- -

Donnerstag, 16. Mai 2013

Wendenstöcke - Dragon (6c)

Tja, viel neues gibt es aktuell nicht zu berichten aus dem Sektor alpine Abenteuer. Die letzten Wochen, geprägt von instabilen Wetterlagen und arbeitsintensiven Tagen erlaubten bis aufs Sportklettern keine grossen Ausflüge. Ist ja nicht so schlimm, auf diese Weise lässt sich die Grundlage für einen tollen MSL-Sommer legen, denn irgendwo her muss die Form ja kommen. Vom Sportklettern zu berichten ist halt leider etwas weniger spannend, vor allem dann, wenn man eigentlich "schwierige" Touren klettern möchte, dann aber doch immer und immer wieder runterfällt...

Übersicht und Routenverlauf: Dragon (6c) führt am markanten SE-Pfeiler des Pfaffenhuet aufs Ringband hoch.
Darum kramen wir zur Unterhaltung etwas in der Touren-Mottenkiste und da findet sich noch Material über die Remy-Route Dragon am Pfaffenhuet. Bereits im September 2011 hatte ich diese angepackt. Wunsch und Ziel war es, zusammen mit Kathrin wieder mal eine Tour an den Wenden zu machen. In einer Tagestour als Eltern von kleinen Kindern kein einfaches Unterfangen. Doch mit genauem Kalkulieren des Zeitbudgets schienen die 7 Seillängen realistisch, zumal es sich gemäss Topo um eine der nominell einfachsten Routen am Massiv handeln sollte. Der mir inzwischen bestens bekannte Zustieg war Formsache, die Schneefelder um diese Jahreszeit komplett inexistent, so waren wir um etwa 11.30 Uhr startbereit.

Hier geht's los. Sieht vielleicht easy aus, aber der Wulst zum Beginn der Wasserrille ist überhängend und total ungriffig. Die Rille selbst ist auch alles andere als henklig und geht erst gut, wenn man einmal die Füsse drin hat. Die Absicherung ist auch von der eher fordernden Seite...
SL 1, 6c: Der Auftakt hat es in sich und beinhaltet auf den ersten Metern gleich die Crux der Route. Über einen Wulst hinweg will eine senkrechte Wasserrille gewonnen werden. Die Sache ist abdrängend, rund,  untrittig und auch gleich obligatorisch. Ich kann schliesslich einen 3er-Camalot in die Rille würgen und im dritten Anlauf kriege ich die Züge auch ganz knapp frei hin. Meines Erachtens ist das eher 7a wie 6c. Hat man die Wasserrille mal bezwungen, so führt schöne Plattenkletterei im 6b-Bereich zum Stand. Achtung, man soll sich nicht täuschen, 6b-Platten an den Wenden sind nie leicht.

Schöne Plattenkletterei dann im oberen Teil von SL 1 (6c). Gut gesichert, obwohl die BH weiter auseinander sind, wie es die Zoom-Aufnahme suggeriert.
SL 2, 6c: Vom Stand weg Traverse nach links und kräftig hoch, was gleich die Crux darstellt. Danach an sich schöne Plattenkletterei mit verwirrender Zick-Zack-Linienführung bei anhaltenden Schwierigkeiten. Auch mit Verlängerungen und Halbseiltechnik ist Seilzug kaum zu vermeiden. Die Absicherung ist mit 7 BH auf 50m jetzt auch nicht so üppig, zwischendurch kann man zwei-, dreimal etwas legen.

Respektvoller Blick in SL 2 (6c). Die kleine Verschneidung 15m oberhalb wird in 30 Klettermetern mit komplexer Linienführung links herum gewonnen.
Sicht von oben zurück auf SL 2 (6c), die oben ebenfalls eine komplizierte Linie bietet und selber abgesichert werden will.
SL 3, 5c+: Puh, die ersten 100 Klettermeter bis an den Beginn des grossen Pfeilers waren ja ganz schön stiff. Da sind wir grad froh, dass es erst einmal etwas gemütlicher dahingehen soll. Man biegt links um die Ecke und klettert die Verschneidung hoch, was für einmal wirklich recht gut geht. Die Absicherung ist aber luftig und erfordert Eigeninitiative.

Kathrin folgt in SL 3 (5c+). Die Verschneidung ist nicht superduper, bietet aber doch schöne Kletterei.
SL 4, 6a+: Vom Stand weg wartet gleich eine steile Riss-Verschneidung mit ziemlich glatten Seitenwänden. Sie ist clean und muss selber abgesichert werden. Erreicht man einmal das erste Podest, geht es danach nicht mehr ganz so anhaltend weiter. Steile Aufschwünge und Ruhepositionen wechseln sich ab, die 50m sind mit 4 BH gesäumt.

Sicht auf die etwas glatte und cleane Riss-Verschneidung zu Beginn von SL 4 (6a+).
SL 5, 6b: Erst folgt man weiter der Verschneidung, die sich hier zu einem rustikalen Kamin erweitert, selbst ein bisschem Moos und Dreck ist vorhanden. Danach gilt es dann, das System nach links zu verlassen und in typischer Wendenmanier Wandkletterei zu betreiben. Erst noch griffig und mit 2 nachträglich gesetzten BH gut gesichert, wartet dann prompt an der technisch-feinen Crux ein Runout, wo echt schwere 6b-Moves 2-3m über dem Haken gezogen werden wollen. 

Wenn es nicht die Wenden wären, wo man feine Platten oder griffige Wandkletterei will, würde man sagen es sei super.
SL 6, 6a+: Tolle, steile und griffige Kletterei mit allerdings auch etwas luftiger Absicherung. Für uns ist es total ätzend, dass inzwischen eine Heli-Rettung im Gang ist, weil ein Kletterer in den Ausstiegslängen von Sternschnuppe/Inuit gestürzt ist und sich schwer verletzt hat. Der Lärm ist ohrenbetäubend, verunmöglicht jede Kommunikation und ein paar Steinchen (zum Glück nix grosses) kommen auch dann und wann geflogen.

SL 7, 6b: Die Rettung ist immer noch im Gang. Ich will noch die letzte SL machen, Kathrin verzichtet ob der Umstände im Vornhinein und heisst mich, danach gleich wieder abzuseilen. Die SL beginnt tiptop, der Ausstieg aufs Ringband dann zuletzt etwas schuttig-lose.

Oben raus haben wir ob dem ganzen Rettungs-Trubel nix mehr fotografiert, daher nochmals ein Shot aus SL 2 (6c). 
Die anspruchsvolle Kletterei hatte reichlich Zeit gefressen. Ohne es genau rekonstruieren zu können meine ich, dass ich in der Gegend von 18.00 Uhr oben war, unverzüglich die Seile fädelte und wir uns ans Abseilen machten. Da die Stände von Dragon ausgerüstet waren, ging es erst daselbst runter, unten benützten wir dann noch je einen Stand von Stars Away und Inuit und waren keine halbe Stunde später schon wieder am Einstieg. Der Unglücksrabe wurde inzwischen evakuiert, so dass auch wieder Stille eingekehrt war. Eindeutig war jedoch auch, dass das Material jenes Teams noch am Wandfuss lag. Mitnehmen oder vor Ort lassen? Ich hatte etwas Skrupel, für eine solche banale Frage die Rega-Notrufnummer 1414 zu wählen. Ich rang mich aber dann doch durch, notfalls könnte ich mich höflich entschuldigen und wieder auflegen. Mein Anruf war aber sehr willkommen. Im Nu wurde ich von der Zentrale an den Helikopter durchgestellt, aus welchem eine Verbindung zum unverletzten der beiden Kletterer hergestellt wurde. So sprachen wir von Handy zu Handy via Helikopter und natürlich war es höchst willkommen, dass wir das Material zu Tale brachten. Schon eindrücklich, wie professionell das alles funktioniert - da zahlt man seinen jährlichen Gönnerbeitrag gleich doppelt gerne. So machte ich aus drei (Rucksäcken) eins. Vorsichtig stiegen wir auf die Wendenalp ab: obwohl inzwischen eine gut erkennbare Spur vorhanden ist, ist die Steilheit des Geländes vor allem im Abstieg doch jedes Mal wieder eindrücklich und ein Fehler wäre in jedem Falle fatal.

Facts

Wendenstöcke - Dragon 6c (6b obl.) - 7 SL, 280m - Y. & C. Remy 1988 - ***, xxx
Material: 12-14 (auch lange!) Express, Camalots 0.3-3, Keile 4-9

Abwechslungsreiche Route auf der rechten Seite des Pfaffenhuet. Sie bietet erst zwei anspruchsvolle Plattenlängen, dann 2.5 SL an einer einfacheren, etwas rustikalen Verschneidung, wo der Fels ok ist, aber nicht immer allerbeste Wendenqualität aufweist. Die 2.5 Abschlusslängen bieten dann steile, griffige Wandkletterei und sind wiederum prima. Die Route wurde von den Gebrüdern Remy selber im 2009 "saniert", wobei das Wort nicht wirklich passt: an einigen einfacheren Stellen wurden ein paar wenige Zusatzbolts gesetzt. An den Schlüsselstellen, wo schon früher BH waren, blieben Abstände und Material beim Alten. Somit stecken dort sowie an den Ständen noch die Haken von 1988. Ziemliche Mogelpackung also, das mit der Sanierung. Zudem: als Bewertung sähe ich jetzt 7a (6b+/6c obl.) als realistischer an. Immerhin merkt man gleich auf den ersten Metern, ob es passt oder nicht.

Yours truly am Stand von SL 3 oder 4, fotografiert aus der Patent Ochsner. Danke Hans!
Fazit

Die Dragon ist ja eine kaum bekannte und nur wenig gekletterte Wendenroute. Der Fels und die Kletterei sind aber weitestgehend einwandfrei, und die 2.5 einfacheren Seillängen in der nicht ganz so guten Verschneidung trüben den Genuss auch nicht sonderlich. Mit einer sinnvollen Absicherung, was jetzt Material, seilzugfreie Linienführung und den Schwierigkeiten angepasste Abstände anbetrifft, könnte man diese Tour durchaus zu einer wirklich lohnenden Unternehmung aufwerten, die mit Routen wie Sonnenkönig und Aureus auf jeden Fall mithalten kann. Logisch, eine Wenden-Toproute wird es nie werden, im Vergleich zu vielen anderen Klettergebieten könnte die Dragon immer noch ein sehr lohnenswertes Highlight mit für die Wendenstöcke eher moderaten Schwierigkeiten sein. Schade, dass diese Chance bei der Pseudo-Sanierung verpasst wurde...

Mittwoch, 1. Mai 2013

Schweiz Extrem Ost

Endlich ist er da, der Schweiz Extrem Ost! Ganze 19 Jahre hatte es gedauert, bis über die Zentral- und Ostschweiz wieder ein qualitativ hochwertiger Auswahlführer für Routen von 6a bis 9a verfügbar ist. Die letzte Ausgabe, noch Schweiz Extrem genannt und das ganze Land abdeckend, stammte aus dem Jahr 1994. Sie war natürlich inzwischen hoffnungslos veraltet und auch vergriffen.

Der Extrem Ost kommt vom Filidor Verlag und stammt aus der Feder von Sandro von Känel. Ein klein wenig ist er aber auch mein Kind. Bei zahlreichen Arbeiten (Gebietsauswahl, Recherchen, Kontakte schaffen, Topos kontrollieren, Bewertungen harmonisieren, etc.) konnte ich unterstützend mitwirken. Nach über 20 Jahren Aktivzeit, vorwiegend in der genannten Region, war mir natürlich vieles aus dem Effeff bekannt. Andererseits, wenn es dann um exakte Details geht, so wird es dann manchmal doch wieder schwierig: "Beginnt der Pfad zum Voralpsee nun vor, in oder erst nach der Kurve?". Ja halt irgendwo dort, gefunden habe ich ihn bisher immer. Doch wenn man einen exakten und fehlerfreien Kletterführer will, so kommt man eben nicht umhin, alles nochmals genau zu hinterfragen und vor Ort zu überprüfen.

Cover vom Extrem Ost. Quelle: Filidor.
Mit dem Resultat bin ich aber höchst zufrieden. Der Führer verdient das Prädikat höchst empfehlenswert und gehört mit Garantie in die Bibliothek eines jeden Kletterers, der im Perimeter wohnhaft oder irgendwann im Raum Ostschweiz unterwegs ist. Für diejenigen, die sich bereits gut auskennen, haben wir viel darin investiert, um Neuheiten präsentieren zu können. So rund 20 vorher noch nie (z.B. Reduit, Axenstrasse, Nordgalerie, ...) oder schon seit langer Zeit nicht mehr (z.B. Telli, Göscheneralp, Erotisches Karussell, ...)  in gedruckter Form publizierte Klettergärten beschrieben. Auch von vielen anderen Gebieten (z.B. Galerie, Brüggler-Überhänge, ...) steht erst jetzt mit dem Extrem Ost ein vernünftiges, qualitativ hochwertiges und aktuelles Topo zur Verfügung. Ebenso gibt es im MSL-Bereich komplett neu beschriebene Gebiete (z.B. Titlis Nordwand, Hoch Fulen, Teufelstalwand, ...), wie auch viele andere mit Major-Updates (z.B. Zuestoll, Chli Bielenhorn, Graue Wand, ...).

Gebietsübersicht. Details zu den beschriebenen Gebieten gibt es hier. Quelle: Filidor.
Die Gestaltung des Führers ist absolut einwandfrei. Die Topos wurden von Sandro liebevoll, detailgetreu und mit ansprechender Farbgestaltung auf dem Computer gezeichnet. Das Piktogramm-System fürs benötigte Material ist einfach und sehr übersichtlich, sehr genaue Zustiegsskizzen sind vorhanden, bei den MSL-Touren meist auch Wandfotos mit eingezeichneten Einstiegen. Da kann man sich nun wirklich beinahe nicht mehr verirren - und sonst ist nicht der Führer schuld ;-) !!! Ebenso sind viele grossformatige Kletterfotos enthalten, was den Führer schön bunt macht. Die Kehrseite dabei ist, dass er ein stattliches Buch mit 367 Seiten geworden ist. So nimmt z.B. der Klettergarten Voralpsee mit seinen 18 Routen inklusive der Bilder total volle 6 Seiten in Anspruch. Es ist halt immer ein Kompromiss zwischen Schönheit und Schlichtheit. Mir persönlich wären einige grossformatige Personenaufnahmen weniger, dafür einige kleine Übersichtsfotos mehr (z.B. Klettergarten inkl. Wandfuss) deutlich lieber, weil ich daraus einen viel grösseren Nutzen ziehen könnte. Aber das sieht vielleicht nicht jeder so (Kommentare erwünscht...)!

Der Klettergarten an der Axenstrasse ist eines der neu beschriebenen Gebiete. Quelle: Filidor.
Dann noch ein Hinweis in eigener Sache: mich haben nun schon einige Fragen à la "warum ist dieses oder jenes Gebiet nicht enthalten?" erreicht. Ja, es gibt in der Zentral- und Ostschweiz einige bedeutende Klettergärten, die im Extrem Ost nicht beschrieben sind. Das ist nicht etwa so, weil uns diese unbekannt wären oder sie uns nicht gefallen, sondern weil die Erschliesser einer Publikation nicht eingewilligt haben. Dieses Einverständnis und die Zusammenarbeit mit den Pionieren war uns sehr wichtig, also waren diese Vorbehalte zu akzeptieren. Von daher möchte ich auch alle Kletterer bitten, sich strikte an die im Führer erwähnten Einschränkungen (z.B. Nordgalerie) zu halten und auch sonst ein vernünftiges Verhalten zu zeigen. Einerseits, damit wir dort noch lange klettern können, andererseits um auch zu demonstrieren, dass eine Publikation nicht allzu starke negative Auswirkungen nach sich zieht.

Fazit

Der durchgehend 2-sprachig (Deutsch/Englisch) gehaltene Extrem Ost ist ein konkurrenzloses Werk, eigentlich unverzichtbar und jeden der 48 Franken oder 38 Euro wert. Mit Klettern in der Schweiz von Matteo Della Bordella aus dem Verlag Versante Sud steht zwar ein ähnliches Buch zur Verfügung, welches aber in punkto Aktualität, Qualität, Klarheit und Gebietsauswahl deutlich unterlegen ist. Vom SAC gibt es die Komplett-Kletterführer Graubünden, Alpstein und Zentralschweiz (2 Bände, einer ist aktuell noch nicht erschienen). Wenn man dazu noch den GLclimbs und den Kletterführer Schächental anschafft, so hat man ungefähr dieselbe Information wie sie im Extrem Ost steht auch zur Verfügung, plus noch weitere Infos zu leichten oder weniger bedeutenden Routen, aber dafür auch 6 Bücher im Regal und ein mehrfaches an Geld ausgegeben. Und all dies sage ich, ohne eine Rappen an Tantiemen pro verkauften Extrem Ost zu erhalten...

Sonntag, 28. April 2013

Osterklettern in Sizilien - Fazit & Reisehinweise

Während in den vorangehenden Beiträgen unsere Erlebnisse und die gekletterten Routen im Fokus standen, will ich nun noch ein abschliessendes Fazit unserer Ferien ziehen und einige nützliche Reisehinweise aufschreiben. Auf jeden Fall ist klar, dass wir mit der Wahl unseres Reisezeitpunktes wirklich Glück hatten. Während daheim Schneetreiben und Wolkengrau herrschte und in Mitteleuropa fast überall nasses Schlechtwetter dominierte, konnten wir von Sonnenschein und guten Kletterbedingungen profitieren.


Fazit

In Summe kann man sagen, dass die Kletterferien in San Vito in jeder Hinsicht gelungen waren. Vom sportlichen her habe ich es zwar verpasst, eine Route im achten Franzosengrad zu punkten. Das ist zwar jedes mal von neuem eines meiner Ziele in Kletterferien, meistens scheitere ich aber an meiner mangelnden Persistenz, d.h. der Regel, in den Ferien nicht mehr als 3 Versuche pro Route machen zu wollen. Im Onsight wurde das Soll aber mehr als erfüllt und ob den vielen tollen Klettereien, die so toll und rasch gelangen, stellte sich zuhause der typische Blues ein: kein Wunder, wenn man sich hier an kleingriffig-technischen  Jurafelsen mit noch drückender Winterfeuchte in einem Grad abmüht, wo man in Sizilien locker hochspaziert ist.

In Walk the Line (7b) am Salinella-Felsband
Vom klettertechnischen Aspekt her gesehen fehlt bei den meisten Felsen um San Vito der ganz grosse Wow-Effekt. Dies trifft insbesondere auf das Salinella-Felsband zu, das auf weite Strecken stark gegliedert und bewachsen ist. Das ist einfach nicht damit zu vergleichen, wie wenn man das erste Mal unter der Mauer von Ceüse steht, oder in der Grande Grotta auf Kalymnos. Doch auch am Salinella-Felsband gibt es kompakte Zonen mit bestem Fels, die sehr schöne Wandklettereien bieten. Auch die Sintertouren am Crown of Aragorn und an der Never Sleeping Wall sind sehr schön, auch wenn ich Qualität und Einzigartigkeit jetzt nicht ganz auf dieselbe Stufe wie die Top-Sektoren auf Kalymnos setzen würde.

Insgesamt kann man sagen, dass man rund um San Vito im siebten Franzosengrad bis hinauf zu einem Niveau von ca. 8a auf jeden Fall genügend qualitativ hochwertige Touren findet. Im sechsten Franzosengrad ist das Angebot riesig. Die Anfahrten sind alle schön kurz, die Zustiege meist im Sekunden- bis einstelligen Minutenbereich. Die Sektoren zeigen durchaus unterschiedlichen Charakter wie auch unterschiedliche Szenerie, so dass für Abwechslung gesorgt ist. Um mit Kindern an den Fels zu gehen, ist es perfekt. Zudem ist die Gegend von San Vito ein sehr angenehmer Platz zum Sein (und daher im Sommer auch als eher teure Stranddestination bei Italienern beliebt): gebirgig-felsiges Umland, aber flache Strände mit klarem Wasser plus natürlich die typische italienische Dolce-Far-Niente-Stimmung mit gutem Essen, Gelati und Caffè.

Allgemeines zu Sizilien

Sizilien ist eine hügelige bis gebirgige Insel und hat eine Fläche von gut 25'000km2. Damit ist sie gut halb so gross wie die Schweiz. Die Insel würde in der Schweiz grosso Modo ein Dreieck mit den Eckpunkten Bodensee - Kanton Jura - Chiasso überdecken. Somit ist Sizilien zu gross, um von San Vito (das sich im Jura-Eckpunkt befindet) in Tagestrips weiter entfernte Klettergebiete anzufahren. Für einen kürzeren Aufenthalt lohnt es sich bestimmt, sich auf die Gegend von San Vito zu fokussieren, wer in längeren Ferien auch noch andere Gebiete besuchen will, wechselt wohl besser sein Quartier. Spezielle Erwähnung verdienen in meinen Augen auch die vielen Marmorsteinbrüche. Sie stellen eine unglaubliche Landschaftsverschandelung dar und beeinträchtigen meine Wahrnehmung der an sich schönen Gegend stark. Wobei hier gesagt sei, dass man vom Ort San Vito selber, ebenso wie von den wichtigsten Klettergebieten aus, keinen einzigen grossen Steinbruch störend vor der Nase hat. Und natürlich schreibe ich dies im Wissen drum, dass andere Weltgegenden durch den von uns angetriebenen Rohstoffhunger noch viel stärker verunstaltet werden...

Karte von San Vito und Umgebung mit den Klettergebieten und Campingplätzen. Quelle: Google Maps.
Jahreszeit

San Vito gilt als Wintergebiet. Klar, denn es gibt in Europa nicht viele Konkurrenten, wenn es darum geht in der kalten Jahreszeit (mit Garantie und Genuss) am Fels zu moven. Der Klimachart von holidaycheck.ch sagt eigentlich alles nötige: im Sommer ist es durchschnittlich über 30 und im Extremfall über 40 Grad warm und damit zu heiss. Und selbst im Hochwinter fällt das Thermometer selten unter null, und die Tagesmaxima erreichen fast immer mehr als 10 Grad und somit klettertaugliche Werte. Von November bis Februar muss man pro Woche im Schnitt allerdings 2-3 Tage mit Niederschlag einkalkulieren, je nach Glück oder Pech auch weniger oder mehr. Zum ambitioniert-schweren Sportklettern an der Sonne kann es übrigens selbst an Weihnachten zu heiss sein. Generell kann man wohl sagen, dass man ausser in der Periode von November bis März sein Kletterglück eher im Schatten suchen soll, wobei viele Gebiete diesen zumindest bis in die frühen Nachmittagsstunden bieten.

Nach meinem persönlichen Gusto dürfte die Zeit um die zweite Oktoberhälfte vermutlich die beste Zeit sein, mit noch milden Luft- und Wassertemperaturen und somit richtiger Ferienstimmung. Der Frühling ist sicher auch eine gute Jahreszeit. Allerdings ist das Meer dann noch zu kalt zum Baden. Scheint die Sonne, so kann es im einen Moment schon stechend heiss sein, geht hingegen das typische Lüftchen und man steht im Schatten, so ist im nächsten Moment wieder die Daunenjacke fällig. Zu beachten ist auch, dass sämtliche Sintertouren im Winter und Frühling meist wenn nicht nass, so dann mindestens feucht und weniger genussvoll zu klettern sind. Der Winter (ca. zweite Novemberhälfte bis Ende März) bringt neben den kurzen Tagen auch mit sich, dass San Vito ziemlich ausgestorben wirkt. Hat natürlich den Vorteil, nicht im Touristenrummel zu sein, keine Sitzplatzprobleme in den Restaurants, etc.. Dafür fehlt auch die fröhliche Ferienatmosphäre, wie ich sie z.B. jeweils im September in Kalymnos so toll finde.

Tolle Blumenpracht eigentlich fast überall. Das ist der Vorteil, wenn man im Frühling reist.
Anreise

Sizilien per PW erreichen zu wollen lohnt sich höchstens für Langzeit-Urlauber mit gutem Sitzleder, denn das ist einfach elend weit weg. Die allermeisten werden also mit dem Flieger kommen. Zwei Zielflughäfen kommen in Frage, nämlich jener von Palermo (bei Punta Raisi gelegen) und jener von Trapani (bei Birgi gelegen). Beide sind ungefähr gleich weit (1-1:15h per Auto) von San Vito weg. Als Ausgangspunkt wählt man einen Flughafen in seiner Nähe... oder auch nicht: ab Zürich gibt es nur von April bis Oktober Direktflüge nach Palermo. Deshalb haben wir Stuttgart als Ausgangspunkt gewählt, anstatt teuer, mit Umsteigen und langer Aufenthaltszeit per Alitalia ab Zürich zu fliegen.

Den Flughafen Stuttgart erreicht man ab Zürich Nord in nur 2 Stunden, der Weg ist einem von Frankenjura-Trips wohlbekannt. So ergab sich für uns eine viel kürzere Gesamtreisezeit, und der zusätzliche Sprit wurde durch die um Welten billigere Parkgebühr (50 Euro vs. 212 CHF) und die billigeren Tickets um ein x-faches wettgemacht. Alternativ kann man auch vom Allgäu Airport in Memmingen mit Ryanair (nach Trapani) fliegen, die Anfahrt von Zürich Nord aus dauert rund 1:45h. Eine weitere Alternative für günstige Direktflüge ist Milano Malpensa (Easyjet) oder Milano Bergamo (Ryanair).

Von den Flughäfen Palermo oder Trapani per öV nach San Vito zu gelangen liegt vermutlich im Bereich des Möglichen, ist aber wohl nur für jene mit ganz wenig Geld und viel Zeit eine Option. Vor Ort kommt man nämlich auch nur dann ohne Auto aus, wenn man im Camping El Bahira (siehe unten) residiert und sich zum Klettern auf das Salinella-Felsband beschränkt. Wer die Vielfalt der Gebiete geniessen möchte, mal nach San Vito oder anderswo zum Essen, für ein Gelati oder an den Strand gehen möchte und keine Lust auf jeweils >=1 Stunde Fussmarsch pro Weg hat, braucht einen Mietwagen. Kleiner Tipp: ich hatte das Air Berlin Sonderangebot beim Flugbuchen ausgeschlagen und via rentalcars.com nochmals einen Hunderter für die Wochenmiete gespart. Das klappte alles tiptop - die Karre hatte zwar schon 80'000km drauf und etliche Kratzer. Dies stellt aber keinen Nachteil dar, weil auf verursachte Kratzer beim Mieten ein hoher Selbstbehalt besteht, bei Neuwägen penibel kontrolliert wird und die Sizilianer einfach null Vorsicht beim Umgang mit eigenen und fremden Autos zeigen.

Unterkunft

Bei (nicht in!!!) San Vito gibt es zwei grosse 4*-Campingplätze. Einerseits den El Bahira, der etwa 4km ausserhalb vom Ort direkt am Salinella-Felsband gelegen ist. Mit 2x Umfallen ist man da bereits am Fels, für alle anderen Gebiete oder den Besuch im Ort ist eine kurze Autofahrt nötig. Ebenfalls wichtig zu wissen: obwohl am Meer gelegen, verfügt er über keinen Strand. Der Camping La Pineta befindet sich etwa 300m ausserhalb von San Vito. Mit einem kurzen Fussmarsch erreicht man den grossen Sandstrand und den Ort. Ausser allenfalls für den Monte Monaco ist auf jeden Fall eine kurze Autofahrt nötig, wenn man klettern will. Ansonsten bieten die beiden Plätze ein ähnliches Angebot: es gibt Bungalows zu mieten, einen Pool, Sport- und Einkaufsmöglichkeiten, Bar und Restaurant, etc.. Ich denke, beide Locations haben ihre Vor- und Nachteile, keine ist eindeutig besser. Für einen Bungalow mit 4-5 Betten zahlt man pro Woche je nach Verhandlungsgeschick und Saison übrigens ca. 300 Euro.

Unser Bungalow (ist gemütlicher als es aussieht) und die Macchina auf dem Campingplatz La Pineta
Eine andere Option ist es, in San Vito nach einer Ferienwohnung zu suchen. Für die Suche empfehlen sich die Seiten von holidaycheck.ch (Deutsch) oder vulcanoconsult.it (Italienisch). In der Kletter-Hauptsaison ist das Angebot typischerweise gross, und die Preise liegen (wenn überhaupt) auch nicht wesentlich über jenen für einen Bungalow. Wer sein Bett nicht selber machen möchte, findet auch ein üppiges Angebot an Hotels und B&B's. Da San Vito extrem auf den (italienischen) Sommertourismus ausgerichtet ist, gibt es hier auch an Feiertagen wie Weihnachten oder Ostern keine Knappheit an Unterkünften.

Essen

Die Bungalows verfügen alle über eine Kochnische, die Ferienwohnungen natürlich über eine vollwertige Küche. Somit kann sich wer will vollkommen selbst verpflegen, was aber keineswegs nötig ist. Zum Zmorgen kann man auf den Campingplätzen für ein paar Euro ans Frühstücksbuffett gehen, oder man schnappt sich in einer Bar einen Cappuccino und ein Brioche. Für den Znacht gibt es in San Vito zahlreiche Restaurants. Diese sind weniger auf Pizza und Pasta orientiert wie anderswo in Italien, sondern es gibt auch allerlei Meeresgetier und Gerichte nordafrikanischen Ursprungs. Auch über Ostern waren etliche Restaurants noch geschlossen, an der Hauptgasse und Flaniermeile unweit von der Kirche (Via Savoia) fanden wir das Dal Cozzaro und das Sapori di Sicilia die besten Adressen. Das ist wohl nicht nur eine Einzelmeinung, denn diese Schuppen waren eindeutig am besten frequentiert - auch wenn um diese Jahreszeit beliebig ein freier Tisch zu finden war.

Einkaufen

Zum Einkaufen gibt es auf den Campingplätzen kleine Läden für den nötigsten Bedarf. In San Vito selber gibt es etliche kleine Supermärkte. An der Strasse nach Custonaci vor dem Marmorkreisel hat es einen etwas grösseren Simply Market und im Dorf selber noch einen Spar. Einen richtig grossen Supermarkt habe ich in der Gegend nirgends gesehen, in Trapani würde man wohl fündig. Ebenso gibt es in und um San Vito keinen Kletterladen. Somit vergisst man besser keine wichtigen Utensilien zuhause und nimmt Verbrauchs- und Gebrauchsmaterial in ausreichender Reserve mit.

Diesen Kletterführer soll man kaufen...

Topo

Für die Gebiete um San Vito gibt es zwei Möglichkeiten: entweder den Führer Sicily-Rock (Oelze/Röker) aus dem Gebro-Verlag, aktuell in der 2. Auflage aus dem Jahr 2012. Er ist in Deutsch, Englisch und Italienisch gehalten. Alle von uns besuchten Gebiete (und noch einige mehr) sind dort drin beschrieben und mit informativen Fototopos abgebildet. Zu jeder Route sind Länge, Anzahl benötigte Exen und meist auch ein kurzer Beschreibungstext zum Charakter angegeben. Die Zugangsbeschriebe und Skizzen sind tadellos. Somit kann ich diesen Führer sehr empfehlen. Als Alternative gibt es den Di Roccia Di Sole aus dem Verlag Versante Sud. Man kann ihn entweder auf Deutsch oder Italienisch beziehen. Wer dem Italienischen einigermassen mächtig ist, wird mit der Originalversion wohl glücklicher wie mit der teilweise holprigen Übersetzung. In diesem ziemlich dicken Buch sind nicht nur die Gebiete um San Vito beschrieben, sondern man hat Sizilien komplett. Allerdings sind die Topos rudimentär und auch die weiteren Angaben oft unpräzis.

Für Ruhetage

Die nähere und weitere Umgebung hält durchaus interessante Ausflüge bereit: den sehr schönen Parco dello Zingaro, an der Küste mit schönen Bade- und Wandergelegenheiten. Dasselbe gilt für die Riserva Naturale di Monte Cofano. Sicherlich auch sehr empfehlenswert ist eine Besteigung oder Umrundung des Monte Cofano. Auch dem direkt über San Vito gelegenen Monte Monaco kann man aufs Haupt steigen - eigentlich fast ein Muss! Vor Ort kann man auch eine präzise Wanderkarte kaufen, die noch weitere Möglichkeiten zeigt. Einige eher ruhige Strassen und Schotterpisten erlauben auch genussvolle Touren mit dem Rennvelo oder dem Mountain Bike. Eher in die Kategorie Sightseeing gehören hingegen die Ausflüge zur Tempelanlage Segesta oder in die mittelalterliche Stadt Erice. Da Strand und Meer wirklich das Prädikat schön verdienen, kann man auch gut einmal einen Tag nur faulenzen.

Blick vom Camping El Bahira auf den 659m hohen Monte Cofano. Eine schöne Bergtour und ein prima Aussichtspunkt.
So, nun wünsche ich allen grosse (Vor)freude auf den nächsten Besuch in Sizilien. Wer noch weitere Tipps als Ergänzungen hat, darf diese natürlich gerne in das Kommentarfeld schreiben.