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Freitag, 26. August 2016

Titlis Nordwand - Duracell (7b)

Die Duracell ist eine brandneue Route aus dem Jahr 2016 am Piz dal Nas, dem steilsten Felszapfen in der ohnehin schon stark überhängenden Titlis Nordwand. Erst vor wenigen Tagen hatte das Erstbegehungsteam die letzten Haken gesetzt und die Linie befreit, welche nun ihrer ersten Wiederholung harrte. Angela war darauf aus, ihre Sammlung in dieser Wand wieder zu komplettieren, ich hatte mit dem Lochblick und der Süpervitamin auch schon beste Erfahrungen gemacht. Als man dann bei der Schnittmenge von Hitzetag, Trockenheit, Freizeit und geladenen Akkus ein "Check" machen konnte, musste man nicht mehr lange studieren, wohin es gehen sollte. Wobei, das mit den geladenen Akkus ist ja so eine Sache: zuvor hatte ich trainiert, dann 2 Tage pausiert, also sollte deren Zustand eigentlich voll sein. Doch hat mich die Ladestandsanzeige auch schon des Öfteren getäuscht, die ist irgendwie notorisch schwierig zu interpretieren. Wie es sich zeigen sollte, dieses Mal aber nicht: es gelang eine sturz- und hängerfreie Begehung :-)

Das Topo der Erstbegeher zur brandneuen Route Duracell in der Titlis Nordwand.
Los ging's um 7.10 Uhr bei der Fürenalp-Bahn. Auf dem mir bestens bekannten Weg zum Klettergarten Schlänggen musste ich meinem kleinen Sohn am Telefon noch klar machen, warum wir nicht gleichzeitig die Akku- und die strombetriebene Stichsäge brauchen, welche er im Baumarkt-Katalog entdeckt hatte. Das war nicht ganz einfach, da wir doch schliesslich auch eine Akku- und eine strombetriebene Bohrmaschine besitzen. Mit dem Erklären vom Unterschied zwischen Sportkletterei und Sportholzerei und weiteren interessanten Diskussionen mit meiner Seilpartnerin ging der Aufstieg wie im Flug vorbei. Bereits nach 1:20 Stunden und damit deutlich schneller als die letzten beiden Male waren wir am Punkt, wo der Aufstieg aufs Band beginnt. Etwa anachronistisch beginnen die meisten Routen in der Titlis Nordwand ja nicht am Wandfuss, sondern etwas unterhalb der Wandmitte und beschränken sich so auf die steile Kletterei. Zur Duracell muss dieses Band ganz nach links hinüber gequert werden. Teils Gehpassagen, teils abschüssigeres mit Fixseilen versichertes Gelände, immer jedoch exponiert und absturzgefährdet über dem Wandsockel. Etwa 15 Minuten später waren wir auf der bequemen Einstiegsterrasse angelangt, um 9.00 Uhr starteten wir mit der Kletterei.

Schon noch speziell, dass man einfach so zu Fuss mitten in eine der steilsten Felswände der Schweiz reinlaufen kann.
L1, 20m, 5b: Gemütlicher Auftakt in geneigtem Fels, der aber sehr interessant mit diversen Löchern gespickt und total lässig zu klettern ist. Die prima Absicherung mit 3 BH sorgt auch gleich für gutes Vertrauen in die Route und steigert die Vorfreude auf das was kommt...

Schluck... der Blick vom Einstieg nach oben. Die Route verläuft von hier ziemlich genau gerade hinauf. Auf dem Foto wirkt's leider nicht ganz so wie in der Realität, wo einem der Piz dal Nas wirklich beinahe auf den Kopf zu fallen droht.
L2, 35m, 6b+: ...und das ist eine Länge, welche in Bezug auf die Absicherung schon deutlich mehr "allegro" ist. Sieben Bolts, welche teils deutlich überstiegen werden wollen, säumen den Weg. Passt aber schon, zumindest solange es trocken ist. Wenn noch Feuchtigkeit drückt, so könnte einen die (anfällige, aber aktuell trockene) etwas staubige Passage unter dem Dach wohl herausfordern. Die Kletterei ist lässig. Steil bereits und griffig, dann eben die etwas staubige Platte, gefolgt von einem Dach und athletischer Henkelzieherei mit weiten Moves - nicht geschenkt für den Grad.

L1 bietet gemütliches Aufwärmen, in der hier abgebildeten L2 (6b+) will dann aber schon ein erstes Mal zugepackt werden...
L3, 45m, 6c: Nach einem Auftakt mit bereits etwas knifflig-steiler Wandkletterei, wo für einmal die idealen Henkel fehlen, geht's in einer überhängenden Verschneidung an griffigem, wasserzerfressenem Fels aufwärts. Es stecken 9 BH, gut abgesichert, aber man muss trotzdem marschieren dazwischen. Mich pumpt's doch schon bereits ein bisschen und ich frage mich insgeheim, wie es wohl um meine Akkus steht, und ob die bis zum Ende der Route reichen werden. Ja, tun sie - der Pump liegt wohl daran, dass diese Länge total bereits etwa 4m überhängt und für eine 6c nicht geschenkt ist. Klar, es ist jetzt nirgendwo mega schwierig, aber eben auch durchgehend streng und nie einfach.

...und in L3 (6c) kann man sich bereits den ersten Pump holen. Anhaltend und gerade die Schlusszüge haben es in sich.
L4, 35m, 6c: Im Topo steht zwar 7a+, aber meines Erachtens macht das wenig Sinn. Doch im Einzelnen: hier wartet betont senkrechte Wandkletterei, für einmal (zumindest abschnittsweise) eher kleingriffig. Der in der Mitte glatte Fels mit den Streifen und ein paar Crimps erinnert sogar sehr an Kalymnos-Wandklettereien wie die Path to Deliverance. Die 7a+ ergibt sich, wenn man beim vierten BH (der im grauen Streifen liegt, siehe Fotos) den linken gelben Streifen zur Fortbewegung nutzt. Nimmt man den rechten, so liegt die Schwierigkeit bei 6c. Nun ist's so, dass einen das Gelände automatisch nach rechts drängt, wenn man im Onsight dem einfachsten Weg folgt, links hinauf wäre unlogisch. Heisst aber nicht, dass ich kein Verständnis für die Angabe der Erstbegeher habe: so wie ich beim Abseilen inspizieren konnte, hat's eben links entgegen dem ersten Anschein doch ein paar Griffe und vor allem quert man oberhalb des besagten vierten Bolts eben wieder nach links zurück. Wenn man's also mal kennt, so ist die Wahl des linken Streifens (7a+ Variante) schon auch nachvollziehbar. Im Ausstieg dann noch eine knifflige Stelle an einer Verschneidung, dann hoch in die Höhle mit den vielen losen Steinen am Boden. Den rechten (Abseil)stand kann man auch auslassen und gleich noch nach links queren.

In L4 (6c), der rechte gelbe Streifen bildet die 6c-Variante, der linke die 7a+. Der Bolt steckt genau in der Mitte im Grauen.
L5, 25m, 7a+: Auch wenn's bereits etwas Effort gefordert hatte, die Ladestation in der Höhle war für uns noch nicht zwingend zu benutzen, also ging's gleich weiter. Augenscheinlich folgt hier nun der steilere und noch schwierigere Part. Los geht's gleich fulminant mit stark überhängender Kletterei an den für die Wand typischen, positiven Henkeln und Töffgriffen. Wobei eben an zwei Stellen zwingend ein Move an einem kleinen Griff zum nächsten Henkel erforderlich ist, was durchaus Saft fordert. Auch wenn's lässig zu beklettern ist, die Felsqualität in dieser Seillänge ist sicherlich nicht überragend. Die Features, welche man zum Klippen des ersten (vor allem) und vierten Hakens benützt, schienen mir auch etwas fragil und ausbruchsgefährdet... Mit etwas Herzklopfen habe ich sie trotzdem benützt (der Onsight war wichtiger...), natürlich haben sie gehalten. Nachdem man nach etwa 15m dann in etwas einfacheres Gelände entlassen wird, ist der Stand deutlich auf der rechten Seite zu suchen.

Von unten ist die Wand fotogener wie von oben. Angela folgt in L5 (7a+), welche zuletzt einfacher und etwas durchzogen ist.
L6, 25m, 7b: Es wird sogar noch etwas steiler, eine wirklich ganz lässige Seillänge mit total etwa 7m Überhang! Uns schienen die Einzelstellen in L5 etwas schwerer, hier ist's dafür etwas länger anhaltend und eventuell ein bisschen pumpiger. Wobei, eigentlich hat's hier wirklich durchgehend Henkel, Töffgriffe und grosse Suppenschüsseln, wirklich erstaunlich die Felsstruktur. Wer die Kraftreserven hat, kann hier den Onsight wirklich fast nicht vergeben. Am dritten Bolt vorbei erfordert eine Passage kurz etwas durchziehen und der fünfte will mit etwas Kühnheit über eine etwas intensivere Sequenz angeklettert sein. Wobei aber gesagt sei, dass die Absicherung hier (und in den anderen 7ner-Längen) tadellos, ja eigentlich +/- klettergartentauglich ist. Während die Bewertungen der Sechserlängen uns eher tough schienen, fanden wir hier im Vergleich dazu die Einstufungen schon auch passend, aber eher auf der wohlwollenden Seite.

Ausblick auf die Cruxlänge (7b), das Materialseil zeigt schön die Steilheit der Wand.
Die (etwas haltlose) Gegenperspektive. Yours truly im Nachstieg der 7b-Crux noch easy drauf...
L7, 30m, 6b: Locker, leicht und flüssig wechselte ich vom Flash-Nachstieg in der 7b auf den Vorstieg in dieser 6b. Doch der Fluss kam bald zum Stocken, will doch schon der erste BH nichttrivial angeklettert sein. Ob's an mir (fehlende Pause, dumm angestellt) liegt, oder doch einfach etwas schwerer wie angegeben ist?!? Schwer zu sagen, ich plädiere auf Zweiteres. Auch danach will jeder Move geplant und sauber ausgeführt sein. In diesem steilplattigen Abschnitt fehlen plötzlich die positiven Griffe, die bisherige Taktik von Anziehen und zum nächsten Henkel greifen funktioniert da definitiv nicht mehr, die Füsse wollen sauber gesetzt sein. Super schön und lässig aber! Am Schluss dann nicht nach rechts zum sichtbaren Stand der Route "Piz dal Nas", sondern links hinauf, wo sich die Haken etwas versteckt halten.

Auch das Finish von L7 (6b) bietet etwas alpines Gelände. Davor ist's aber sehr kompakt und für den Grad harte Währung.
L8, 25m, 7a+: Vom Standplatz aus ist die Länge schwer einzustufen und in Abschnitte zu unterteilen, sprich man weiss nicht so recht, wo's schwer wird. Schon die erste Wand in teils etwas schmierig-glattem Fels ist nicht so easy wie gedacht. Nach einem Rastpunkt wartet eine technische Zauberstelle an eher kleinen Strukturen nach rechts, gefolgt von einem kleinen Runout in eine Nische hoch (der vielleicht forderndste Abstand der Route mit ein paar kleingriffigen Moves 1-2m über dem Bolt - passt aber schon, gutes Sturzgelände). Zuletzt dann noch an Henkeln die stark überhängende Abschlusswand mit weitem Schlusszug, somit wäre das währschafte und abwechslungsreiche Menü dieser Seillänge gegessen.

Ausblick auf L8 (7a+) mit dem schmierig-glatten Beginn und der Zauberstelle, wo Angela gerade klettert.
L9, 25m, 6a: Die Ladestandsanzeige meldet mir, dass es mit ein paar weiteren Längen in Kragenweite der vier vorangegangenen dann bald einmal knapp mit dem Strom werden würde... in dieser Hinsicht ist sie wohl zuverlässig, aber das ist jetzt egal. Es wartet nämlich nur noch der Schlussabschnitt mit griffiger Kletterei an einem breiten Riss entlang im 6a-Bereich. Das sollte für diejenigen, die es hier hinauf geschafft haben, dann natürlich in fast jeder Lebenslage zu meistern sein. Der zweite Teil der Länge dann in etwas gschüderigem, geneigtem und einfachem Gelände, Steine hüten ist angesagt.

In L9 (6a) bin ich vorgestiegen, aber da war die Nachsteigerin im (einfachen) Schlussteil so schnell, dass es kein gutes Bild mehr gegeben hat. Daher hier nochmals eins aus L8 (7a+). Gerade unter dem Stand wartet noch eine athletische Stelle mit einem weiten Move, hat man diese Henkel in der Hand, kann dann definitiv nix mehr schiefgehen :-) 
Um 14.00 Uhr nach 5:00 Stunden Kletterei haben wir das Top erreicht und damit die erste Wiederholung der Route zustande gebracht. Notabene noch im besten aller Stile, was will man mehr?!? Wir wechseln die paar wenigen Metern hinüber auf den bequemen Platz auf der Nase, die Route endet etwas links davon und meidet so den extrem überhängenden Schlussabschnitt. Hier sind wir an der Sonne, doch das wohlbekannte Nordwand-Hochgefühl, wenn einem am Ausstieg die Sonne das erste Mal wieder ins Gesicht scheint, stellt sich nicht auf diese Art ein - es war nämlich beim Klettern stets sehr angenehm gewesen (T-Shirt beim Moven und Nachsichern, Faserpelz für die zweite Hälfte der Vorstiegs-Sicherungsarbeit) und hier wird es mit der Zeit beinahe schon zu heiss, heute wäre man in einer Südwand wohl gegrillt worden.

Einzigartig! Auf der Nase kann man sich an die Kante setzen und die Beine ins Leere baumeln lassen. Darunter kommen 400hm nichts als Luft. Somit also vermutlich einer der tubelisichersten Base-Exits der Schweiz (wenn man bei dieser Betätigung dieses Attribut verwenden kann). Da ziemlich abgelegen und nicht ganz einfach zu erreichen, trotzdem nicht allzu häufig gesprungen. Tja, von hier in 2 Minuten ins Tal hätte schon seinen Reiz - brauchten wir doch 2 Stunden.
Die Seilschaft in der Süpervitamin (7b), der Vorsteiger hat eben gerade mit der Cruxlänge begonnen.
Wir chillen und sehen einer Seilschaft zu, wo der Vorsteiger gerade in die uns beiden bestens bekannte 7b-Crux der Süpervitamin startet. Souverän meistert er den ersten Teil, der ruhige Kletterstil und das Fehlen von hektischen Bewegungen deuten auf grosse Reserven hin. Auch die Crux wird mit Entschlossenheit souverän gemeistert, was die Aussichten auf das Beobachten einer interessanten Flugeinlage doch ziemlich schmälert. Aber dann passiert's: just an jener Stelle, wo ich bei meiner Begehung den Abflug 3m über dem Haken (siehe Bericht) nur um Haaresbreite vermeiden konnte, geht's in die Tiefe. Wobei: damals, voll gepumpt mit Adrenalin, fightete ich an jener Stelle vermeintlich um mein Leben und hielt mich mit allem fest, was ich noch in und an mir hatte. Von hier aus der Distanz sieht's (obwohl für MSL-Verhältnisse ein respektabler Abgang ist) aber doch fast etwas unspektakulär aus. Aber das ist ja genau auch das Tolle am Klettern, dass der subjektive Thrill eben so viel höher ist wie die effektive Gefahr durch einen Sturz.

Habe nicht gewusst, dass Arcteryx auch Kugelschreiber macht - so kann man sich edel und teuer ins Wandbuch eintragen.
Biwakplatz der Erstbegeher in der grossen Höhle nach L4, aka Ladestation.
Nachdem die Show vorbei ist und bald eine Überdosis Sonne droht, machen wir uns ans Abseilen. Die Wand ist steil, etwas Pendeln und das Beherrschen des Handlings ist unerlässlich. Immerhin geht's aber eigentlich immer schön gerade hinunter. Auch wenn wohlbekannt ist, wie viel ich vom Einhängen von Exen beim Abseilen halte ("wenn's mit Pendeln geht, sicher nicht!") komme ich beim steilsten Abseiler in die Höhle hinein doch nicht darum herum 1x einzuklippen - auch so muss man noch tüchtig pendeln. Bald darauf sind wir retour am Einstieg. Es bleibt der Abstieg zurück übers Band. Vorsicht, in dieser Richtung ist's etwas heikler und Fehler liegen keine drin. Danach geht's zügig Richtung Tal. Wir kokettieren damit, im Schlänggen mit dem Motto "Witness the Fitness" noch eine 8a zu reissen, lassen dann aber trotzdem die Vernunft walten und laufen am fast verwaisten Garten vorbei. Noch vor 17.00 Uhr sind wir retour beim Auto und freuen uns auf ein kühles Getränk. Herzlichen Dank den Erstbegehern für die prima Route!

Byebye, bis zum nächsten Mal, ich komme sicher wieder. Die Linie der Duracell an der Nase schon sehr markant.
Facts

Titlis Nordwand - Duracell 7b (6c obl.) - 9 SL, 240m - Markus Wicky et al. 2016 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 10 Express

Der neue "Normalweg" auf den Piz dal Nas - was von unten unnahbar und beinahe unmöglich erscheint, ist dank der henklig-positiven Felsstruktur in der Titlis Nordwand eben doch mit nicht allzu hohen Schwierigkeiten machbar. Die Route bietet lässige Kletterei, die über weite Strecken athletisch und griffig ist. Auflockerungen mit Verschneidungspassagen und technischer Wandkletterei an kleineren Griffen gibt's aber auch, somit ein sehr abwechslungsreiches Menü. Die Felsqualität ist meist gut und vor allem sehr kletterfreundlich, auf den Bändern liegen aber (wie überall in dieser Wand) viele lose Steine herum, welche nur darauf warten, den Weg in die Tiefe anzutreten. An ein paar Stellen schadet etwas Umsicht bei der Griffwahl nicht, und natürlich war das Gestein auch noch überhaupt nicht abgeklettert und somit stellenweise etwas staubig oder brösmelig (bei einer ersten Wiederholung aber nicht anders zu erwarten und auch kein Problem). Somit also sicherlich eine lohnende Unternehmung mit eindrücklicher Linie, rein von der Kletterei her hat mir die Süpervitamin (und vor allem deren hammergeniale Cruxlänge) noch einen Tick besser gefallen - doch ich vergleiche natürlich sehr Gutes mit noch Besserem. Die Bewertungen der Erstbegeher passen unseres Erachtens, einzig L7 könnte man vielleicht noch ein bisschen aufwerten. Gesagt sei, dass wir die 6er-Längen eher tough, die 7ner-Längen dafür eher gutmütig für den Grad fanden. Die Absicherung mit grösstenteils verzinkten (unten) bzw. teilweise rostfreien Fixé-BH (oben) ist tiptop ausgefallen. Die schweren, athletischen Stellen sind auf Niveau xxxx sportklettermässig eingebohrt, in den 6er-Längen muss man teils auch etwas steigen (xxx), daher vergebe ich insgesamt die tiefere Note mit drei Kreuzen - es gibt aber keine gefährlichen oder psychisch sehr anspruchsvollen Stellen. Keile/Friends könnte man auf ein paar einfacheren Abschnitten sicherlich noch unterbringen, wenn man wollte. Wir fanden's aber genau so wie die Erstbegeher nicht nötig. Das im Topo empfohlene Prusikset um nach einem Sturz wieder an die Wand zu kommen - kann mir kaum vorstellen, dass dies für den Vorsteiger notwendig ist, da die steilsten Stellen eng gebohrt sind. Vielleicht für einen sehr überforderten Nachsteiger, der wirklich an der dümmsten Stelle rausfällt, doch selbst da bin ich skeptisch, ob's nicht ohne geht.

Hier noch die kompletten Infos zum Einbohr- und Rotpunkt-Team.

Sonntag, 21. August 2016

Ruchstock - Speck-Kante (7a)

Ich könnte an dieser Stelle von unser idealen Planung berichten, d.h. wie wir es bei widrigen Verhältnissen trotzdem geschafft haben, eine trockene und lohnende Kletterroute zu finden. Das wäre aber dann ein bisschen gelogen. Mit dem Ruchstock ist es nämlich ein bisschen ein Kreuz. Schon lange haben wir die beiden Routen Black Mamba und Dream Team durch die Südwand auf dem Radar. Doch einmal wurde ich in der Nacht vor der Tour plötzlich krank, ein anderes Mal hielt uns die Arbeit kurzfristig von einer Begehung ab und ja dieses Mal, da wurde es auch wieder nichts. Immerhin, so knapp wie dieses Mal sind wir noch nie gescheitert.

Alles wie frisch gewaschen... auf Ristis, bei der Bergstation der Brunnibahn vor dem Aufbruch.
Die Wetterprognose lautet auf einen trocken-sonnig-warmen Tag, ein bisschen Niederschlag am Vortag sollte der Begehung nicht im Wege stehen. Doch spätabends, als wir unser Ziel bereits fixiert haben, geht über Engelberg noch ein heftiges Gewitter nieder und deponiert 45mm Regen, ein Drittel des durchschnittlichen Monatsniederschlags. So erstaunt es dann nicht, dass die sich Wände im ganzen Talkessel am nächsten Morgen schwarz vor Nässe präsentieren. Da wir vor Ort sind und nicht noch in der Weltgeschichte herumfahren wollen, um an den nächsten Orten dasselbe Bild zu sehen, machen wir uns trotzdem auf den Weg. Womöglich würde ja die starke Sonneneinstrahlung der Nässe rassig den Garaus machen. Bei dem rauen Hochgebirgskalk und der Wandkletterei, welche die Routen bieten, ist das ein durchaus realistisches Szenario.

Schön anzusehen, aber einfach nicht ganz ideal für die Felstrocknung, diese Quellwolken.
So gondeln wir mit der Bahn nach Ristis und laden auch das Mountain Bike mit ein. Das kostet nur 4 CHF extra, ist somit günstiger als die Retourfahrt und bildet den Joker für einen bequemen Weg ins Tal, falls man die letzte Fahrt abends verpassen würde. Von Ristis (1599m) radelt man bequem auf nicht allzu steil ansteigender Teerstrasse bis zum Rigidalstafel (1747m) bzw. bis zum Vogelloch wenig oberhalb. Dort steht das Schild "Ende der Bikestrecke", und man müsste dieses auch für rund 100hm bis zum Holzstein schieben oder schultern. Danach wäre der mit etwas Auf und Ab nahezu horizontal verlaufende Pfad bis zum Planggenstafel wieder gut fahrbar, für jene die genügend Saft in den Beinen haben mit wenigen Schiebepassagen sogar der ganze Aufstieg bis zur Rugghubelhütte. Vor allem der Downhill von daselbst würde dann allererste Güteklasse aufweisen. Das alles jedoch im Konjunktiv, denn nebst dem ersten Schild am Rigidalstafel trifft man danach auf drei weitere Schilder, welche das Biken im Jagdbanngebiet untersagen.

Die Südflanke des Ruchstock mit dem besten Wegverlauf hinauf zur Route (ca. T5).
In 1:20 Stunden ab Ristis waren wir in der Hütte, von da wären es noch ca. 20 Minuten an den Einstieg. Leider herrschte aber nicht eitel Sonnenschein, sondern es waberte reichlich Quellbewölkung herum, so dass sich die Situation an der Wand noch nicht zu unseren Gunsten verbessert hatte. Also gingen wir erst mal eins trinken und trafen auf eine weitere Seilschaft, welche auch den Ruchstock auf dem Radar hatte und auf Besserung wartete. Nach einer Weile (bei immer noch unveränderter Lage) beschlossen wir, doch wenigstens mal am Einstieg nachzusehen. Erst noch dem Pfad entlang, dann die Grashänge hinauf und zuletzt die etwas mühsame Querung der labilen Geröllhänge - nur um zu sehen, dass die Wand nicht nur schwarz vor Nässe war, sondern dass ganze Kaskaden über den Routenverlauf tropfen. Da war dann gleich klar, dass dies nicht von einer Stunde Sonne in einwandfreien Zustand kommen würde. Somit war eine gute Alternative gefragt...

Gefunden, irgendwo im nirgendwo. Schon erstaunlich, wie selbst eine ganz einfache Beschreibung ausreicht, um den Einstieg aufzufinden, sofern der Weg dorthin und auch die Route absolut logisch sind.
Unsere Sandwiches verspeisend entschieden wir, einmal rechtsrum im Schrofengelände aufs Band in Wandmitte zu kraxeln. Dort wollten wir entweder die Speck-Kante (5 SL, 7a) anpacken, welche sich an einem Turm rechts aussen befindet, oder dann notfalls einfach den oberen Wandteil einer der langen Südwandrouten klettern. Der Aufstieg ist nicht allzu schwierig (ca. T5), aber doch exponiert und ein Ausrutscher liegt nirgendwo drin. Zusammen mit dem nassen Gras und dem komplett durchweichten Boden war reichlich Aufmerksamkeit nötig. Der beste Weg ist übrigens absolut logisch, und in der Toposkizze von Erstbegeher Sämi Speck (siehe unten) auch nachvollziehbar eingezeichnet. Im Gelände findet man zudem hier und da einen verblassten, roten Pfeil, der einem die Routenwahl bestätigt. Was wir zu Gesicht bekamen, war immerhin erfreulich. Der freistehende Turm der Speck-Kante, ohne jede Vegetation, war augenscheinlich trocken und würde einen Versuch zulassen. Um 11.55 Uhr und damit nach 3:45 Stunden nach unserem Aufbruch in Ristis waren wir (natürlich mit vielen Pausen und Umwegen) startbereit.

L1, 40m, 6a+: Nach den ersten, noch etwas brüchig-einfachen Metern sehr schöne Kletterei in rauem, kompaktem Hochgebirgskalk. Das Gestein ist speziell geschichtet, es gibt viele grosse, runde Griffe und Aufleger, aber kaum positive Henkel. Beim Klettern gab der Fels (zumindest uns) immer ein bisschen das Gefühl, dass wir uns ungeschickt anstellen - liegt wohl daran, dass das raue und nicht allzu steile Gestein den Eindruck vermittelt, hier einfach hochtänzeln zu können. Wegen der anhaltenden Rundheit müssen die Moves aber sorgfältig geplant werden.

Blick vom Einstieg nach oben. Sieht vielversprechend aus, cooles Wolkenbild dazu!
L2, 30m, 6b: Nun geht's nur wenig rechts der Kante steiler aufwärts. Sehr schöne Kletterei an immer noch vorwiegend runden Strukturen, mit ab und zu einem (natürlich ebenfalls abgerundeten) Riss, der einen Seitgriff hergibt. An sich gut abgesichert, mit zwei längeren Runouts in einfacherem Gelände in der Mitte, welche den Rahmen von xxxx-Absicherung sprengen. Der Fels natürlich auch super rau, Speck ist wohl der Name des Erstbegehers, aber ganz und gänzlich nicht die Situation am Fels.

Schöne Kletterei in rauem Hochgebirgskalk mit vielen runden Strukturen (wäre ideal für eine Finger-Reha!): L2, 6b.
L3, 25m, 6a: Es wird noch besser, es kommt die bisher schönste Seillänge. Die Zone unter dem grossen Überhang weist allerbesten, wasserzerfressenen Fels auf. Nun hat's auch einige griffige Tropflöcher und Briefkastengriffe der allerersten Güte. Ein grosser Genuss, hier hochzusteigen.

Sehr schöne Kletterei in fantastischem Fels wartet in L3 (6a).
L4, 35m, 7a: Achtung, hier gibt's zwei Varianten. Direkt ob dem Stand hoch führt die "Direkte Speck-Kante" (7b, siehe Beschreibung unten). Die Route führt aber eigentlich erst in einem Quergang nach rechts, und dann die Wand hinauf. Erst geht's eng abgesichert und noch recht griffig in schönem Fels aufwärts. In der Mitte kommt dann die Crux: der Fels ist irre rau, aber nicht so wirklich griffig. Technisch zaubern in senkrechtem Fels heisst es da für ein paar Meter, vor allem ist die beste Passage ob den unendlich vielen, etwa ähnlich guten oder eben schlechten Griffmöglichkeiten kaum zu erkennen. Pokern heisst es da, meine Variante geht jedenfalls in einem Onsight auf. Trotz der sehr guten Absicherung hatte ich den Eindruck, dass die schwersten Moves recht zwingend sind - aber vielleicht täuscht's auch, und man würde bei Verwendung einer Trittschlinge doch mit 6b A0 durchkommen. Zuletzt dann noch 10 einfachere Meter in plattiger Verschneidungswand zum Stand.

Coole Kletterei und das Ambiente passt: L4, 7a.
L5, 25m, 6b: Nun geht's noch auf den steilen Turm hinauf. Das Gestein sieht etwas nach Klausen-Klötzlifels aus. Allerdings entpuppt es sich als solide und ist auch cool zu beklettern. Eher etwas technisch und fein im ersten Teil, grossgriffiger und leicht überhängend dann zum Abschluss, wirklich lässig.

Klötzlifels in solider Ausprägung, hinauf auf den steilen Turm: L5, 6b.
Etwas vor 14.00 Uhr sind wir nach 2:00 Stunden Kletterei beim Ausstiegsstand. Wir steigen noch die wenigen Meter zum von uns Spitz Speck (oder auf Schweizerdeutsch eben "Schpitz Späck") genannten Gipfel auf. Leider gibt's weder ein Routen- noch ein Gipfelbuch, aber wir vermuten, dass hierhin noch nicht viele Begeher ihren Fuss gesetzt haben. In allen anderen Routen von Sämi, die zur selben Zeit erstbegangen wurden, hatte ich mir in den letzten Jahren eine Wiederholung bei noch einstelliger Besucherzahl buchen können. Somit dürfte hier, bei dieser eher kurzen Route mit sehr langem Zustieg bei ähnlichem Charakter und Schwierigkeit, eher noch weniger bzw. eben gar nicht geklettert worden sein. Wir halten uns eine Weile auf, bauen einen Steinmann und geniessen den Ausblick ins wilde, hintere Rugghubelgebiet. Landschaftlich ist's wirklich schön hier oben, das kriegt man definitiv etwas für den weiten Zustieg entschädigt. 

Oben auf dem Spitz Speck, wie viele waren vorher schon da?!?
Mein Plan ist es, der 7b-Länge an der direkten Kante noch einen Versuch zu geben. Wir seilen also 2x25m ab und stehen wieder am Stand nach L3. Meine Erwartungen und Hoffnungen werden erfüllt, ich kann auch diese Seillänge gleich im ersten Go punkten. Nachdem man direkt darüber abseilt habe ich gleich die Exen platziert und die Augen hatte ich natürlich auch nicht verbunden. Je nach persönlicher Ethik also ein Rotpunkt, Flash oder Onsight ;-) Eigentlich ja egal wie es heisst, das Ziel war hier einfach grad durchzusteigen, und das ist gelungen. So richtig schwer ist eigentlich nur eine kurze Passage, welche ein paar originelle kleine Schlitze und Löcher bei mässigem Trittangebot bietet und kurz entschlossenes Durchziehen verlangt. Der Rest der Seillänge bietet Genusskletterei im 6bc-Bereich in prima rauem Gestein. Wer möchte, kann übrigens (obwohl es im Topo nicht so aussieht) auch vom Stand dieser Variante danach noch L5 klettern.

Jonas folgt in der schönen 7b-Länge der direkten Kante, welche wir uns zum Dessert noch gegönnt haben.
Wir seilen danach zum Einstieg ab und wechseln das Schuhwerk. Sonne sei Dank haben die im Aufstieg komplett durchnässten Socken und Schuhe wieder eine akzeptable Trockenheit erreicht und auch im Gelände ist's nicht mehr so arg nass. Im unteren Wandteil von Black Mamba und Dream Team hat sich die Lage auch gebessert. Es verbleiben aber immer noch ein paar Wasserstreifen, also heute wäre da definitiv nicht zu holen gewesen. So steigen wir an vielen hüttenwandernden Personen (v.a. Familien) vorbei zu unseren Bikes ab, bevor der rasante Downhill nach Engelberg erfolgt. Das Fazit am Schluss ist glasklar: a) die Bike-Abfahrt fägt, das nächste Mal nehmen wir das Bergrad sicher wieder mit und b) auch wenn uns die langen Routen am Ruchstock erneut entgingen, die Speck-Kante war ein ganz nettes Tüürli. Klar, das Verhältnis von Zustieg zu Routenlänge ist leicht suboptimal. Das kümmert uns aber nicht weiter, den Wetterkapriolen zum Trotz gab's doch noch ein ganz gmögiges Tägli mit wirklich lohnender und zudem auch sportlich erfolgreicher Kletterei - a good day out in the mountains!

Facts

Ruchstock - Speck-Kante 7a (6b obl.) - 5 SL, 150m - Sämi Speck 2006 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 10 Express, Keile/Friends nicht nötig

Nette Route an einem einsamen, abgelegenen Turm in der oberen Ruchstock-Südflanke, welche wohl kaum Begeher sieht. Das liegt am langen Zustieg, welcher von Ristis auch bei zügigem Gehen rund 2.5 Stunden in Anspruch nimmt. Das schmälert die Attraktivität der Route, weshalb als Gesamtunternehmung nur ** angebracht sind. Es sei denn, man wandere gerne, sei gerade in einer Phase mit Konditionstraining oder sonstwie motiviert, diesen Ort aufzusuchen. Die Kletterei allerdings ist wirklich lohnend, der raue Hochgebirgskalk von guter Qualität und wie unsere Erfahrung zeigt, auch sehr schnell trocken. Bei der Absicherung hat sich Sämi Speck nicht lumpen lassen. Die BH stecken regelmässig und in freundlichen Abständen, nur im einfacheren Gelände muss man einmal ein paar Meter weiterklettern, Keile/Friends sind nicht nötig. Weil es in der Einstiegslänge sowie in L4 jeweils zwei Varianten gibt, können Motivierte noch zwei Zusatzlängen klettern. Besonders die 7b-Variante an der direkten Kante ist wirklich prima. Weil auf den Bändern reichlich Schutt herumliegt und ein Abseilen ohne Steine in die Tiefe zu schicken kaum möglich ist, verträgt es in dieser Route nur eine Seilschaft aufs Mal. Das dürfte jedoch aufgrund der tiefen Begehungsfrequenz kaum ein Hindernis darstellen, und eine Eigengefährdung ist nicht vorhanden.

Topo

Das Topo vom Erstbegeher Sämi Speck passt hervorragend, da braucht's nichts anderes. Danke Sämi!


Mittwoch, 17. August 2016

Sportklettern in den Dolomiten

In die Dolomiten fährt man doch nicht zum Sportklettern... - so wird wohl mancher denken. Dem stimme ich aus meiner Sicht eigentlich voll und ganz zu. Trotzdem, nicht immer lässt das Wetter lange und alpine Ausflüge zu, Familien sehen sich sowieso mit anderen Herausforderungen konfrontiert und steilen Fels sowie mit BH abgesicherte 1-SL-Touren gibt's auch eine ganze Menge. Hier als Orientierungshilfe eine kurze Übersicht über die Gärten in der Region Gröden - Sella - Alta Badia, welche ich bisher ausprobiert habe.

Ganz und zuallererst: ich sehe die Dolomiten persönlich auch nicht als Sportkletterdestination. Einerseits sind da die langen Touren, die einfach mehr locken und so richtig Eindruck machen. Andererseits empfand ich auch die Qualität der Klettergärten aus sportklettertechnischen Gesichtspunkten nicht als überaus lohnend. Klar gibt's hier und da herausragende Seillängen und für eine gewisse Zeit findet man sicher die entsprechenden Herausforderungen. Insgesamt stufe ich die bisher bekletterten Gärten der Region aber irgendwie doch als Alternative dafür ein, wenn die Umstände das MSL-Klettern nicht zulassen.

Cogoi / Pian Schiavaneis

Ein bequemer Platz in der Nähe vom Sellapass, trotz nur 10 Minuten Zustieg in einer wirklich schönen, ruhigen, alpinen Landschaft zwischen Piz Ciavazes und Sass Pordoi gelegen. Es hat gegen 100 Routen, nebst einigen kurzen Kinderrouten geht's so ab 6b-8b richtig ab. Im Hauptsektor mit seiner steilen Südwand geht am grossen Überhang auch bei Regenwetter noch etwas. Die flache Wiese und die ungefährliche Umgebung machen dieses Gebiet voll kindertauglich, zudem hat's herzige, fast zahme Murmeltiere (das kann man wohl als Attraktion und Gefahr zugleich bezeichnen). Die Kletterei ist steil, athletisch und zeichnet sich im Hauptsektor durch viele geschlagene Griffe, v.a. gebohrte Löcher aus und fühlt sich daher etwas wie eine Outdoor-Kletterhalle an. Vieles ist auch ein bisschen abgetreten und schmierig. Ganz sicher kann man hier also seinen Bizeps strapazieren und allenfalls überschüssige Kräfte effizient loswerden. Weitere Infos inklusive Zustiegsskizze und Routenlisten gibt's bei Planetmountain.

Die steile Kunstgriff-Wand im Hauptsektor von Pian Schiavaneis, hinten der Sass Pordoi.

Cansla / Traumpfeiler

Es ist grenzwertig, dieses westexponierte Gebiet am Sellapass noch als Klettergarten zu bezeichnen, und ein Sportklettergebiet würde ich es schon gar nicht nennen. Es gibt zwar in den Platten rechts vom Traumpfeiler rund 50 meist kurze Einseillängenrouten von 5b-7b als Baseclimbs. Achtung, dort herrscht etwas Steinschlaggefahr und es ist keine geeignete Umgebung für Familien, auch wirken die Routen rein visuell für mich nicht so attraktiv. Das Herzstück des Gebiets ist der Traumpfeiler, dort findet man komplett und eng geboltete MSL-Kletterei mit je nach Route zwischen 3-7 SL. Im Vergleich zu Marmolada und Civetta geht das natürlich als Klettergarten durch, sonst wohl eher nicht. Für mich eine ideale Herausforderung bei nicht ganz idealem Wetter, auch da die Klettereien sehr lohnend sind. Hier mein Bericht zur Route Traumschiff, und der Link zum Gebietstopo bei Planetmountain.

Die Südwand der Meisules della Biesces, mit dem Traumpfeiler im unteren Teil und Baseclimbs am Wandfuss.

Bernardi / Wolkenstein

Dieses kleine Gebiet liegt unweit von Wolkenstein im Grödner Tal bei den ersten Kehren der Strasse zum Sellapass im Wald. Es ist nach NE exponiert, komplett im Wald und daher schattig gelegen. Die Wand ist nur 10-15m hoch, der Zustieg beschränkt sich auf problemlose 10 Minuten und der etwas gestufte, mit Rasenteppichen ausgelegte Einstiegsbereich darf als kinderfreundlich gewertet werden. Der löchrige Dolomit überzeugt mit seinen coolen, athletischen Klettereien, leider hat's nur gerade 12 kurze Routen von 6b-7b. Für 7a-Kletterer ein idealer Zeitvertrieb, wer in der Nähe logiert und das passende Niveau hat, kann hier sicher auch ein Projekt für mehrere Besuche identifizieren. Nach stärkeren Regenfällen muss man unter Umständen mit Restfeuchtigkeit rechnen. Hier gibt's eine Routenliste, welche für einen Besuch durchaus ausreicht: klick!

Bequem mit Rasenteppich ausgelegter Einstiegsbereich im Klettergarten Bernardi, besser als der sonst übliche Staub.

Cava / St. Ulrich

Wer von der Brenner-Autobahn Richtung Gröden fährt, der kommt hier kurz vor St. Ulrich zwingend direkt vorbei, weil der ehemalige Steinbruch unmittelbar an der Hauptstrasse liegt. Einem Erdwall sei Dank ist man von dieser aber doch etwas getrennt und wenn nicht gerade Hauptverkehrszeit herrscht, dann geht's schon vom Ambiente her. Als kindertauglich kann man das Gebiet durchaus auch bezeichnen. In Bezug auf die Kletterei, es gibt hier etwa 35 Routen von 5c-8a+ in rotbraunem Quarzporphyr. Manche Routen spielen sich vorwiegend an (hässlichen) künstlichen Grifflen ab, ein paar natürliche und daher lohnendere Linien gibt's auch. Die Bewertungen sind teils auch etwas komisch, die schweren Touren oft fast unmöglich bouldrig. Insgesamt würde ich diesen Klettergarten eher als Notlösung bezeichnen, der sich gerade mal für einen kurzen Zwischenstopp anbietet. Wegen der sonnigen Südexposition kann man hier sowieso nur in der kalten Jahreszeit, oder dann früh morgens oder abends klettern. Einen Pluspunkt gibt's noch: nach Regen trocknen die Routen sehr schnell, und auch bei leichtem Regen (nicht aber bei anhaltendem Schiff) geht noch etwas. Hier gibt's eine Routenliste, mit welcher man sich zurechtfinden sollte.

Blick auf den Klettergarten La Cava bei St. Ulrich.

Frea / Grödner Joch

Ein alpin anmutendes Gebiet, welches nur wenige Minuten über der Strasse zum Grödner Joch und unweit von diesem liegt. Eigentlich eine schöne Gegend, allerdings ist man dem Verkehrslärm hier ziemlich exponiert. Der Klettergarten hat mehrere Etagen übereinander, man kann/muss so auch mehrere SL am Stück klettern. Daher mit Kindern eher nicht so geeignet, die Sache hat eher den Charakter von kurzen Alpinrouten denn wirklichem Sportklettern. Insgesamt sind's etwa 120 Routen von 4a-7c, nach NW exponiert, darum gibt's nur Abendsonne. Die Kletterei ist schön, teils plattig, teils steiler mit griffigen Aufschwüngen und Löchern. Eigentlich richtig gute Dolomitenkletterei, allerdings gibt's kaum athletisches Dauerpower-Sportkletter-Gelände. Nach Regenfällen und im Frühling bleiben viele Routen längere Zeit nass. Weitere Infos findet man z.B. hier, wobei man im Netz keine vernünftige Übersicht erhält und ein käufliches Topo nützlich ist.


Tridentina / Grödner Joch

Auf der Badia-Seite am Grödner Joch, unmittelbar beim Parkplatz zur Ferrata Tridentina und unter den berühmten MSL-Wänden am Brunecker Turm bzw. Mur del Pisciadu findet man diesen rund 90m hohen Felsriegel. Daher gibt's auch hier Routen von bis zu 3 SL, allerdings sind das meiste Baseclimbs. Meist klettert man in gelbem, löchrigem, überhängendem Gestein, ähnlich z.B. wie in in den Einstiegslängen der Oro e Carbone oder Anton aus Tirol. Die Schwierigkeiten der rund 60, nach Norden exponierten und daher schattigen Routen bewegen sich von 6a-7c. Der Zustieg ist nur wenige Minuten und der Einstiegsbereich meist eben, daher durchaus kindertauglich und im Prinzip ein wirklich gutes Sportklettergebiet. Minuspunkte gibt's vor allem in zweierlei Hinsicht: leider bleiben die Routen sehr lange nass (bzw. zumindest feucht), so macht's an den oft etwas schlammigen Löchern nur so halbwegs Freude. Zudem sind viele Routen mit eingeklebten Billig-Gerüstösen ausgerüstet, welche in diesem Feuchtebiotop leider bereits einen schauderlichen Rostzustand aufweisen. Wer dem ausweichen will, ist auf eine deutlich kleinere Selektion an Routen mit Expansionshaken angewiesen. Eine Routenliste findet man hier, sie sind vor Ort meist angeschrieben.

Hinten die MSL-Wände von Brunecker Turm und Mur del Pisciadu, im Vordergrund der Tridentina-Klettergarten.

Eiszeit / Grödner Joch

Ebenfalls auf der Badia-Seite am Grödner Joch, ebenfalls beim Tridentina-Parkplatz in nordseitiger Exposition findet man dieses Gebiet mit weiteren rund 60 Routen von 6a-8a. Etwas am Hang gelegen mit abschüssigem (aber grundsätzlich ungefährlichem) Einstiegsgelände, daher höchstens mit älteren Kindern geeignet, oder wenn sich diese gleich unten im flacheren Gelände am Parkplatz tummeln wollen. Die Kletterei hier ist v.a. im eindrücklichen Hauptsektor steile Wandkletterei an Leisten und Löchern. Da kann man für einmal sagen, wirklich gute Sportkletterrouten! Wegen der Höhe und der schattigen Lage bleibt's nach Regenfällen auch eine Weile nass/feucht, allerdings nicht ganz so extrem wie im Tridentina-Sektor. Eine Routenliste findet man hier.


Sass Dlacia

Den Sass Dlacia findet man bei St. Kassian an der Strasse zum Passo Valparola. Er wird vom gleichen Parkplatz aus angegangen, wie man auch für das alpine Abenteuer an der Cima Scotoni startet. In etwa 10 Minuten erreicht man eine bequeme, grosse Wiese mit Picknickplatz unterhalb der Felsarena. Über mehrere Sektoren verstreut gibt's hier über 300 Seillängen zu finden. Wir waren an den steilen, bis zu 40m hohen Felsblöcken Sorcini und Sorci Verdi. Hier gäbe es etwa 80 Sportklettertouren in steilem, griffigen und schattigem Gestein, das mehrheitlich gut aussieht. Allerdings waren im Sommer 2016 nach einer durchaus passablen Wetterperiode +/- alle Touren noch nass oder zumindest feucht. Das steile, terrassierte, etwas unwegsame und grob-geröllige Einstiegsgelände ist auch nicht so bequem und (v.a. mit Kindern) etwas suboptimal. So sind wir dann an die Hauptwand gewechselt. Hier von einem Klettergarten zu sprechen, ist relativ - in der 250m hohen Wand gibt's bis zu 7 SL lange Routen, jedoch auch zahlreiche Baseclimbs. Hier sind wir ein paar lässige Touren in senkrechtem, gutem, löchrigem  und weniger feuchteanfälligem Dolomit, gewürzt mit henkligen Dächern geklettert. Da ein bisschen steil am Hang gelegen und am Fuss einer hohen Wand fehlt auch hier etwas das Feeling eines bequemen Klettergartens. Wer sich hier zurechtfinden will, kommt um die Anschaffung eines vernünftigen Topos nicht herum.

Picknickwiese unter dem Sass Dlacia, hinten die 250m hohe Wand, davor gibt's noch diverse Blöcke mit Routen.

Crepa da Valparola

Das ist ein kleiner Felsblock von rund 10m Höhe, direkt an der Strasse zum Passo Valparola gelegen. Der Zustieg beschränkt sich auf wenige Sekunden, da sich die Routen unterhalb der Strasse auf der abgewandten Seite befinden, ist man dem oft üppigen Verkehr aber trotzdem nicht allzu stark ausgesetzt. Hier gibt es 10 Routen von (angeblich) 6b bis 7c, welche nach NW ausgerichtet sind. Es handelt sich um überhängende Wandkletterei an ungriffigen Rissen, Leisten, Auflegern und Löchern. Der grösste Negativpunkt neben dem kleinen Angebot sind die leider komplett unrealistischen Bewertungen. Ich bin beide 6b-Routen geklettert und würde diese beide im Bereich 7ab einordnen, sämtliche Längen bis und mit, welche ich auf Dolomiten-MSL geklettert bin, sind zweifellos einfacher. Die 7a rechts daneben ist dann nochmals ein Stücklein härter, und zum Probieren der schweren Routen bin ich erst gar nicht gekommen. Wer also sein Ego oder seine Fähigkeiten auf die Probe stellen will, der kann hier ohne grossen Zustieg bei kinderfreundlichem Wandfuss angreifen, eine Routenliste findet man hier. Noch besser klettert es sich wahrscheinlich jedoch im 15 Minuten vom selben Ausgangspunkt entfernten Garten Salares mit seinen rund 40 Routen von 6b-8a, diesen habe ich jedoch nicht selber ausprobiert.

Das ist der Block an der Strasse zum Passo Valparola mit seinen hart bewerteten Routen.

Cinque Torri

Über unsere MSL-Klettereien an den Cinque Torri hatte ich ja bereits in einem eigenen Beitrag berichtet. Natürlich gibt's hier noch viele weitere Möglichkeiten, von 1-SL-Baseclimbs zu MSL-Unternehmungen von bis zu 7 SL. Von geneigter Wandkletterei in den unteren Graden bis zum kurzen, bouldrig-überhängenden Sportkletter-Testpiece im Grad 8b gibt's hier fast alles. Zwar in schöner und spannender Umgebung gelegen, aber eben auch ziemlich verzweigt und wenig zusammenhängend. Daher irgendwie auch nicht so ein richtiges Sportklettergebiet erster Güte, sondern mehr ein Trainingsgebiet für alpine Unternehmungen, wo man auch Baseclimbs bis in hohe Schwierigkeiten findet. Ohne einen guten Topoführer ist es hier schwierig, die Übersicht zu behalten.

Sicht auf die Cinque Torri vom Rifugio Scoiattoli.
Natürlich stellen die hier präsentierten Gebiete nur einen kleinen Teil der Möglichkeiten im weiten Gebiet der Dolomiten (oder gar Südtirol) dar. Insbesondere südlich von Toblach und um Cortina herum gibt's noch viele weitere Möglichkeiten, genauso wie anderswo auch. Vielleicht macht sich ja sonst noch jemand auf Entdeckungsreise und mag von seinen Erkenntnissen berichten.