta sieht wie eine ganz grosse Herausforderung aus, das Massiv des Piz d'Err thront in unserem Rücken und voraus gehen die Blicke zum Piz Arblatsch und zu unserem Tagesziel.

Hier geht's los. Das Strässchen von Mulegns nach Tga war noch komplett eingeschneit, auch wenn es ringsum schon nach Frühling roch.
Der erste Blick bei Arnoz auf unser Tagesziel. Links der Forbesch Pintg 3202m, der rechte Scherenspitz der Hauptgipfel 3262m.
Die Schneedecke ist perfekt gefroren und trotzdem schön griffig, so lässt es sich bequem aufsteigen. Wir kommen näher und näher an den Piz Forbesch heran, Distanz ist nicht mehr viel übrig aber immer noch viel Berg. Das Südcouloir, welches den Aufstieg durch die eindrückliche Felswand überhaupt zulässt, lässt sich zwar schon von weitem erahnen, doch es verbirgt sich bis wir darunter stehen unseren Blicken. Und dann geht es hinein: die Rinne ist auf knapp 400hm ziemlich homogen +/- 40 Grad steil. Hier ist der Schnee nun pulvrig, es sind aber nur 5-10cm auf kompaktem Untergrund, zudem ist er locker und ungebunden und so müssen wir uns keine Sorgen wegen der Lawinengefahr machen.

Fantastischer Aufstieg auf perfekt durchgefrorenem Schnee, dazu weites, sonniges und aussichtsreiches Gelände.
Der erste Blick ins Südcouloir. Kaum zu glauben, dass es von hier noch fast 400hm bis in die Lücke hoch sind!
Erst steigen wir spitzkehrend mit den Ski hoch, irgendwann habe ich das ständige Wegrutschen des lockeren Schnees unter dem Ski satt und binde diese auf, per Pedes soll es weitergehen. Solche Himmelsleitern in Couloirs zu treten ist zwar jedesmal anstrengend, aber doch auch ein Hochgenuss! Auf den letzten Höhenmetern zum Grat hin flacht es dann nochmals etwas ab, der Untergrund ist nicht mehr ganz so kompakt und so entscheide ich mich für den Wechsel zurück auf die Ski. Nach etlichen weiteren Spitzkehren und total rund 4 Stunden Aufstieg (inklusive ein paar gemütlichen Pausen) erreichen wir das Skidepot, 1700hm Aufstieg sind es bis hier.

Fussaufstieg durch das Forbesch Südcouloir. Anstrengend, aber immer wieder toll, auf diese Weise hochzusteigen.
Weiter oben geht's dann nochmals mit vielen Spitzkehren auf den Ski weiter. Hinten der Piz Platta.
Wir montieren die Steigeisen, es wartet noch ein ziemlich langer, alpiner Fussaufstieg zum Gipfel. Rund 500m Horizontaldistanz und 100m Höhendifferenz sind noch zu bewältigen, Online-Quellen veranschlagen eine Hochtourenbewertung von WS+. Das mag etwa zutreffen, auf jeden Fall ist der Grat für meinen Geschmack ein grosser Genuss. Über weite Strecken ist er recht einfach zu begehen, drei Stellen sind aber zu erwähnen: kurz nach dem Gratgipfel von P.3176 muss ein Abbruch zwingend in der steilen Nordflanke umgangen werden, etwa in der Mitte des Wegs zum Gipfel wird ein Gendarm exponiert südseitig umrundet und kurz vor dem Ziel wartet noch ein giftige Abkletterstelle. Diese ist zwar nur kurz und ein lapidarer Zweier, dafür ist der Grat hier schmal und es pfeift sowohl süd- wie nordseitig gewaltig in die Tiefe, Fehler sind da nicht erlaubt.

Jonas unterwegs in der Nordflanke von P.3176. Hier ist mein Weg über den Gratgipfel noch bequemer, danach muss man aber zwingend in die sehr exponierte Nordflanke absteigen. Sicheres Steigeisengehen ist da absolut unerlässlich, sonst wird es gefährlich.
Die im Text erwähnte Zweierstelle kurz vor dem Gipfel, hier beim Wiederaufstieg auf dem Heimweg. Die Passage ist weder lang noch sehr schwer, jedoch sehr exponiert. Ich hoffe, das Foto kann es wenigstens einigermassen zur Geltung bringen.
Rund 40 Minuten nach dem Aufbruch vom Skidepot erreichen wir den Gipfelsteinmann - ein durchaus exklusiver Ort. Das Gipfelbuch ist von 1996 und listet nicht viele Besuche auf. Pro Jahr sind es im Schnitt 5 Begehungen, die meisten davon im Sommer. Wir geniessen die phänomenale Rundsicht und machen uns schliesslich wieder auf den Weg, der Schnee wird nicht besser werden. Den Rückweg zum Skidepot erledigen wir nun, wo wir den Weg kennen und eine Spur vorhanden ist, in 25 Minuten schneller wie den Aufstieg. Rasch ist dann auch das Gear verstaut und die Bretter festgezurrt. 

On the top! Sicht vom südlichen Vorgipfel auf den Steinmann, wo auch das Buch in einer Gamelle verstaut ist.
Die oberen zwei Drittel vom Gipfelgrat, fotografiert als wir schon auf dem Abstieg sind.
Das ist die Sicht vom selben Standort nach unten auf das erste/letzte Gratdrittel. Die Spur mit Querung der Nordflanke gut sichtbar.
Schwungvoll geht es darauf in die Tiefe, das Couloir fährt sich wirklich gut und genussvoll - kompakte Unterlage, darauf feuchter Pulver, keine harten Lawinenschollen - ideal. Auch die Plang Forbesch, d.h. die 400hm vom Couloir-Auslauf bis auf die Fläche hinunter bieten perfektes Skigelände und fahren sich mit leichter Pulverauflage prima. Dann wechselt der Schnee zu einem guten Sulz. Schon viel zu bald sind wir retour in Tga, von dort geht's rassig auf dem Fahrweg das Val Faller hinaus und in weniger als einer Stunde seit Aufbruch vom Gipfel sind wir retour in Mulegns. Das war meine beste Skitour dieses Winter, und dann auch noch mit deutlichem Abstand! 

Bilder vom Skifahren sind immer so eine Sache... Hier bereits beim Ausgang aus dem Südcouloir, direkt unter dem Gipfel.
Das ist die Sicht in die andere Richtung. Perfektes, weites Skigelände, kompakte Unterlage, pulvrige Auflage :-)
Und er ist auch immer präsent im Val Faller - der Piz Platta 3392m, auch ein toller Skiberg.
Facts

Piz Forbesch (3262m) ab Mulegns an der Strasse von Tiefencastel zum Julierpass
Ski-Schwierigkeit S bzw. 4.1, 40 Grad steil über 350hm. Fussaufstieg WS. Total 1800hm.
Material: Steigeisen, Leichtpickel, evtl. 30-40m Seil, alpine Sicherung an den Grat-Cruxen wäre möglich

Übersicht auf die Situation am Forbesch, der Weg durchs Couloir und über den Grat gut sichtbar. Bild: Cyrill @ hikr.org
Karte von map.geo.admin.ch mit unserer Route auf den Piz Forbesch 3262m.

Sonntag, 15. März 2015

Die Kontroverse um Ueli Steck

Die ultraschnelle Begehung der Annapurna-Südwand ist sicherlich eine der herausragendsten Leistungen aller Zeiten im Alpinismus. Zumindest, sofern sie sich so abgespielt hat, wie es erzählt wird. Denn bald einmal wurden Zweifel laut, ob der Gipfel überhaupt erreicht wurde. Der Kern der Bedenken liegt beim fehlenden Beweis - ausser dem Wort von Ueli Steck gibt es keinerlei hieb- und stichfesten Nachweis für den Gipfelerfolg. Eine Dokumentation im Sinne von Fotos oder einem GPS-Track fehlt völlig, weder wurde er nachweislich beobachtet, noch gab es im Nachhinein eindeutig sichtbare Spuren. Doch auch gegen ihn spricht nichts Substanzielles, bis eben auf die Tatsache, dass kein Beweis vorhanden ist.

Fantastische Bergwelt im Himalaya - das müsste die Ama Dablam sein!?!
Ein Abriss über die Ereignisse vor Ort und die Geschehnisse danach wurde vor kurzem im Magazin, einer Beilage des Tagesanzeigers publiziert. Das Heft lässt sich hier im PDF-Format downloaden. An dieser Stelle sei gesagt, dass im Artikel keine wirklich neuen Aspekte präsentiert werden, er aber eine prima Zusammenfassung der bereits bekannten Fakten ist. Ob er nun oben war oder nicht? Das weiss ich natürlich auch nicht, und ich habe noch nicht einmal eine klare Meinung dazu. Aber ich hoffe es! Einerseits, damit im Alpinismus weiterhin das Wort gilt. Und vor allem, dass Ueli, den ich im Rahmen von einigen flüchtigen Treffen beim Klettern als sehr sympathischen und geerdeten Typen kennengelernt habe, nicht mit dieser Lüge leben muss.

Blick zu Everest, Nupste und Lhotse. Meine Erfolge im Himalaya waren eher bescheiden...
Also, was kann ich dann ausser dem Link zur Geschichte beitragen? Im Artikel wird Ueli Steck zitiert. Er äussert sich dahin gehend, dass er die Bedingungen am Berg als perfekt wahrgenommen habe und wie in einer Art Tunnel hinauf- und dann auch wieder hinunter gestiegen sei. An die Dokumentation seiner Taten habe er dabei als letztes gedacht. Genau diese Aussagen werden ihm in den Kletterforen nun um die Ohren geschlagen. Ein Profi sollte trotz alledem bei einer solch wegweisenden Begehung noch die Kapazität haben, handfeste Beweise zu liefern.

...am besten sind wohl fast noch die Boulderprobleme, die ich im Khumbu ziehen konnte.
Für mich wirken seine diesbezüglichen Aussagen jedoch stimmig. Ich dokumentiere meine Touren ja sehr gerne mit Fotos aller Art. Wenn ich aber zurückdenke, dann ist es so, dass ich von etlichen kritischen und nervenaufreibenden Momenten überhaupt keine Fotos habe und mir nur das geblieben ist, was ich dort wahrgenommen habe. Auch von meinen grössten Touren gibt es eher nur relativ wenige Fotos und als ich früher noch meine Ski- und Alpintouren mit Tracks dokumentiert hatte, so vergass ich bestimmt bei den grössten und wichtigsten Touren in der Hektik des frühmorgendlichen Aufbruchs, den Log zu starten - was mir bei einer popeligen Voralpentour niemals passiert wäre.

Aber auf über 5000m und fast 7000km weg von daheim war ich mal, das kann ich also beweisen :-)
Und die Sache mit dem Tunnel... wenn ich ans Matterhorn denke, die Beschreibung trifft es wohl ziemlich genau. In dunkler Nacht, nur im Kegel der Stirnlampe stiegen wir aufwärts. Die Verhältnisse waren perfekt, Schritt für Schritt ging es ohne ein Zögern vorwärts - kein links, kein rechts und kein zurück, denn überall dort war es sowieso dunkel. Wie schwierig es damals effektiv war, fällt mir heute auch schwer zu sagen. War es tatsächlich so einfach?! Oder war ich nur in meinem Tun derart absorbiert, dass ich dabei so geklettert bin wie selten sonst?! Die Antwort bleibt offen, genauso wie jene, ob Ueli Steck tatsächlich auf der Annapurna war. Was ich sagen will, ist aber Folgendes: gerade diese Aussagen, welche bei vielen Mitdiskutierenden grösste Zweifel wecken, erscheinen mir durchaus glaubhaft. Bei meinen grössten Touren hatte ich ähnliche Empfindungen, und die Annapurna war mit Sicherheit für Ueli Steck auch eine ganz grosse Tour.

Die in diesem Beitrag abgebildeten Fotos wurden vor längerer Zeit aufgenommen und kommen aus meiner eigenen Schatulle. Bis auf die Tatsache, dass sie aus dem Himalaya stammen, stehen sie in keinem Zusammenhang mit der Annapurna-Begehung von Ueli Steck, sondern dienen hier nur der visuellen Gestaltung.